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Was können wir gegen die Ohnmacht der Vernunft tun?

Die Vernunft hat es gerade schwer. Sie wird übertönt von rechtspopulistischen Parolen, von postfaktischen Reden, Fake-News und Stimmungsmache. Die HOHE LUFT-Redaktion hat Gedanken dazu gesammelt, was wir angesichts der Ohnmacht der Vernunft tun können. Was sind Ihre Vorschläge? Schreiben Sie uns, hier in den Kommentaren, auf Facebook, Twitter oder an redaktion(at)hoheluft-magazin.de. 

Pure Vernunft ist zu wenig

Wir sind die Verfechter der Vernunft. Auf der anderen Seite stehen die Idioten, die blind ihren Gefühlen folgen. Wir müssen ihnen die Augen öffnen für das Wahre und Gute! – Wer so denkt, verliert. Er zementiert die Kluft, die unsere Gesellschaft gerade spaltet. Er wird Undank ernten und den Vorwurf, arrogant zu sein und kein Ohr für die Sorgen »der Menschen« zu haben.
Ja, die vernunftgeleitete Suche nach der Wahrheit kommt derzeit zu kurz. »Gefühlte Wahrheit« hat zu viel Gewicht. Aber der Weg aus dieser Schieflage besteht nicht darin, das Gefühl mit der Vernunft zu besiegen – sondern darin, Gefühl und Vernunft wieder miteinander zu versöhnen.
Beim »wieder« in »wieder versöhnen« denke ich an den guten alten Platon, der in seinen Dialogen Mythos und Logos meisterlich miteinander verwoben hat. Die Dualität von Mythos und Logos ist zwar nicht identisch mit der von Gefühl und Vernunft. Aber beide Dualitäten sind verwandt. Menschen denken nicht nur in Tatsachen, Beobachtungen und Argumenten, sondern auch in Geschichten und Bildern – in Mythen eben. Diese Geschichten mögen nicht wörtlich wahr sein, und die Bilder nicht getreu der Wirklichkeit entsprechen. Aber in ihnen sind Muster des Menschlichen niedergelegt, die uns Orientierung geben können.
Orientierung ist gerade, wonach sich viele Menschen heute sehnen. Die Geschichten von früher – »Liberalismus bringt Wohlstand für alle«, »Europa wächst zusammen«, »Jesus erlöst uns«, usw. – funktionieren nicht mehr. Populisten wie Trump, die Brexit-Befürworter und die AfD erzählen Geschichten: schlechte, irreführende Geschichten. Oft sind es Geschichten von gestern, nationalistisch und autoritär. Man kann gegen diese Geschichten vernünftig argumentieren, aber das wird nicht reichen. Wir brauchen nicht nur mehr Vernunft, wir brauchen auch neue Mythen.

Tobias Hürter

Die deutsche Vernunft läuft dem Esprit hinterher

Wo Bilder, Atmosphären, Stimmungen regieren, hat da die Vernunft überhaupt noch eine Chance? Einst war es der Bildungsbürger, der auf das Veränderungspotenzial der vernünftigen Ideen einer rechtfertigungsfähigen öffentlichen Meinung setzte. An seine Stelle ist »die Elite« getreten, ein bunter Haufen Statusbewusster. Die Elite glaubt, mit der Autorität ihrer Ratio »das Verhältnis von natürlicher Überlegenheit und natürlicher Unterlegenheit ungetrübt abbilden« (Heinrich Popitz) zu können. Zwar fehlt es der deutschen Elite nicht an Gewissenhaftigkeit – wohl aber an Tempo.
Während die nationale Intelligenzija noch an ihren Argumenten feilt, hat Björn Höcke schon zehn »erinnerungspolitische Wendungen« gefordert, während sie noch dabei ist, die globalen Zusammenhänge rational zu durchdringen, hat Donald Trump tausendfach getweetet. Der amerikanische Präsident setzt auf Dekrete und eine neue, minder gelbstichige Haartönung – die deutsche Elite versucht es mit Vernunft. Und mit Humor. Leider scheint sie dabei in einem permanenten Treppenwitz gefangen. L’esprit d’escalier: so nannte Denis Diderot den geistreichen Gedanken, der einem erst am Fuße der Treppe durch den Kopf schießt (wenn die Tür schon zugeschlagen ist). Stufe um Stufe läuft die deutsche Vernunft dem Esprit hinterher. Bevor sie ihn packt, überlegt sie erst mal: Wie lacht man am klügsten über die Para-Logik von Populisten und anderen Verrückten?
Diverse erratische Bewegungen treppauf, treppab zeugen von einer Aufbruchsstimmung in der nationalen Humor-Industrie. Gesucht wird ein neuer, zeitgemäßer Witz – tot oder lebendig. Sibylle Berg erhebt plötzlich den Zeigefinger gegen die »aktuellen Angstmacher«. Und Michael Mittermeier zieht nicht mehr nur die CSU, sondern auch den Rassenhass durch den Kakao. Vielleicht ist »ernst« jetzt das neue »lustig«. Darf man da lachen? Soll man es tun? (Jetzt gleich oder lieber später, nachdem man alles sorgsam durchdacht hat?) Die Elite weiß: »Witz« kommt von »Wissen«. Alles Wissen aber nützt ihr nichts, wenn sie nicht gleich in der Tür ihr Hirn aufschlägt. Wenn die Vernunft eine ernstzunehmende Macht sein soll, müssen die Vernünftigen noch witziger werden. Noch schneller.

