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Ich habe was, was du nicht hast

Unsere Welt ist ungerecht. Dass Menschen mit Privilegien davon profitieren, ist kein Geheimnis. Sich als privilegierter Mensch damit auseinanderzusetzen, ist unangenehm, lohnt sich aber.

Ich greife nach dem Aufwachen zum Handy und schaue mir die Nachrichten an. Jeden Morgen. Vor einer Woche stand da, dass die Wahlen in den USA eng ausgehen werden. Dass es noch lange dauern wird, bis sie ausgezählt sind. Später verkündete Trump, er wolle die Auszählungen stoppen. Ich schlag mir ungläubig die Hand vor die Stirn. Die USA – Das selbsternannte Land der Demokratie und dann sowas. Gleichzeitig denke ich mir, dass das ja zu erwarten war, was es nicht besser macht. Vor einigen Wochen wurden in Polen die Rechte von Frauen durch neue Abtreibungsgesetze eingeschränkt. Ich stelle mir all die Schwangeren vor, die Kinder in sich tragen, die so krank sind, dass sie die Schwangerschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht überleben werden. Das muss sich anfühlen, als würde man einen schweren Stein im Bauch haben. Raus darf er nicht mehr, nicht in Polen, nicht mehr seit dem 22. Oktober. Die USA sind aus dem Pariser Klimaabkommen ausgetreten, der Regenwald wird weiter brandgerodet. Die Nachrichten vermitteln zwischen einem Fußball 6:2 für Bayern und kleinen Hoffnungsschimmern (ein Konzertclub in Hamburg nimmt jetzt Obdachlose auf) einen menschengemachten Untergang meiner Wertvorstellungen.

Was tue ich dagegen? Ich leide mit. Ich engagiere mich. Ich sehne mich nach dem Tag, an dem ich morgens Nachrichten lese und sie mir das Gefühl vermitteln, es ist alles ok. Morgen geht die Welt nicht unter, nicht für Frauen in Polen, nicht für die indigene Bevölkerung Brasiliens, nicht für Schwarze in Amerika und nicht für mich. Ich sehne mich danach, weltschmerzfrei in den Tag zu starten, völlig unbesorgt zu konsumieren, im Glauben an den gerechten Markt und problemlösende Politik. Und dann fällt mir in all meiner Sehnsucht auf, dass ich vor offenen Toren stehe. Ich muss nur noch durchlaufen. Ich bin eine weiße Frau, studiere, komme aus einer gutverdienenden Familie und lebe in Deutschland. Mir geht es richtig gut. Abgesehen von der ein oder anderen Ungerechtigkeit, die mit dem Frausein einhergeht wie der Tatsache, dass ich meinen Freunden sage, wohin und wie lange ich joggen gehe, wenn es dunkel ist, ist mein Leben von der Ungerechtigkeit der Welt praktisch nicht beeinträchtigt. Wenn ich wollte, ich könnte das sorgenfreie Leben leben, nach dem ich mich so sehne, könnte einfach morgens keine Nachrichten schauen, sondern mir stattdessen einen Moment Ruhe gönnen, vielleicht einen nicht Fairtrade Kaffee trinken aber mir auch darüber nicht den Kopf zerbrechen. Ich könnte mir ohne viel Mühe selbst vermitteln, es ist alles ok.

Warum tue ich das nicht? Wenn mir die Welt so zusetzt, dass mir mein Herz zeitweise einen Stock tiefer rutscht, weil ich die Nachrichten lese, warum höre ich nicht einfach auf damit? Warum nutze ich nicht die Privilegien, die ich habe, um ein entspanntes Leben zu führen? Einfach nichts von all dem an mich heranzulassen? Warum erkläre ich nicht einfach „Genieße den Tag“ zu meiner Lebensmaxime, anstatt dabei zuzusehen, wie ich im Angesicht der Ungerechtigkeit der Welt immer trauriger werde? Das Leben ist kein Ponyhof, das ist mir klar, aber ich bin in der Lage, es für mich so aussehen zu lassen.

Natürlich, wenn das alle machen würden, würde unser System ins Stocken kommen. Eine Gesellschaft voller Menschen, die nur an sich denken, denen alles egal ist, Hauptsache am Ende vom Tag geht es ihnen gut, so eine Gesellschaft kann eine Demokratie schwer tragen. Da ich aber weiß, es gibt Menschen, die sich kümmern, die nicht so denken, bin ich in der Position, nicht mitmachen zu müssen. Klar ist das Trittbrettfahren und ethisch gesehen zumindest nichts, wofür man gefeiert werden sollte, aber es ist möglich.

