Reflexe #4: Das Böse und das böse Denken

Jörg Friedrich schreibt in seiner Kolumne »Reflexe« über aktuelle philosophische Theorien, Strömungen und Veröffentlichungen. Heute analysiert er das Buch »BÖSES DENKEN« von Bettina Stangneth. 

Erwachsene verwenden ungern das Wort „Böse“, schon gar nicht wenn es um politische Themen, historische Ereignisse oder das aktuelle Weltgeschehen geht. Es erscheint merkwürdig irrational, so, als wenn wir eine vernünftige Erklärung dessen, was passiert oder geschehen ist, zugunsten der Annahme einer mystischen, dunklen Macht aufgeben würden. Aber angesichts erschreckender und unverständlicher Terroranschläge, Kriege, Vergewaltigungen und Entführungen, beim Lesen von Leidensgeschichten von unmenschlichen Quälereien und Folterungen fragt man sich schon, ob es das Böse gibt. Ist da im Wesen des Menschen irgendetwas, das als böse bezeichnet werden und nicht anders erklärt werden kann als dass es eben das extreme Gegenteil des Guten ist, zu dem wir Menschen ja ebenfalls fähig sind und an das wir genau so gerne glauben, wie wir die Existenz des Bösen gern bestreiten würden?

Es ist also dringend notwendig, den Begriff des Bösen philosophisch zu durchdenken. In der Philosophiegeschichte hat es einige Ansätze dazu gegeben, allerdings längst nicht so viele, wie es Versuche gegeben hat, das Gute zu bestimmen. Der Mensch soll gut sein und Gutes tun, also will die Philosophie herausfinden, was denn dieses Gute ausmacht und ob es allgemeine Kriterien dafür gibt, mit denen man gutes Handeln erkennen kann.

Das böse Denken oder das Böse denken?

Das Buch von Bettina Stangneth ist einer der aktuellen Versuche, das Böse zu verstehen. Allerdings ist es schon im Titel missverständlich. „BÖSES DENKEN“ wird sowohl auf dem Einband als auch auf den ersten Seiten komplett in großen Buchstaben geschrieben. So weiß der Leser nicht, ob es in diesem Buch um das Böse gehen soll, das denkend erfasst werden soll, oder ob es um das „böse Denken“ geht. Wird man in dem Buch erfahren, ob es das Böse gibt und wie man es erkennen kann, oder geht es nur um böse Gedanken, die ja von bösen Absichten und bösen Handlungen zu unterscheiden wären? Diese, vermutlich beabsichtigte, Unklarheit macht es schwer, sich dem Inhalt des Buchs kritisch zu nähern. Hinzu kommt, dass Stangneth vom ersten Satz an mit Behauptungen jongliert, die spektakulär klingen aber höchst fragwürdig sind und leider zumeist nicht weiter belegt oder mit Argumenten gestützt werden. Man möchte ständig widersprechen und wartet oft umsonst auf plausible Begründungen für gewagte Behauptungen, etwa, wenn es gleich zum Einstieg heißt „Nichts ist so einfach wie Moral“. Das ist irgendwie ein schöner Satz, fast ein Tweet, aber ist er auch richtig? Gibt Stangneth im Weiteren eine Begründung, die den Satz plausibel macht? Wenn man dieses Buch lesen möchte, sollte man eine gewisse Distanz zu diesen Sätzen aufbauen, denn Stangneths furiose Art, zu schreiben, entwickelt durchaus eine suggestive Kraft, mit der sie dem Leser Aussagen präsentiert, die man gern glauben möchte, die aber selten belegt werden.

Das Buch trotzdem zu lesen, ist dennoch zu empfehlen, denn es zeigt eine Reihe von Aspekten, von denen aus das Böse zu durchdenken wäre. Man kann sich sozusagen die Fragestellungen zum Bösen, die Perspektiven auf das Böse aus Stangneths Text heraussammeln. Das Buch hat im Wesentlichen drei große Abschnitte. In den ersten beiden stellt die Autorin die Standpunkte zweier bekannter Denker der Philosophiegeschichte dar: Immanuel Kants Begriff des „radikal Bösen“ des Menschen auf der einen und Hannah Arendts Beschreibung der „Banalität des Bösen“ auf der anderen Seite.

Kants Rede vom „radikal Bösen“

Bei Kant beginnt alles mit der Vernunft und mit der Freiheit. Vernunft ist die Fähigkeit des Menschen, die eigenen Gedanken, meine Wünsche, Ziele und Ansichten, ja selbst meine Methoden, zu Zielen und Absichten zu gelangen, selbst wieder zum Gegenstand meines Denkens zu machen, also zu reflektieren. So kann Bob z.B. das moralische Urteil, dass es gut wäre, Alice zu helfen, selbst wieder zum Gegenstand einer vernünftigen Erwägung machen, er kann sich z.B. fragen, ob er überhaupt die Kraft und die Fähigkeiten hat, Alice wirklich eine Hilfe sein. Er kann sich zweitens fragen, ob er nicht lieber etwas anderes tun möchte, als seine Zeit mit Alices Problemen zu verschwenden. Drittens kann er sogar überlegen, ob es überhaupt in seinem Interesse ist, Alice zu helfen, ob es für ihn selbst nicht viel besser wäre, wenn Alice nicht geholfen wird.