Rebekka Reinhard

»Gelegentlich sind wir alle dumm«

Wenn die Vernunft ohnmächtig ist, wer ist dann mächtig? Oft wird das Gefühl als Gegenspieler auf die Bühne gebracht. Aber es gibt noch andere, Eitelkeit zum Beispiel. Davon spricht der Schriftsteller Robert Musil in seiner Rede »Über die Dummheit«. Er hielt sie 1935 in Wien zum ersten Mal und brauchte damals den Faschismus in Europa gar nicht zu nennen, wenn er von den Verblendungen des Wir und »Affekten«, die »die Vernunft zerdrücken« sprach, war das schon ziemlich deutlich. Passenderweise wurde sie gerade neu verlegt.
Als wichtigstes Mittel gegen dieses Zerdrücken der Vernunft machte Musil etwas aus, das heute komisch klingt: »Bescheidung«. Was er meinte, war die Fähigkeit, sich vom Gegenteil überzeugen zu lassen. »Gelegentlich sind wir alle dumm«, sagt Musil, »wir müssen gelegentlich auch blind oder halbblind handeln, oder die Welt stünde still.« Unser Wissen und Können sind nunmal begrenzt und »wollte einer aus den Gefahren der Dummheit die Regel ableiten: ‚Enthalte dich in allem des Urteils und des Entschlusses, wovon du nicht genug verstehst!‘, wir erstarrten!« Aber wir müssen uns unbedingt bemühen, diese Fehler in »Grenzen zu halten und bei Gelegenheit zu verbessern, wodurch doch wieder Richtigkeit in unser Tun kommt.«
Vernunft bedeutet auch, über seinen Schatten springen zu können, Stolz und Eitelkeit zugunsten eines guten Arguments zu überwinden. Dafür ist eine Kultur wichtig, in der es kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke ist, öffentlich zu sagen: »Das wusste ich nicht«, »So habe ich das noch nicht gesehen« oder »Ich glaube, da haben Sie Recht«. Sturheit, Stolz oder eitle Eigen-PR als »Standhaftigkeit« zu bejubeln, führt nämlich auch in die Erstarrung.
Musil hat versucht, diesen Zusammenhang von Vernunft und Bescheidenheit auf eine Formel zu bringen und die klingt so: »Handle, so gut du kannst und so schlecht du musst, und bleibe dir dabei der Fehlergrenzen deines Handelns bewusst!«

Maja Beckers

When they go low, we go high!

