Philosophie: durch die Dunkelheit ins Licht?

In seinem Text über die „dunkle Seite der Philosophie“ interpretiert Thomas Vašek eine Formulierung Martin Heideggers über die Forderung, das unverständliche zu wagen und keine Zugeständnisse an Verständlichkeit zu machen, als Aufforderung an die Philosophie, unverständlich zu bleiben. Ich halte das für eine Fehlinterpretation. Warum meint Heidegger, dass „Unverständlichkeit gewagt“ werden muss? Was wird „zerstört“ wenn man der Verständlichkeit Zugeständnisse macht?

Es ist nicht irgendein mystischer Zauber des Unverständlichen, es ist kein wohliger Schauer beim Anblick des Dunklen, den Heidegger hervorrufen will. Auch wenn es paradox klingt: Es geht dem Denker darum, am Ende zu verstehen, aber dieses Verstehen kann eben durch „Verständlichkeit“ gerade verhindert werden.

Jeder, der schon einmal versucht hat, einem Freund eine Sache zu erklären, die ihm selbst sonnenklar ist, die aber schwer zu erklären ist, kennt das: man muss „drumherum reden“, man muss manchmal absurde oder „weit hergeholte“ Beispiele hinzuziehen, manches, was man sagt, klingt widersprüchlich, im Einzelnen scheint das, was man da sagt, unverständlich – und doch kann es sein, dass der Freund am Ende sagt: Gut, jetzt verstehe ich, was du meinst. Und um das zu prüfen, bringt er nun vielleicht seinerseits Beispiele, formuliert Thesen, die merkwürdig klingen – und man stellt fest: nun hat er mich wirklich verstanden.

Solche Sachverhalte, die manchmal schwer zu erklären sind, obwohl sie einem selbst sonnenklar erscheinen, betreffen nie irgendwelche kausalen natürlichen Zusammenhänge, es geht dabei nicht darum, warum alle vier Wochen Vollmond ist oder warum ein Mückenstich schmerzt. Es geht um die wichtigen Dinge – warum man einen Menschen liebt, warum man auf einen Berg steigen will, warum man kein Spiel der örtlichen Fußballmannschaft verpassen will.

Um solche wichtigen Dinge geht es auch der Philosophie, es geht um sie in höchster Allgemeinheit und in tiefster Begründung. Warum wir lieben, warum wir uns der Wildnis aussetzen, warum wir Freude und Leid ertragen. Es geht nicht um Dunkelheit, sondern um Erhellung des Dunklen, das sich nicht in Kausalketten naturwissenschaftlicher Theorien darstellen lässt.

Philosophie begibt sich dabei an die Grenzen des überhaupt Sagbaren, nicht nur an die Grenzen des „einfach Sagbaren“ – und sie steht vor dem Dilemma, dass sie selbst etwas sagen muss, um dieses fast nicht mehr Sagbare zur Sprache zu bringen – denn nur im Sprechen können wir Gedanken überhaupt vermitteln. Heideggers Aufforderung an die Denker, das Unverständliche zu wagen, soll eigentlich Mut machen: Am Ende, wenn man dieses Wagnis eingeht, werden wir etwas verstehen können, was sich in einfachen, verständlichen Sätzen nicht aussprechen lässt.

Jörg Phil Friedrich lebt in Münster und ist Philosoph und IT-Unternehmer. Er schreibt und spricht vor allem über technik-und wissenschaftsphilosophische Themen und Fragen der praktischen Philosophie (Ethik, politische Philosophie, philosophische Ästhetik). In seiner monatlichen Kolumne »Reflexe« reflektiert er über einen aktuellen philosophischen Ansatz und lädt zum kritischen Weiterdenken ein.