Da der Mensch zu solchen Überlegungen durch seine Vernunft in der Lage ist, wird er sie auch anstellen. Und da er frei ist in seinen Entscheidungen zum Handeln, muss er sich nicht für die moralische Option entscheiden. Er wird somit aus seiner Vernunft und seiner Freiheit heraus unmoralisch. Das ist, ganz kurz gesagt, der Gedanke, den Kant mit dem Begriff des radikal, also an der Wurzel des Menschseins, Bösen bezeichnet.

Ist alles böse, was nicht moralisch ist?

Wir könnten uns natürlich an dieser Stelle bereits fragen, ob jedes Handeln, das nicht von Kants Kategorischem Imperativ geleitet ist und damit im Sinne von Kant auch nicht „gut“ ist, zwingend auch „böse“ ist. Welcher Begriff des Bösen liegt denn unausgesprochen dieser Schlussfolgerung zugrunde? Und können wir diesen Begriff, wenn wir ihn zur Klarheit gebracht haben, überhaupt akzeptieren?

Ein Beispiel, angelehnt an Kants eigenes berühmtes Beispiel der Anwendung des kategorischen Imperativs: Alice wird von ihrem gewalttätigen Ehemann bedroht, sie flieht zu Bob. Der Ehemann kommt nun zu Bob und befragt, ihn, ob Alice bei ihm sei. Kant zufolge darf Bob nicht lügen, weil das dem Kategorischen Imperativ widerspräche. Natürlich stellt Kant es unserem Bob frei, Alice gegen den Gewalttäter zu verteidigen und ihr womöglich die Flucht aus dem Küchenfenster zu ermöglichen. Aber eine Lüge, und sei es nur, um akute Gefahr abzuwenden und Zeit zu gewinnen, erlaubt Kant nicht.

Für Kant wäre die Lüge nicht gut und damit schon wenigstens auf der ersten Stufe des Bösen. Aber könnten wir nicht auch den Standpunkt vertreten, dass jede Entscheidung, die nicht dem Schutz der Verfolgten dient, verwerflich, also im gewissen Sinne böse ist? Ist nicht die von kalter Vernunft geleitete Erwägung, dass ich auf keinen Fall lügen darf, selbst böse? Alles hängt davon ab, welchen Begriff des Bösen wir stillschweigend schon voraussetzen, wenn wir uns entscheiden, so etwas wie den Kategorischen Imperativ zum Maßstab über Gut und Böse zu machen. Und das Aufdecken solcher stillschweigenden Voraussetzungen, das ist die eigentliche Aufgabe der Philosophie.

Der Böse, der meint, gut zu sein

Stangneth beschreibt Kants Blick auf das Böse ausführlich und verständlich, und wer im Lesen der Kantischen Schachtelsätze nicht geübt ist, kann hier einen guten Einblick in die systematische Arbeitsweise des großen Philosophen bekommen. Genauso widmet sie sich im zweiten Abschnitt der „Banalität des Bösen“, die Hannah Arendt bekanntlich bei ihrer Analyse der bürokratischen Strukturen der Ermordung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten gefunden hat. Dabei wird klar, dass die Banalität des Bösen eine Dimension des Unmoralischen betrifft, die von Kant nicht erfasst wird. Bei Kant ist dem einzelnen Menschen der Widerspruch zwischen moralischem Anspruch und eigener Entscheidung bewusst. Stangneth zeigt in ihrer Arendt-Lektüre, dass die Sache beim Nationalsozialisten anders liegt: er will sein böses Handeln als gutes hinstellen. Dabei gibt es, ähnlich wie bei Kant, wieder drei Stufen: Erstens sagt man im Nachhinein vielleicht, dass man das alles nicht durchschaut habe, dass man verführt worden wäre. Zweitens könnte man anführen, dass das, was man da getan hat, doch richtig aussah, weil es alle getan haben. Drittens argumentiert man vielleicht sogar, dass die Handlung zwar irgendwie böse aussah, aber doch einem höheren guten Zweck gedient habe.

Diese Einordnungen, die Stangneth in ihrer Dreistufigkeit wieder an Kant orientiert, klingen plausibel, und da das Beispiel des Holocaust so unzweifelhaft Böses zeigt, scheinen sie auch zur Beschreibung des Bösen zu taugen. Sie lassen sich auch auf unzweifelhaft Böses in heutiger Zeit, etwa auf religiösen oder politischen Terrorismus, anwenden. Trotzdem bleibt der Begriff des Bösen weiterhin nebulös. Wenn wir die drei Stufen der „Banalität des Bösen“ auf Beispiele anwenden, die nicht ganz so selbstverständlich böse sind wie Terror und Holocaust, werden wir nämlich schnell unsicher, ob wir es wirklich immer mit bösem Handeln zu tun haben. Man denke etwa an böse Streiche, die wir Freunden spielen, oder Scherze, die wir auf Kosten anderer machen. Auch in solchen Fällen könnte Bob der Mitläufer sagen, dass er vorher nicht durchschaut oder geahnt hätte, dass Alice so betroffen reagieren würde. Auch könnte Bob vorbringen, dass ja alle mitgemacht hätten und er deshalb nicht gedacht hätte, dass die Sache schlimm wäre. Schließlich könnte Bob vorbringen, dass man die Sache nur deshalb eingefädelt hätte, damit Alice eine Lehre daraus ziehe, das ganze hätte also einem höheren Zweck gedient. Wären wir hier auch so sicher, dass Bobs Verhalten böse war? Vermutlich nicht. Gerade im Alltäglichen müssen sich moralische Begriffe aber bewähren.