Die Forderung nach einem linksliberalen Populismus, nach charismatischen Meinungsführern, die nicht den Verstand, sondern die Herzen ansprechen, scheint zwar die logische Reaktion auf den Rechtspopulismus zu sein und wahrscheinlich kommt man in bestimmten Kontexten mit Argumenten wirklich nicht weiter – beispielsweise, wenn es darum geht, überhaupt Aufmerksamkeit für sein Anliegen zu bekommen.
Wir sind keine rein-rationalen Wesen. Wenn vielleicht auch solche Menschen, denen Politik vorher völlig egal war, gerade eine erhöhte Dringlichkeit spüren, sich zu positionieren, ist das eine Chance, die bestimmt nicht nur auf Vernunftgründen basiert. Auch die Verfechter der offenen Gesellschaft haben Angst – vor einer geschlossenen Gesellschaft.
Trotzdem gehören wir nicht nur zur linksliberalversifften Gutmenschen-Lügenpresse, sondern unser Metier ist auch noch die Philosophie. Würden wir die Vernunft jetzt völlig aufgeben, weil sie offenbar gerade in einer Krise steckt und sich niemand mehr um sie schert, würden wir nicht weniger als unser Kerngeschäft aufgeben – ohne behaupten zu wollen, dass Philosophen sich lediglich mit Vernunft befassen oder ein Monopol darauf beanspruchen könnten.
Vernunft? – haben wir probiert, hat nicht geklappt. Die Leute wollten lieber einfache Antworten, eindeutige Feinde und ein zusammengesponnenes Weltbild, das sich gut mit dem Bauchgefühl verträgt. Trotz der Gefahr, pathetisch und auch etwas trotzig zu klingen, plädiere ich dennoch für eine jetzt-erst-recht-Mentalität. Trump und Co. mögen sich die Welt zurechtbiegen wie sie wollen und dafür gefeiert werden, deswegen ist es noch lange nicht richtig.
Es ist vielmehr so, dass wer sich selbst auf das kritisierte Niveau begibt, seine Glaubwürdigkeit verliert. Das hat Michelle Obama in ihrer Rede auf dem Parteitag der Demokraten im letzten Jahr so gut in dem Satz verpackt: When they go low, we go high! Wenn Populisten an die niedersten Regungen und Ängste appellieren, machen wir es ihnen nicht nach, sondern bleiben dabei, dass es uns nicht darum geht, Feindbilder zu schaffen, sondern um eine lebenswerte Gesellschaft für alle.

Greta Lührs

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Tipp: Unser ehemaliger Kolumnist Daniel-Pascal Zorn befasst sich seit längerer Zeit mit Logik, Argumentationstheorie und Rhetorik und untersucht die Argumentationen von Rechtspopulisten auf Pappkameraden, Bestätigungsfehler und andere Tricks und Fehlschlüsse. Gerade ist sein Buch »Logik für Demokraten« erschienen, in dem er uns Denkwerkzeuge an die Hand gibt, »um sich den Gegnern und Feinden demokratischen Denkens entgegenzustellen«. 

7 Kommentare

  1. Was wäre von Vernunft und Mythen zu erwarten?

    Es hat den mit Vernunft und Intelligenz begabten wissenschaftsbasierten Informationsgesellschaften gefallen, auf Mehrheit beruhender Beschlüsse einigen Auserwählten es ausdrücklich zu gestatten, innerhalb weniger Stunden nachhaltig die Gesamtheit der Menschen ermorden zu dürfen, wann immer den hierfür Auserkorenen dies auch gefallen mag.

    Den Betroffenen wurde der Mythos erzählt, die Vernunftbegabung von Mehrheit und Auserwählten mache das Mögliche für alle Zeiten unmöglich. Als wäre unmöglich, dass die Macht, alles Lebende auf der Erde auslöschen zu dürfen, wann immer es einem gefällt, und aus welchem Beweggrund auch immer, auch in solche Hände geraten könne, welche die eigene Abscheulichkeit irrtümlich für Vernunft und Intelligenz halten, und sich in diesem Wahn durch Nominierung auch noch bestätigt sehen.

    Was auch immer mit dem Wort „Vernunft“ bezeichnet sein mag, und es ließen sich bereits Bibliotheken füllen mit Texten, die sich nur mit diesem Wort auseinandersetzen, so war schon seit jeher das wirksamste Mittel gegen nicht mehr aufzuhaltende Verblödung – beißender Spott. Er hält zwar nichts auf, wie nicht nur die Texte von Kurt Tucholsky belegen, aber er macht wenigstens das Ausmaß an grassierender Verdummung öffentlich.

    Ausdruck von Vernunft, so es eine solche gebe, wäre demnach, sich der Verbreitung der Saga vom so genannten „Rechtspopulisten“ entgegenzustellen, durch Unterlassung im Gebrauch. Denn bereits die Nutzung dieses Begriffs erfüllt den Tatbestand einer üblen Verharmlosung, und schmeichelt die derart Angesprochen.

