»Reflexe« – die neue Kolumne von Jörg Friedrich. Folge 1: Markus Gabriels neuer Realismus

Jörg Friedrich lebt in Münster und ist Philosoph und IT-Unternehmer. Er schreibt und spricht vor allem über technik-und wissenschaftsphilosophische Themen und Fragen der praktischen Philosophie (Ethik, politische Philosophie, philosophische Ästhetik). In seiner neuen monatlichen Kolumne »Reflexe« reflektiert er über einen aktuellen philosophischen Ansatz und lädt zum kritischen Weiterdenken ein. 

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Jörg Friedrich

In der ersten Folge geht es um Markus Gabriel, Philosophie-Professor an der Universität Bonn, der in seinen Büchern „Warum es die Welt nicht gibt“ und „Sinn und Existenz“ einen neuen Realismus vertritt. Die Frage, mit der wir heute beginnen, lautet: Ist die Welt real?

Wir können über vieles so trefflich streiten, etwa über die „wahre Haarfarbe“ von Harry Potter oder über die Frage, ob es unter irgendwelchen Umständen richtig sein könnte, dass 2 + 2 = 5 ist. Über diese Fragen können wir genauso diskutieren, wie über das Alter von Meg Ryan und die Haarfarbe von Gerhard Schröder. Und in all diesen Fragen scheint es eine richtige oder eine falsche Antwort zu geben – also eine Wahrheit, ob wir sie nun wissen können oder nicht, ob wir uns dabei sicher sein können oder nur spekulieren, sei dahingestellt.

Dabei, so sagen wir dann manchmal, ist Harry Potter nicht im gleichen Sinne real wie Meg Ryan. Und was ist mit den Zahlen 2 und 5?

Dass manche Dinge, Personen, Sachverhalte, real sind, dass nicht alles nur unserem Geist entsprungen ist – darüber sind sich die meisten im Alltag einig. Aber wie weit kann so ein Realismus gehen? Das ist eine Frage, über die man sich philosophisch lange den Kopf zerbrechen kann, und wenn man das tut, dann merkt man, wie viel von dem, was wir selbstverständlich hinnehmen, gar nicht so selbstverständlich ist. Deshalb ist das Nachdenken über die Frage, was real ist – und vor allem, wie man das begründen kann – eine der spannendsten Fragen überhaupt. Immer wieder gibt es neue interessante, bedenkenswerte Antwortversuche, und einer stammt von Markus Gabriel.

Ein neuer Realismus

Die Grundthese des Neuen Realismus, den Markus Gabriel entwickelt hat, lautet: „Die Welt gibt es nicht. Aber sonst gibt es alles.“ Es gibt, so sagt Gabriel, sogar rosa Elefanten auf der Rückseite des Mondes, die sich immer in Krater verwandeln, wenn man sie beobachten will, es gibt auch Einhörner und Hexen und Feen.

Der Clou des Neuen Realismus ist, dass „existieren“ also das „es gibt…“ bedeutet: In einem Sinnfeld erscheinen. Der Begriff „Sinnfeld“ ist, wie viele zentrale philosophische Begriffe, etwas schillernd, und Gabriel gibt am liebsten Beispiele an: Im Sinnfeld des Films „Das letzte Einhorn“ gibt es ein Einhorn, im Sinnfeld der natürlichen Zahlen gibt es die Sieben, usw.

Im Sinnfeld der Bücher und Filme über Harry Potter gibt es also auch diesen Harry Potter – und in diesem Sinnfeld ist es durchaus vernünftig, eine Aussage über dessen Haarfarbe zu machen. Allerdings sehen wir hier schon, dass so ein Sinnfeld nicht so klar abzugrenzen ist. Bilden die Bücher und die Filme das gleiche Sinnfeld? Oder kann man die Bücher als Richtschnur für die „Richtigkeit“ der Filme ansehen? Gehören die Einbandillustrationen der Bücher zum Sinnfeld?

Sinnfelder sind also Erklärungszusammenhänge, die einen Sinn erzeugen, in denen Gegenstände Sinn bekommen – und durch diesen Sinn existieren sie. Das klingt plausibel, und man kann sich gut vorstellen, dass es Sinnfelder gibt, in denen Hexen und Feen existieren: Eben in den fiktionalen Fabelwelten.

Fraglich ist natürlich, ob der Begriff des Sinnfeldes, so wie Gabriel ihn verwendet, nicht etwas schwach ist, um tatsächlich Erklärungskraft zu besitzen. Es könnte ja jemand einen Roman schreiben, in dem Personen vorkommen, die den ganzen Tag nichts weiter tun, als philosophische Debatten zu führen – und diese Personen könnte der Autor als Hexen bezeichnen. Dann würde genau dieser Roman das Sinnfeld sein, in dem Hexen als Personen existieren, die nichts weiter tun, als philosophische Debatten zu führen.

Gabriel wäre damit womöglich zufrieden, aber die Lektorin des Buchs im Verlag oder spätestens die Leser, die ein Hexengeschichte erwarten, würden sagen: Das sind keine Hexen.

Das Sinnfeld, in dem Hexen existieren, ist somit nicht das einzelne Buch, sondern das ganze Spektrum der Fabelliteratur. Ob etwas überhaupt als Hexe akzeptabel ist, wird nicht in dem einzelnen Buch entschieden, sondern in diesem Spektrum – und deshalb wird dort auch über die Existenz eines Gegenstands als etwas (über die Existenz einer Figur als Hexe) entschieden.