Wenn ich weiß dass ich böse bin

Wer hofft, dass Stangneth im dritten Teil, in dem sie über das „akademische Böse“ schreibt, die vielen Fäden und Gedanken aufnehmen und zu einem plausiblen Bild zusammenfügen würde, wird leider enttäuscht. Statt dessen trägt sie unter dem Begriff der „Denkungsart“ den sie von Kant übernimmt, weitere Möglichkeiten von mehr oder weniger bösen Denk- und Handlungsweisen zusammen, fast möchte man von einem „bunten Strauß des Bösen“ sprechen. Das akademisch Böse ist für Stangneth die Möglichkeit der Vernunft, absichtlich und zielgerichtet böse zu sein, also Böses zu tun, gerade weil man es als Böses auch erkannt hat. Sicherlich bietet auch dieser Abschnitt des Buchs eine Menge Material, um sich dem Begriff des Bösen nähern zu können, aber diese Annäherung selbst, die einen klaren Blick auf das, was nun das Böse tatsächlich ist, bleibt schließlich aus. Das Böse wird nicht aufgeklärt, es wird von einer Unmenge von passenden und unpassenden Beispielen, von plausibel oder zufällig zusammengeworfenen Geschichten eher verstellt und zugeschüttet.

Ohne Frage kann das Material, das Stangneth zusammengetragen hat, als Grundlage einer philosophischen Beschreibung des Bösen dienen. Man kann in diesem Material nach Fällen suchen, in denen das intuitive Urteil uns sagt, dass sie wirklich böse sind, und diese von denen unterscheiden, in denen die Intuition sich sträubt, vom Bösen zu sprechen. Dann kann man nach den Gründen, den zunächst vielleicht verdeckten Aspekten der verschiedenen Fälle suchen, die das eine zum Bösen machen, während das andere nicht als böse angesehen werden kann. Die Reflexion kann die erste Intuition auch korrigieren. So gewinnen wir philosophische Klarheit.

Eine leitende Frage kann sein, ob es „böses Denken“ überhaupt geben kann, ob nicht erst die Handlung oder ihr Ziel tatsächlich böse genannt werden kann. Deshalb ist es eben auch nicht unwichtig, wie der Titel des Buchs denn nun geschrieben werden soll.

Gibt es Böses ohne ein Opfer, das leidet?

Wenn wir zu dem Schluss kommen, dass ein Denken für sich genommen niemals schon böse sein kann, dann kommen wir zu der Einsicht, dass zum Bösen immer das Opfer gehört, das unter dem Bösen leidet oder dessen Leid beabsichtigt ist. Das Opfer und sein Leid kommen in Bettina Stangneths Begriff des Bösen überraschenderweise gar nicht vor. Zwar gibt es in ihrer Beispielsammlung Opfer und Leiden, selbstverständlich. Aber in der begrifflichen Analyse, in den Klassifikationen, die sie beschreibt, gibt es das Opfer und das Leiden nicht.

Aber gehört es zum Bösen nicht zwingend dazu, dass es ein Opfer gibt, das unter dem Bösen leidet oder wenigstens leiden könnte? Können wir das Böse nicht dadurch klarer in den Blick bekommen, dass wir uns fragen, ob das Leiden eines Anderen Ziel des Bösen ist oder wenigstens billigend in Kauf genommen wird?

Wer Antworten auf solche Fragen sucht, wird bei Bettina Stangneths Buch enttäuscht sein. Insgesamt bleibt unklar, was Stangneth mit dem Buch erreichen wollte. Einen konsistenten Begriff des Bösen wird man in diesem Buch nicht finden. Die Frage, ob es zwischen Gut und Böse einen indifferenten Bereich gibt, wird nicht beantwortet. Kriterien, nach denen wir das Böse erkennen können, findet man nicht. Die Frage, wie wir mit dem Bösen in uns selbst umgehen lernen könnten, wird nicht gestellt. Wer einen Ausgangspunkt sucht, um über diese Fragen nachzudenken, kann das Buch dennoch mit Gewinn lesen.

Jörg Friedrich lebt in Münster und ist Philosoph und IT-Unternehmer. Er schreibt und spricht vor allem über technik-und wissenschaftsphilosophische Themen und Fragen der praktischen Philosophie (Ethik, politische Philosophie, philosophische Ästhetik). In seiner monatlichen Kolumne »Reflexe« reflektiert er über einen aktuellen philosophischen Ansatz und lädt zum kritischen Weiterdenken ein.