  2. Reinhardt sagt

    „Wenn jeder an sich denkt, ist an jeden gedacht.“

    Was hat dieses Plädoyer für einen logischen Egoismus, das in den 1980ern an eine Hauswand gesprüht zur Entfaltung kam, mit der Ohnmacht der Vernunft zu tun?
    Sehr viel, betrachtet man diese Sachbeschädigung (so der juristische Ausdruck für eine Sprüherei an fremden Eigentum) formal und nicht inhaltlich.

    Die Vernunft ist nur aus dem Grund ohnmächtig, da wir uns selbst dieser nicht bemächtigen können. Wir fühlen uns ohnmächtig gegenüber den Auswüchsen des Populismus, der unsere Werte zu bedrohen scheint, während dieser selbige zu beschützen vorgibt. Es ist dies die gleiche Ohnmacht, die den Hausbesitzer übernächtigte, da er dem Sprüher nicht habhaft wurde, der für sich selbst nur dem Recht auf Rebellion und damit auf Veränderung gebrauch machte und es ist die selbe Ohnmacht, die 1968 die von Altnazis durchsetzte deutsche Gesellschaft ergriff, als sich ein linker Populismus den Weg bahnte (was übrigens dieser Gesellschaft nicht geschadet hat). Auch diese Beklagten eine Ohnmacht der Vernunft, meinten jedoch den Verlust der Macht, so zu leben und zu denken, wie sie es gewohnt waren.

    Diese augenscheinlich vernunftfreie Rebellion der Jugend, die der Überwindung des Alten gilt, ist das eigentliche Phänomen, dessen man sich seit Jahrtausenden hilflos gegenüber sieht, denn auch schon Sokrates beklagte das Benehmen junger Männer, die betrunken und grölend durch die Straßen zogen und Platon warnte davor der Jugend zuviel Freiheit bei der Ausübung der Dialektik zu lassen, da sonst die Jugend mit diesem Instrument alles logisch widerlegen könnt, auch die vernünftigen Stützen des Staates. Kant nahm dieses Argument in seinen Paralogismen wieder auf um die mittelalterlichen Gottesbeweise ad absurdum zu führen, indem er die Existent Gottes bewies um gleich darauf die Nichtexistenz mit den gleichen logischen Argument zu beweisen – Resultat: das Ende der Mystik innerhalb der Philosophie.

    Die Vernunft wird gerne vor den Wagen Politik gespannt, insbesondere, wenn diese logisch schlüssig vorgeht und das als Wahrheit setzt, was der „Vernünftige“ gerne unter die Leute bringen will. Der Ohnmacht der Vernunft geht ein Missbrauch der Vernunft einher, die dem emotionalen Streit von Argument und Gegenargument eine Note der Wahrhaftigkeit verleihen soll, so berufen sich beide Seiten auf die Vernunft.

    Aber was ist denn die Vernunft? Ist diese das Jenseitige von Gut und Böse? Ist die Enthaltung von sich streitenden Meinungen in emotional aufgeheizter Atmosphäre nicht dasjenige, was die Vernunft ausmacht? Dieses kontemplative Element, das zu einem politisch enthaltsamen Leben verlockt?

    Der Einzige Ort, an dem Vernunft ihren Platz hat, ist in einem Selbst und nur dort sollte – und kann – diese auch wertfrei und vollumfänglich praktiziert werden. Nicht mit Gegenargumenten, die von gleicher Wertigkeit und Emotionalität sind, wie das Ursprungsargument, sondern im dialektischen Verstand, der das Überwinden von Meinungen fordert, um der Vernunft gerecht zu werden.

    Die Vernunft ist der kontemplative Zustand, der der aktiven Welt gegenüber steht. Wer die Ohnmacht der Vernunft überwinden will, muss diese gegenüber der Meinungsvielfalt der aktiven Gesellschaft in sich selbst stärken. Je mehr Vernunftbegabte man davon überzeugt, das Hin und Her von These und Antithese, von Argument und Gegenargument zu übersteigen, diese als emotionsfreie Gleichwertigkeit, zu erkennen, umso mehr Vernunftbegabung wird sich verwirklichen. So jedenfalls die Theorie, die hinter der Dialektik steckt, die einst als Meditationstechnik gelehrt wurde und heute einziger universitärer Usus ist.

