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HOHE LUFTpost – Veganismus und das gute Gewissen

HOHE LUFTpost vom 17.07.2015: Veganismus und das gute Gewissen

Essen Sie Fleisch? Eier? Tragen Sie Leder? Der Veganismus gewinnt derzeit merklich an Anhängern. Im Gegensatz zur Vegetarier-Bewegung von früher stehen dabei oft ethische Gründe im Vordergrund, nicht die Gesundheit. Wer Fleisch konsumiert, unterstützt Massenschlachtungen. Wer Eier isst, finanziert die industrielle Haltung von Hühnern. Kurz gesagt: Wer tierische Produkte kauft, vermehrt das Leid in der Welt. Und Leid ist schlecht. Folglich ist Veganismus gut.

Einfach, oder? Nein, ganz so einfach ist es nicht. Denn nicht immer führt der Konsum tierischer Produkte zu vermehrtem Leid. Man kann sich Eier von wirklich glücklichen Hühnern in die Pfanne hauen. Man kann Milch von Kühen trinken, die auf saftigen Bergweiden leben. Oder Insekten essen, die nach der Auffassung von Biologen gar nicht in der Lage sind, Schmerzen zu empfinden.

Ethischer Veganismus ist zunächst mal ein erfreuliches Phänomen. Doch so richtig überzeugt er mich nur, wenn er konsequent ist in seiner ethischen Ausrichtung – und wenn er Teil eines Lebensstils ist, der auch in anderen Bereichen so konsequent ist in seiner Vermeidung von Leid. Darf ein strikter Veganer mit dem Auto zur Arbeit fahren? Ich bezweifle es. Aber gleichzeitig denke ich mir: Es ist immer noch besser, inkonsequent ethisch zu sein, als gar kein Gewissen zu haben.

– Tobias Hürter

4 Kommentare

  1. Lalala sagt

    „Denn nicht immer führt der Konsum tierischer Produkte zu vermehrtem Leid. Man kann sich Eier von wirklich glücklichen Hühnern in die Pfanne hauen. Man kann Milch von Kühen trinken, die auf saftigen Bergweiden leben.“

    – So wie ich die Veganer verstehe, würden sie bei dieser Aussage widersprechen. Solange ein Tier bloss als „Nutztier“ gehalten wird, ist dies in den Augen der Veganer falsch, unabhängig davon, ob das Tier viel Auslauf hat oder auf einer grossen Wiese stehen darf. Die heutige Nutztierhaltung verursacht gemäss den Veganern immer Leid, da, auch bei Bio Labels, die Hühner unnatürlich viel Eier legen müssen, die Milchkühe schon am ersten Tag nach der Geburt von ihren Kälbchen getrennt werden und die Tiere in der Regel eine massiv verkürzte Lebenszeit haben, etc. Also egal ob „Bio“ oder nicht, Tierleid ist immer im Spiel. So versteh ich das zumindest.
    Und obwohl ich selber (noch) nicht vegan lebe, muss ich gestehen, wenn ich ehrlich zu mir bin, haben die Veganer m.E. alle Argumente auf ihrer Seite.

  2. H. Urban sagt

    Der Veganismus aus ethischen Beweggründen ist prinzipiell zu begrüßen. Es wäre sogar egal, aus welchen Beweggründen er betrieben wird.

    Den ethisch einwandfreien Fleisch- oder Eieresser kann es wohl nur in sehr begrenztem Maße geben. Dass an einem sommerlichen Wochenende Millionen von Mitbürgern ihr Billig-Fleisch auf den Grill legen können, kann durch bäuerliche Tierhaltung nicht abgedeckt werden. Das ist auch keine Frage eines gerne in Kauf genommenen höheren Preises – es geht nicht wegen der schieren Masse. Nur durch massiven Einsatz von Antibiotika und Tierqual schaffen es diese Tausende Tonnen von Fleisch bis auf den Grill.

    Wenn der Veganismus zum trendigen Lebensstil wird, der jedoch nicht die anderen Lebensaspekte mit berücksichtigt, dann wird er zur schicken Farce. Jedes dritte neu zugelassene Auto ist inzwischen ein SUV, man sieht grotesk anmutende Privat-LKWs auf den Straßen – und ein namhafter deutscher Automobilhersteller rühmt sich damit, dass das neue Modell jetzt auch mit 333 PS zu haben ist, mit dem cw-Wert eines Backsteines und zwei Tonnen Gewicht.

    Es kommt also auch darauf an, mit was für einem Auto ich zur Arbeit fahre und ob ich tatsächlich alle zwei Jahre ein neues Smart-Phone oder einen neuen Riesen-Fernseher brauche. Die Inkonsequenz ist also nuanciert. Der Elektroschrott verätzt die Lungen afrikanischer Kinder, dort sammelt er sich und geht in Rauch auf. Der Klima-Wandel wird etliche Küstenstaaten absaufen lassen. Dazu trägt auch der SUV bei. Und der örtliche Buchhändler macht pleite wegen dem Online-Handel.

    Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen eine selbst verfasste philosophische Humoreske zum Thema Nachhaltigkeit zukommen lassen, die den abhanden gekommenen Bezug zu den Dingen thematisiert.

    Soll man nur zu Tieren ethisch sein und den Menschen außen vorlassen? Aber man muss ja irgendwo anfangen, mit dem Ethischen… und gesund ist er ja auch, der Veganismus. Ich teile Ihre Meinung, lieber ein Aspekt beherzigen als komplett gewissenlos. Und deshalb schmunzle ich an der Wurst-Theke beim Dorf-Metzger, wenn ich eine junge Dame sehe, die ethisch einwandfreies Fleisch kauft… und auf zwei Tonnen nach Hause fährt.

  3. nadine sagt

    „Denn nicht immer führt der Konsum tierischer Produkte zu vermehrtem Leid. Man kann sich Eier von wirklich glücklichen Hühnern in die Pfanne hauen. Man kann Milch von Kühen trinken, die auf saftigen Bergweiden leben.“

    – So wie ich die Veganer verstehe, würden sie bei dieser Aussage widersprechen. Solange ein Tier bloss als „Nutztier“ gehalten wird, ist dies in den Augen der Veganer falsch, unabhängig davon, ob das Tier viel Auslauf hat oder auf einer grossen Wiese stehen darf. Die heutige Nutztierhaltung verursacht gemäss den Veganern immer Leid, da, auch bei Bio Labels, die Hühner unnatürlich viel Eier legen müssen, die Milchkühe schon am ersten Tag nach der Geburt von ihren Kälbchen getrennt werden und die Tiere in der Regel eine massiv verkürzte Lebenszeit haben, etc. Also egal ob „Bio“ oder nicht, Tierleid ist immer im Spiel. So versteh ich das zumindest.

  4. Günter Jantzen sagt

    Klar kann man Insekten essen, die nach der Auffassung von Biologen gar nicht in der Lage sind, Schmerzen zu empfinden. Man kann vieles tun, die Frage ist ob es richtig oder falsch ist.

    Man sollte nicht vergessen das Insekten Lebewesen sind. Sie empfinden, sie ähneln nicht etwas vom Menschen gebautem. Sie sind nicht mechanisch oder programmiert. Sie sind in der Evolution durch Selbstorganisation entstanden. Das ist nicht einfach nur ein mechanischer Prozess. Sondern eine Milliarden Jahre alte Geschichte lebendiger Individuen.

    Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es fühlt wie du den Schmerz .

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