Ebenso könnte man fragen, ob es tatsächlich ein Sinnfeld der natürlichen Zahlen gibt, in dem die Sieben existiert, oder ob das Sinnfeld nicht die Mathematik ist. Das sind keine Ermessensfragen, denn wenn man das weiter durchdenkt, kommt man ziemlich schnell zu dem Eindruck, dass Sinnfelder immer Diskurse sind, in denen die Existenz von Gegenständen und ihre Charakteristika ausgehandelt werden. Das haben wir schon bei der Überlegung gesehen, wie weit sich das Sinnfeld von „Harry Potter“ wirklich erstreckt, ob nur die Texte der Bücher oder auch die Illustrationen, oder ob sogar die Filme dazugehören. Was wirklich zum Sinnfeld gehört, wird genau in der Diskussion ausgehandelt, in der die Frage nach der Haarfarbe von Harry Potter entschieden wird. Das ist allerdings eine These, die Gabriel wohl aufs schärfste bekämpfen würde, weil er, so ist zu vermuten, befürchten müsste, dass sein Neuer Realismus damit zu nahe an den Konstruktivismus geriete. Und das will er, wie er immer wieder betont, auf keinen Fall. Uns allerdings könnte das egal sein, zumal Gabriel ohnehin ein sehr vereinfachtes Bild vom Konstruktivismus malt.

Die Welt – ein Sinnfeld?

Was ist nun mit der Welt, und warum gibt es die für Markus Gabriel auf keinen Fall?

Die Welt, das ist nach Gabriel das Sinnfeld aller Sinnfelder, alle Sinnfelder mit ihren Gegenständen sind in der Welt enthalten. Wie, so fragt Gabriel, sollte diese Welt dann selbst existieren – wo „existieren“ doch bedeutet: In einem Sinnfeld erscheinen. Gabriel meint, dass „in etwas sein“ nur so verstanden werden kann wie ein Behälter-Prinzip, und der äußerste Behälter kann nicht selbst wieder in einem Behälter erscheinen, weil der ja dann wieder drum herum wäre. Das klingt zunächst plausibel – wenn man „In-Sein“ eben nach dem „Das Wasser ist im Glas“-Prinzip denkt.

Es gibt aber noch eine andere Möglichkeit, dieses unscheinbare Wort „in“ zu verwenden. Man denke an Sätze wie: „Ich bin in Eile“ oder „Sie ist in guter Stimmung“ oder „Er ist ganz in Gedanken“. In diesen Sätzen sind „Eile“, „Stimmung“ oder „Gedanken“ keine Behälter, in denen die betreffende Person enthalten ist, vielmehr sagen diese Sätze, dass die Person ganz von der Eile, der Stimmung oder den Gedanken beansprucht ist, dass sie von ihnen eingenommen ist, dass sich die Person nur durch dieses „In Sein“ verstehen lässt.

Und natürlich gibt es diese Eile, die Stimmung, die Gedanken – sie werden sichtbar in jeder Regung und jeder Handlung der Person. Das genau ist es, was dieses „in“ aussagt. Wie jemand „in helles Licht getaucht“ sein kann – womit wir sagen, dass alles, was wir von dieser Person wahrnehmen, durch dieses helle Licht bestimmt ist, so kann jemand „ganz in Gedanken“ sein – alles an ihm, seine Haltung, seine Mimik, seine Bewegungen, sind von dieser Gedankenversunkenheit bestimmt und zeigen gleichzeitig an, wie sehr diese Person von ihren Gedankengängen bestimmt ist.

Und so ist es eben auch mit der Welt. Wenn wir sagen, alles ist „in der Welt“, dann ist diese Welt kein Behälter, der alles enthält, sondern „in allem ist Welt“. Sie existiert nicht in einem Sinnfeld, das ihr äußerlich ist, sondern sie erscheint in allem, was „in ihr“ ist – eben in den Sinnfeldern und den Gegenständen. Man kann schlicht sagen, dass die Welt sichtbar wird darin, dass wir Sinnfelder erkennen können, in denen Gegenstände existieren – das macht die Welt gerade bei Gabriel aus. Dass die Welt existiert, müsste Gabriel daran erkennen, dass er Sinnfelder identifizieren kann, in denen Gegenstände miteinander in Beziehung treten. Seine Sinnfeld-Ontologie, das ist die Weise, in der sich die Welt für Gabriel als existierend zeigt.

Das möchte er natürlich nicht, denn dann ist die Welt genau das, was er ja ablehnt: ein übergeordnetes Prinzip der Erklärung. Es ist seine Metaphysik, könnte man etwas provozierend sagen. Es ist notwendig, sich den metaphysischen Rest eines jeden philosophischen Systems klar zu machen, ganz ohne Metaphysik kommen wir nämlich nicht aus, es sei denn, wir lehnen überhaupt jedes systematische Denken über die Fundamente unseres Denkens und Urteilens ab. Vielleicht ist es sogar so: Wenn wir das metaphysische an einem System noch nicht gefunden haben, wenn wir sogar glauben, dass ein System ohne Metaphysik auskäme, dann haben wir es noch nicht ganz durchschaut, dann haben wir noch nicht genug darüber nachgedacht.