    Das Selbst ist die Keimzelle der Vernunft. Die Überwindung der Ohnmacht der Vernunft fordert eine Selbstbemächtigung eines jeden Einzelnen. Vielleicht ist das ja die Initialzündung der Eskalation der Vernunft: die Bemächtigung der Wertfreiheit und der Unerschütterlichkeit der Seele eines jeden Einzelnen, wie es die Philosophie einst vorsah, als Ars Vivendi, als Kunst des Lebens.

    Wer dergestalt sich selbst auf die Ebene der Vernunft begibt, hat sich zumindest der Vernunft bemächtigt, und wird der Ohnmacht der Vernunft nicht mehr hilflos gegenüber stehen. Wie gesagt: wenn jeder an sich denkt, ist an jeden gedacht.

  3. Harald sagt

    Eine wesentliche Schwierigkeit bei Debatten dieser Art besteht meiner Ansicht nach darin, dass ein nicht zuletzt auch durch die Aufklärung geprägtes dualistisches Denken möglicherweise den Blick auf das eigentliche Problem verstellt und daher die immergleichen reflexartigen Lösungsansätze hervorruft.
    Denn wenn man etwa Vernunft und Gefühl als voneinander getrennte Gegensätze betrachtet (wobei ganz logozentrisch die Vernunft das Wahre und Gute repräsentiert), dann werden die Entscheidungen oder Handlungen von Menschen im Rahmen dieses Dualismus gedacht und bewertet und anderslautende Ansichten schnell als gefühlsbasiert und irrational denunziert. Die einzige Antwort darauf kann demgemäß nur lauten: mehr Vernunft. Hier das Problem, da die logisch sich aus dessen Formulierung ableitende Antwort.
    Es ist ein bischen wie bei dem Henne/Ei-Problem, bei dem die Fragestellung bereits die möglichen Antworten vorgibt und damit alternative Denkmöglichkeiten verdeckt. Wenn ich frage, was zuerst da war, Ei oder Henne, schliesst die Formulierug der Frage aus, dass beide zusammen in einem Entwicklungszusammenhang entstanden sein könnten. Jede der beiden Antworten kann nur falsch sein und zu einer sinnvollen Beantwortung kann es nur kommmen, wenn das Problem und mit Ihr die Fragestellung anders gedacht wird.
    Auch die Frage, was wir gegen die „Ohnmacht der Vernunft“ tun können impliziert, dass das aktuelle Problem darin besteht, dass sich zunehmend Irrationalität gegen Vernunft durchsetzt und wir überlegen müssen, wie wir den Unvernünftigen nur zu mehr Vernunft verhelfen können, damit sie, seien wir doch ehrlich, sich den vernünftigen, also unseren Ansichten anschliessen.
    Versucht man jedoch einmal sich vom Dualismus zu lösen und begreift Vernunft und Gefühl nicht als Gegensätze, sondern als ergänzende Seiten menschlicher Handlungs- und Entscheidungsorientierung, die sich eben nicht ausschliessen und deshalb nie so einseitig ausgeprägt sind, wie man es gerne unterstellen möchte, dann muss man sich eventuell damit auseinandersetzen, dass möglicherweise nicht die Ohnmacht der Vernunft das Problem darstellt, sondern vielleicht nurmehr die Überzeugungskraft der Ideen, die wir für vernünftig halten.
    Derart umgestellt, ergeben sich aus der Beschreibung des Problems neue Fragen und damit auch neue Handlungsoptionen.

    Man könnte sich beispielsweise fragen, ob es an den Ideen an sich liegt oder ob es nicht etwa mit der Glaubwürdigkeit Ihrer vermeintlichen Vertreter und Repräsentanten zu tun hat oder ob nicht die Art Ihrer Vermittlung fehlgeschlagen ist. Möglicherweise ist es gerade auch für besonders vernunftbetonte Menschen notwendig,sich im Diskurs zurückzubesinnen auf die älteste Art, die wir kennen, um Menschen mit Herz und Verstand zu überzeugen und statt zu argumentieren und zu belehren wieder das Erzählen von Geschichten zu erlernen, die nicht wie die der Hetzer, Blender und Rattenfänger auf Manipulation abzielen, sondern durch Konkretisierung des Abstrakten, Exemplifizierung des Allgmeinen und die Identifikation mit dem vermeintlich Fremden auf die Veranschaulichung unserer Überzeugungen.Denn so lässt sich vielleicht besser und glaubwürdiger schildern, warum wir unsere Ideen für richtig und vernünftig halten.
    Und vielleicht ist es auch nötig das Zuhören wieder zu erlernen, um in den Geschichten der anderen nicht nur das Irrationale zu erkennen sondern auch für uns nachvollziehbare Beweggründe, die einen Dialog ermöglichen.