Ich könnte meine Privilegien nutzen, ein unbeschwertes Leben zu führen, in dem ich mich nicht um andere kümmere. Nicht um den Klimawandel, nicht um Frauenrechte (außer die in Deutschland), nicht um Rassismus. Im Grunde genommen tue ich das schon in vielen Bereichen. Ich habe nicht den Überblick über all die Gebiete der Welt, in denen sich etwas verändern sollte, ich versuche es nicht einmal. Mein Engagement ist beschränkt, weil ich das Gefühl habe, ich kann nicht mehr tun als das, aber auch weil ich nicht mehr tun will als das.

Meine Privilegien erlauben mir, eine Wahl zu haben. Eine zwischen Engagement und Ignoranz und all den Stufen dazwischen. Die Möglichkeit, mich zu entscheiden, schließt die Möglichkeiten ein, mich zu engagieren oder es zu lassen. Es gibt Menschen, die diese Wahl nicht haben. Weil sie teilhaben müssen, weil sie die Politik spüren, weil sie ihnen nicht in die Hände spielt. Und es gibt Menschen, die nicht die Wahl haben, weil sie nicht teilhaben können. Weil sie alle Hände voll zu tun haben, damit, in unserem gesellschaftlichen System über Wasser zu bleiben.

Gemeinhin versteht man unter Privilegien unverdiente Vorteile, die manche haben und manche nicht. Sie sind wie Fallschirme, die einem aufgeschnallt wurden. Man denkt nicht immer daran, aber ist sich doch dessen bewusst, dass man, sollte man fallen, nicht hart aufkommt. Wenn man Privilegien hat, dann kann man auf Unterstützung zählen, irgendwer wird einen schon auffangen. Man ist sichtbar genug, um gefangen zu werden. Menschen, die keine Privilegien haben, sind benachteiligt. Das klingt trivial, aber es trifft das Problem im Kern: Es gibt Menschen, die keine solchen „Fallschirme“ haben, die nicht einmal gesehen werden, wenn sie stürzen. Die, wenn sie fallen, tief fallen und die unter dem Druck leben müssen, das zu wissen. Privilegien zu haben, das heißt einen unverdienten Vorteil zu haben, der einen leichter durchs Leben gehen lässt, sorgloser.

Allein, sich darüber Gedanken machen zu können, einfach aufzuhören, engagiert zu sein, ist ein Privileg. Die Politik spielt einem in die Hände, man kann sich darauf ausruhen. Wenn Menschen aber systematisch diskriminiert werden, scheint die Wahl zwischen „etwas tun“ und „nichts tun“ eine ironische Frage zu sein. Sich keine Gedanken zu machen impliziert dann nicht ein Leben ohne Weltschmerz, es ist tatsächlich kaum möglich. Eine Schwarze Mutter in Texas macht sich zwangsläufig Gedanken über Rassismus, wenn in den Nachrichten von einem Vorfall von Polizeigewalt berichtet wird und ihr Sohn noch nicht zuhause ist.

Sich über die Ungerechtigkeiten der Welt Gedanken zu machen ist für privilegierte Menschen außerdem viel bequemer, weil sie mit Distanz einhergehen. Weil man sich Pausen davon nehmen kann, sie zu denken. Weil man die Möglichkeit hat, sie zu ignorieren, wenn es zu viel wird. Und damit sind Privilegien noch etwas: eine Chance, sich mit all den Themen auseinanderzusetzen, die weh tun ohne dass man dabei mehr spürt als Weltschmerz.

Abgesehen von den Schreckmomenten beim Nachrichtenlesen und dem Kloß im Hals, den ich herunterschlucke, nachdem ich über metaphorische Steine in den Bäuchen polnischer Schwangeren nachgedacht habe, geht es mir gut. Es ist nicht schwer für mich, mich zu informieren, auf das ein oder andere bewusst zu verzichten, mich zu engagieren. Es gehört sogar zu mir. Ich wäre einfach anders, wenn ich ignorieren würde, was gerade außerhalb von mir in der Welt passiert. Wäre ich glücklicher?

