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Wer sind Wir? – Plädoyer für eine plurale Gesellschaft

In Zeiten, wo Donald Trump zum Präsidenten gewählt wird und Rechtspopulisten europaweit auf dem Vormarsch sind, stellt sich die Frage nach dem Kern unserer Gesellschaften besonders dringend. Was hält uns zusammen? Was braucht es für ein »Wir«? Was müssen wir gemeinsam haben, wo können wir uns unterscheiden?
Die Titelgeschichte der aktuellen Ausgabe HOHE LUFT ist ein Plädoyer für eine plurale Gesellschaft ohne Illusionen.

Aus gegebenem Anlass können Sie den Artikel »Wir sind viele!« von HOHE LUFT-Chefredakteur Thomas Vašek und dem stellvertretenden Chefredakteur Tobias Hürter auch online lesen und sich gemeinsam mit uns der Frage widmen: Wer sind Wir?
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»Wir sind viele!«, HOHE LUFT 5/2016, Illustration: Stephanie Wunderlich

»Wir sind viele!«, HOHE LUFT 5/2016, Illustration: Stephanie Wunderlich

Um Demokratie und die Gefahren des Populismus geht es auch im Schwerpunkt des aktuellen Heftes, das Sie hier bestellen können.

5 Kommentare

  1. Oliver Weber sagt

    Ein schöner Text, sicher. Aber ein guter? Dass das Wir anfällig für Totalitarismen jeder Art ist, sollte das 20. Jahrhundert hinreichend gelehrt haben. Die Autoren schlagen nun und deswegen vor, begrifflich aus dem Kollektiv mit Identität ein Kollektiv der Differenzen zu machen, weil sich ja nicht jeder mit der ‚Identität‘ identifizieren könne und daher Ausgrenzung und De-Humanisierung vorprogrammiert seien.. Das ist einleuchtend und der Vorschlag nett – aber ist er auch anwendbar? Ohne Identität, ohne wesentlich gefülltes Wir, welchen Grund gibt es, in einer gemeinsamen Demokratie zu leben? Wenn sich das Kollektiv in reine Unterschiedlichkeiten auflöst, warum brauchen wir eine Armee? Ein Parlament? Einen Staat? Warum sollte ich nicht mit Österreichern Politik machen, die mir als Bayer näher sind, als Berliner? Oder absurder: Was unterwerfen _Wir-Fahrgäste_ uns dem Diktat des Bonner Gesetzesblatts?

    Eine politische (liberal-demokratische) Gemeinschaft entsteht ja erst im zweiten Schritt durch die Einigung auf universelle Rechtsprinzipien. Dass sich eine Gruppe Individuen überhaupt als solche Gemeinschaft versteht, muss der demokratischen Reglung der gemeinsamen Anliegen freilich vorausgehen. Diese Einwände sind keine grundsätzlichen – und ja auch schon länger bekannt (vgl. Böckenförde-Diktum). Ich frage nur, kann eine ’nationale Identität‘ aus der sterilen Befürwortung des Prinzips Differenz bestehen? Oder braucht es ein Grundverständnis der wesenhaften Gemeinsamkeit, das dann Pluralität in gewünschten Maß ermöglicht? Ich stelle hier Fragen, weil ich die Antworten nicht endgültig kenne. Aber ich habe Zweifel, dass die reine Unterschiedlichkeit ausreicht, wie sie auch Carolin Emcke pries, für die Konstitution unserer politischen Gemeinschaft, auf deren Fundament die Demokratie steht. Bekanntlich fragte unser Bundespräsident auch sie, welche Berechtigung in ihrer Wir-Philosophie noch die Nation hätte. Und wenn sie keine hat, so sei die Frage erlaubt: wer herrscht; und: mit welchem Recht?

  2. Thomas Vasek sagt

    Vielen Dank für Ihren bedenkenswerten Beitrag. Das »schwache wir«, das in dem Artikel postuliert wird, besteht eben nicht allein in der Pluralität, das wäre in der Tat zu wenig. Seine ontologische Grundlage ist vielmehr die Kontiguität, also ein gewisses Miteinander-zu-tun-haben, etwa durch das Eingebundensein in soziale Praktiken, das sozusagen eine minimale Gemeinsamkeit sicherstellt, die aber eben nicht „wesenhaft“ ist. Dieses Kriterium ist m. E. jedoch nicht hinreichend, es braucht die normative Abstützung durch den geforderten Respekt für Differenzen. Um ein konkretes Beispiel zu geben, das im Text nur angedeutet ist: Wenn Sie z.b. mit einem Muslim zusammenarbeiten, dann entsteht ein gewisser „Kontakt“, mit bestimmten gemeinsamen Bezügen. Daraus kann sich aber nur dann ein „wir“ (in dem beschriebenen schwachen Sinne…) entwickeln, wenn Sie den anderen als Muslim wenigstens respektieren (und umgekehrt). Zugleich wird sich dieses „wir“ wieder auflösen, wenn Sie nichts mehr miteinander zu tun haben. Ob das eine Identität begründen kann, lasse ich mal bewusst dahingestellt. Mir scheint es eher darauf anzukommen, dass ein solches «schwaches wir« Menschen eine – wenn auch kontingente und temporäre – Zugehörigkeit vermittelt. Das ist es, was wir brauchen – nicht eine ethnisch oder sonstwie fundierte kollektive „Identität“.

  3. Hinsichtlich der Art der hergestellten Beziehung wäre auch eine Vorstellung dahingehend denkbar, dass das deutsche Wort „wir“, welches nach den Regeln von Sprache ein „nicht wir“ generiert, und daher in der Vergangenheit nicht in 3. Person Plural verwendet wurde, sondern im Dual „wir beide“, was ein konkretes Ereignis zum Gegenstand hatte, das entstandene „wir“ im Plural nichts anderes ist als die Übertragung des Pluralis Majestatis von einer Einzelperson auf mehr als zwei Personen, zum Zwecke, ein erhobenes „man“ zu bilden, dem eine „Idee“ zugrunde liege, und kein Ereignis. Falls dem so sein sollte, dann stünde ein solches „wir“ einem Respekt für vorhandene Differenzen eigentlich entgegen, und es wäre zu vermuten, dass dieser darüber nicht (wieder) hergestellt werden könne. Die Zukunft wird klären, ob diese Vermutung berechtigt war, oder nicht.

  4. Renate Wresch-Bruker sagt

    Sehr geehrte Frau Wunderlich,

    Mir fällt auf, dass WIR viele sind, Frauen und Männer mit ganz unterschiedlichen Gesichtern – und das „geheimnisvolle Band“? WIR sind Peers einer Hautfarbe?

    Mit freundlichen Grüssen

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