  4. Ich halte die ungebrochene Tradition des politischen Rationalismus selbst für eine Quelle, aus der sich das verstärkte Aufkommen von Rechtspopulismus in den westlichen Demokratien speist. Unter „politischem Rationalismus“ verstehe ich den ungeprüften Glauben daran, dass es eine Kraft namens „Vernunft“ gibt, und dass es unsere Aufgabe sei, dieser Kraft im Raum des Politischen Geltung zu verschaffen.

    Um diese Einschätzung nachvollziehen zu können, ist es aber wahrscheinlich unvermeidbar, sich mit der Tradition des politischen Rationalismus etwas umfassender auseinanderzusetzen.

    Wer das möchte, findet hier einen Einstieg:
    https://wyriwif.wordpress.com/2017/02/04/die-haken-und-oesen-des-politischen-rationalismus/

    • DPZ sagt

      Was aber, wenn „Vernunft“ keine metaphysische „Kraft“ bezeichnete, sondern einfach ein Denken und Handeln, das mit sich selbst übereinstimmt?

      • Reinhardt sagt

        In diesem Fall nennt man das Authentizität oder einen Regressus ad infinitum.

        Was den Regress angeht, so werden Worte in der Politik zu einer leeren Floskel, die kaum politische Wirkkraft entwickelt, sondern nur dem Selbstzweck vernünftigen Diskutierens dienen. Was ja nicht unbedingt schlecht ist, wenn man berücksichtigt, dass dies dem intellektuellen Training dient.

        Das Übereinstimmen von Denken und Handeln als authentisches Auftreten einer Person führt zur Identität von Selbstbild und Fremdbild, da es unsere Handlungen sind, die auf unsere Intensionen hindeuten, auch, und das vergessen viele Handelnde, wenn man diese zu verstecken sucht.

        Man fühlt es einfach, wenn man belogen wird, auch, wenn sich jemand selbst belügt. Damit sind wir bei den Gefühlen, die man für gewöhnlich nicht öffentlich zeigt, die auch keine mataphysische Kraft sind, eher eine unterbewusste Kraft, die aber im Zwischenmenschlichen zu verorten ist, ohne das auch die Politik nicht auskommt.

        Der Rationalismus als „Frame“, der uns in unserer Entwicklung behindert, ist ein zweischneidiges Schwert: zum einen stimmt es, da dieser feste Rahmen unsere Kreativität abwürgt, die ja bekanntlich im Chaos am besten gedeiht, muss sie ja auch, denn sie sucht nach Lösungen aus dem Dickicht das Lebens; und zum anderen, stimmt es auch nicht, denn ein rationalistischer Ramen, die öffentliche Ordnung, ist auf Effizienz ausgelegt. Beide ergänzen sich: die Kreativität findet die Lösungen, die Rationalität zieht diese authentisch und zielführende durch.

        Nietzsche wollte schon einemmal den Rahmen sprengen und holte sich mit der Ünerwindung aller Werte im 19. Jahrhundert eine blutige Nase.

        Ein starrer Rahmen hingegen wirkt wie eine Ritterrüstung, die einen vor konventionellen Angriffen auf eine in sich geschlossene Gesellschaft beschützt. Was aber, wenn ein kreativer Kopf kommt, der mit allen Konventionen bricht und wie Dschingis Kahn mit kreativer und aus westlicher Sicht unkonventionellen Taktiken angreift? Dieser hat während seines Sturms auf Europa alle Ritterheere, die in starrer Kampfaufstellung sich den flexiblen Horden asiatischer Kampfkunst entgegen stellten, aufgrund seiner Flexibilität, die man in Eiropa nicht kannte und erwartete, besiegt.