Zu schließen, man wäre es, zeigt, dass wir glauben, unser Glück wäre individuell bestimmbar. Dass es nur von uns abhängt, wie erfolgreich oder wie sorglos wir sind. Für Menschen wie mich stimmt das auch bis zu einem gewissen Grad. Weil ich genau die Vorbedingungen habe, die es mir ermöglichen, meinen Träumen hinterher zu hetzen, ohne mir groß Gedanken darüber zu machen, wie existenzsichernd das ist. Unsere Welt ist aber leider so ungerecht, dass ich damit mit Wenigen allein bin. Der*die Sozialaktivist*in Janaya Khan sagte, dass wenn es stimmen würde, dass unser Glück allein in unserer Verantwortung liegt und nur davon abhängt, wie viel wir dafür tun, wenn Arbeit Wohlstand bedeuten würde, dann wären Alleinerziehende die reichsten Menschen der Welt. Aber das sind sie nicht.

Eine ungerechte Welt ist ungerecht, weil manche Privilegien haben und viele nicht. Sollte ich als privilegierter Mensch politisch sein, mir Gedanken und Sorgen machen? Mir überlegen, was ich mit einem Fallschirm für sanfte Stürze und einer lebenslangen Unterstützung der Gesellschaft als seichten Rückenwind machen will? Ja. Weil ich von meinen Privilegien und damit von der sozialen Ungleichheit profitiere. Ich stehe auf der Seite derjenigen, die Vorteile daraus ziehen, dass das System ungerecht ist und damit indirekt daraus, dass es anderen schlechter geht. Vielleicht finde ich Nachrichten schauen auch deswegen so anstrengend. Weil es mir nicht nur zeigt, wie ungerecht unsere Welt ist, sondern auch, dass Privilegierte, wie ich es eine bin, fleißig weiter daran arbeiten, das System so ungerecht bleiben zu lassen, wie es ist.

Ich sollte mir Gedanken machen und mich engagieren, weil ich privilegiert genug bin, es zu tun. Ich habe die Wahl. Ich kann mir aussuchen, ob und wie ich mich einbringe. Und wenn eines meiner Privilegien darin besteht, eine Wahl zu haben, dann habe ich damit zumindest die Verantwortung, mich zu entscheiden. Bin ich ignorant gegenüber dieser Wahl, diesem Privileg und der Tatsache, dass andere sie nicht haben, dann ist das unverantwortlich. Nichtstun in einem ungerechten System ist unverantwortlich. Sein Privileg, eine Wahl zu haben, nicht zu nutzen, das ist nicht viel besser als für die Ungerechtigkeit zu arbeiten. Ignoriert man, dass man Privilegien hat, ignoriert man auch, dass man die Wahl hat sie zu nutzen und damit die Möglichkeit, etwas gegen die Ungerechtigkeit zu tun.

An dem Punkt darf man sich die Frage stellen, wenn ich schon das Glück habe, privilegiert zu sein, wie nutze ich das? Wenn privilegiert sein heißt, von dem System, in dem wir leben, gesehen zu werden, ist es nicht das mindeste was ich tun kann, die sichtbarer zu machen, die es gerade nicht sind? Wenn privilegiert sein heißt, eine Wahl zu haben, sollte ich die nicht dafür nutzen, diejenigen, die sie nicht haben, solange zu unterstützen bis sie die Wahl haben?

Sich zu engagieren ist außerdem kein reiner Akt der Anteilnahme. Es ist auch etwas, das man für sich selbst tut. Ich wäre anders, wenn ich ignorieren würde, was gerade außerhalb von mir in der Welt passiert. Etwas zu tun, das ist Teil meines Selbstverständnisses. Wir haben Gründe, die weit über Solidarität hinaus gehen, uns zu engagieren. Warum fängt man wirklich damit an, etwas ändern zu wollen? Wenn wir uns dessen bewusst werden, wie privilegiert wir sind, warum entscheiden wir uns für Engagement? Weil Ungerechtigkeit unangenehm ist? Weil es ein Teil von einem selbst ist, ein Teil von etwas Größerem zu sein? Weil es Arbeit ist, an deren Ziellinie man erleichtert auf die Vergangenheit schauen kann? Arbeit, die mir den Tag näherbringt, an dem ich morgens aufwache, Nachrichten lese und das Gefühl habe, es ist alles ok und nicht den Tag, an dem ich wegschauen muss, um das zu glauben? Weil es nicht selbstverständlich ist, sich die Frage stellen zu können, ob man sich engagieren will oder nicht. Weil es ein Privileg ist, die Wahl zu haben.

– Paulina Albert

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