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„Sind Tiere Mitglieder unserer moralischen Gemeinschaft?“

Zum Wohle der Menschheit leiden Tiere bei Tierversuchen. Gibt es brauchbare Alternativen, oder müssten wir Menschen leiden, wenn wir auf Tierversuche verzichten würden? Und müssten wir, wenn wir ganz konsequent wären, dann nicht gegen jegliche Form tierischer Ausbeutung sein, also auch kein Fleisch mehr essen und keinen Zirkus oder Zoo besuchen? „Am Ende führt das zu einer philosophischen Grundsatzfrage: Sind Tiere Mitglieder unserer moralischen Gemeinschaft?“, fragt Lydia Klöckner in der Zeit.

– Katharina Burkhardt

3 Kommentare

  1. Das Mitleid oder die Fähigkeit das Leid eines anderen Wesens nachzuempfinden, ist für Arthur Schopenhauer die Grundlage jeder moralisch wertvollen Handlung. Doch unsere Leidensfähigkeit scheint enden wollend, wenn es darum geht unsere eigenen Interessen zu befriedigen. Die moderne Interpretation des Homo-mensura-Satzes (Der Mensch ist das Maß aller Dinge) hat in vielerlei Hinsicht mehr zum Fluch, denn zum Segen geführt. Doch der Reihe nach: De facto sind Tiere keine Mitglieder unserer moralischen Gemeinschaft und sie können es auch nicht werden. Eine moralische Gemeinschaft zeichnet sich ja dadurch aus, dass die in ihr lebenden Individuen bestimmte moralische Werte und Normen als verbindlich anerkennen und zumindest im Prinzip danach handeln. Tiere können weder das eine noch das andere. Die entscheidende Frage lautet also, welche Moral, d.h., welche Werte und Normen eine Gemeinschaft für den Umgang mit nicht-menschlichen Lebewesen hervorbringt und akzeptiert. Und diesbezüglich müssen wir konstatieren, dass wir in einer Gemeinschaft leben, in der es an einer solchen Moral mangelt (um es vorsichtig auszudrücken). Mit nicht-menschlichem Leben wird bisweilen rücksichtslos und brutal umgegangen, ohne jede Regung von Mitleid oder Mitgefühl. Im Zweifel gerechtfertigt, handelt es sich doch vermeintlich um einen Auftrag zum Wohle der Menschheit. Dann geht es um Arbeitsplätze, um Medikamente, um Fortschritt usw. Die Gesetzgebung (jedenfalls jene in Österreich), die in letzter Konsequenz ein Spiegel des Moralverständnisses ist, schlägt dem Fass den Boden aus: nicht-menschliches Leben wird als Sache gehandelt. Mein Hund „Seneca“ – nichts anderes als mein Computer? Auf der anderen Seite ist auch der militante Tierschutz wenig zielführend, weil es scheint, dass er zum Prozess der Bewusstseinsbildung nichts oder nur wenig beiträgt. Doch gerade diese Bewusstseinsbildung scheint der einzige Weg, um längerfristig zu einem maßvollen und moralisch vertretbaren Umgang mit unseren tierischen Artgenossen zurückzukehren. Den größten Feind dieses Prozesses sehe ich allerdings im Lebensmodell „Konsum“, dem immer mehr Menschen anheimfallen. Wer nur noch konsumiert, der wird dumm, denn er hört auf nachzudenken. Ohne Nachdenken kommen wir in dieser Sache aber nicht weiter. Im Gegenteil wir entwickeln uns zurück.

    Bernd Waß, Philosoph, Academia Philosophia

  2. M. Papst sagt

    Fachlich korrekt ist die Aussage über die österreichische Gesetzgebung nicht. Im allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuch (ABGB) steht explizit (§ 285a.):
    „Tiere sind keine Sachen; sie werden durch besondere Gesetze geschützt. Die für Sachen geltenden Vorschriften sind auf Tiere nur insoweit anzuwenden, als keine abweichenden Regelungen bestehen.“
    Wo da dem Fass moralisch der Boden ausgeschlagen wird, kann ich nicht erkennen (kleiner Hinweis, worin der juristische Unterschied zwischen Hund und Computer besteht: Im Tierschutzgesetz).

  3. Hallo M. Papst,
    vielen Dank für Ihren Einwand. Ich habe diesen nachvollzogen und stimme Ihnen zu. Meine Aussage zur Rechtssituation in Österreich war nicht korrekt. Tatsächlich wurde das Gesetz geändert. Allerdings: Dass Tiere keine Sachen sind „ist im wesentlichen programmatisch zu verstehen, weil ja die Vorschriften über Sachen auch auf Tiere noch weiterhin anzuwenden sind, es sei denn, es bestehen abweichende Regelungen“ (Gschnitzer, Franz: Allgemeiner Teil des bürgerlichen Rechts, Springer Verlag, 1992, S. 397). Insofern bleibe ich bei meiner Auffassung, dass hier dem Fass moralisch der Boden ausgeschlagen wird, wenngleich ich Ihnen zugebe, dass es sich nunmehr um ein kleineres Fass handelt.

    Beste Grüße
    Bernd Waß, Philosoph, Academia Philosophia

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