        Dem politischen Rationalismus stellt die Realpolitik eine sehr komplexe Diplomatie gegenüber, um nachbarschaftlich zu überleben. Nichtsdestotrotz ist es wichtig eine kühlen Kopf zu bewahren, nach innen, wie nach außen. Da ist nun wieder die Vermunft gefragt, die den Gefühlen den ihnen zugeordneten Platz zuweist, außerhalb der politischen Diskussion.

        So gesehen ist die Vernunft in der Politik kein starrer Rahmen sondern Tagesgeschäft, zumindest innerhalb einer gut funktionierenden Demokratie. Mit Gefühlen ruft man in der Politik lediglich zu Revolutionen auf, die eine Gruppe A durch eine Gruppe A‘ ersetzen wollen. Da geht es nur um Macht und darum Recht haben zu wollen, denn Macht ist nichts anderes, als das Recht auf seiner Seite zu haben.

        Ohne einen Moderator, der die emotional aufgeladenen Diskussionsteilnehmer zur Ruhe ruft, endet Politik früher oder später im (Bürger)Krieg. Dieser Moderator ist die Vernunft, ohne die ein friedliches Zusammenleben nicht möglich ist, weder nach innen noch nach außen.

        Jeder, der den Frieden liebt, auch in turbulenten Tagen, tut gut daran, sich nicht von romantischen Revolutionsgefühlen anstecken zu lassen. Der politische Emotionalismus, durch den sich jeder Form des Populismus charakterisiert, ist nicht das richtige Mittel, um diesen zu verhindern. Diese Form der manipulativen Politik lässt Populismus und andere revolutionäre Blüten nur eskalieren, und deren Früchte sind ungenießbar, da sie ihre neuen Häuser auf Leichenbergen bauen müssen. Die Eskalation von Gefühlen führt nur zum Bau unüberwindbarer Mauern.

        Danach muss man noch miteinander reden können und vor allem, sich dabei in die Augen schauen können. Zumindest das ermöglicht einem die Vernunft in der Politik.

        So gesehen ist die Vernunft sehrwohl so etwas wie eine metaphysische Kraft, die schon immer gegen die rauschhafte Kraft der Emotionen ankämpft, eben das Apollinische gegen das Dionysische, um zuguterletz nocheinmal Nietzsche zu bemühen, in seinem Versuch, die geistige, intellektuelle Vernunft durch die leibliche, kreative Vernunft, zugunsten einer besseren, authentischeren Welt, abzulösen.

        • DPZ sagt

          „In diesem Fall nennt man das Authentizität oder einen Regressus ad infinitum.“

          Mit „Authentizität“ kann ich was anfangen – warum es sich bei reflexiver Übereinstimmung um einen infiniten Regress handelt, erschließt sich mir leider nicht.

          “ … so werden Worte in der Politik zu einer leeren Floskel, die kaum politische Wirkkraft entwickelt, sondern nur dem Selbstzweck vernünftigen Diskutierens dienen …“ – Ja, das ist ein echtes Problem. Politische Rede ist repräsentativ – sie in toto einem Vernunftanspruch zu unterwerfen, zerstört ihre Funktion.

          “ … unsere Kreativität …, die ja bekanntlich im Chaos am besten gedeiht …“ – Nah, das macht keinen Sinn. „Chaos“ ist ja präzise nicht der Ausgangspunkt von „creatio“, schon in der Antike nicht. Ex nihilo nihil fit.

          „Was aber, wenn ein kreativer Kopf kommt, der mit allen Konventionen bricht und wie Dschingis Kahn mit kreativer und aus westlicher Sicht unkonventionellen Taktiken angreift?“ – Dann wäre er präzise nicht aus dem „Chaos“ gekommen. Zwischen „mit allen Konventionen brechen“ und „mit unkonventionellen Taktiken angreifen“ besteht durchaus eine Spannung.

          „So gesehen ist die Vernunft in der Politik kein starrer Rahmen sondern Tagesgeschäft, zumindest innerhalb einer gut funktionierenden Demokratie …“ – Hatten Sie oben nicht behauptet, sie diene nur „nur dem Selbstzweck vernünftigen Diskutierens“ und würde „kaum politische Wirkkraft“ entwickeln..?

          „Ohne einen Moderator, der die emotional aufgeladenen Diskussionsteilnehmer zur Ruhe ruft, endet Politik früher oder später im (Bürger)Krieg.“ – Die seit Platon klassische Antwort auf diese Frage lautet: Jeder ist zugleich Redner und Richter…

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