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Das fatale Phantasma

Wie kann es sein, dass immer wieder Antisemitismus aufkommt? Selbst bei uns, im Land des Holocaust? Wie ist umzugehen mit jenem Phänomen, das sich der rationalen Diskussion entzieht? Es gibt nur einen Weg: Wir müssen die Projektionen verstehen, die mit Antisemitismus zusammenhängen – immer wieder aufs Neue.

Dieser Text aus stammt aus unserer Ausgabe 6/2018. Aus gegebenem Anlass veröffentlichen wir ihn nun online.

»Mir wurde offenbar, was sonst niemand anderes sah«, rappt Kollegah in seinem Song »Apokalypse«, einem 13-minütigen Epos über den Kampf zwischen Gut und Böse, in dem er den Retter der Welt spielt. Dieser Retter hat die »verbotenen Schriften« gelesen und die »Symbole« erkannt: »Jetzt weiß ich, was das Geheimnis der Erleuchteten war, erkenn’ am heutigen Tag ihren teuflischen Plan«. Wer diese »Erleuchteten« sind, wird nicht klar benannt, Kollegah vermischt diverse Mythen und Verschwörungstheorien, aber die finale Schlacht kämpft er in Jerusalem gegen eine »endlose Macht auf dem Tempelberg«. Klarer geht Judenhass kaum. Und klassischer in seinen Motiven auch nicht. Da ist es wieder, das Phantasma einer jüdischen Weltverschwörung – in einem Musikvideo aus dem Jahr 2016.

Auf YouTube ist das Video mittlerweile gesperrt. Im April vorigen Jahres sorgten Kollegah und Farid Bang für einen Eklat beim Musikpreis »Echo«, weil sie einen Preis bekamen für ein Album, auf dem ebenfalls eine antisemitische Zeile zu hören ist. Andere Künstler gaben daraufhin ihren Preis zurück, der Echo wurde abgeschafft.

Der Reflex, gegen Antisemitismus aufzustehen, funktio­niert in Deutschland, so könnte man meinen. Es gibt wenig, worüber sich die Mehrheitsgesellschaft so einig ist wie da­rüber, dass es Judenhass in Deutschland nicht geben darf. Und doch gibt es Antisemitismus in diesem Land, das zeigen nicht nur einschlägige Vorfälle, wie etwa tätliche Übergriffe auf Kippa-Träger auf offener Straße und nun der Anschlag von Halle.

Rund 20 Prozent der Deutschen, so das übereinstimmende Ergebnis mehrerer Studien, haben latent antisemitische Einstellungen. Der Judenhass kommt dabei weder nur von muslimischen Migran­ten, noch ausschließlich aus dem AfD-Milieu. Wenn man die Studien ernst nimmt, gibt es einen ganz alltäglichen Anti­semitismus, der bis in die Mitte der deutschen Gesellschaft reicht.

Was öffentlich kaum jemand zu sagen wagt, das bricht heute in sozialen Netzwerken und anonymen Onlineforen hervor. Da liest man Kommentare wie »Juden sind das größte Elend der Menschheit«, »Die Zionistenclans sind die Pest der Welt« oder »Israel ist der Teufel der Neuzeit«. Eine aktuelle Studie der TU Berlin konstatiert eine stetige Zunahme antisemitischer Inhalte im Netz, verbunden mit einer »semantischen und argumentativen Radikalisierung«, und längst nicht bloß auf einschlägigen Extremistenseiten, sondern auch und gerade in den Kommentarspalten von Qualitätsmedien: »Die Verfasser von Judenhass verfügen zum Teil über eine ausgezeichnete Sprachkompetenz, über Hintergrundwissen und Bildung. Trotzdem verbreiten sie klassische Antisemitismen. Das ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen«, sagte die Studienleiterin Monika Schwarz-Friesel in den »Tagesthemen«.

Aber wie kann das sein? Im 21. Jahrhundert, das gern eine postrassistische Zeit wäre? In einem aufgeklärten moder­nen Land? Und vor allem im Land des Holocaust, das doch so viel tut für die Aufarbeitung der Geschichte, das nicht nur sich selbst die Lehren aus den unfassbaren Verbrechen auf die Fahnen schreibt, sondern auch auf der internationalen Bühne gern den Verwalter dieser Lehren gibt?

Es gibt viele Spielarten des Antisemitismus

Als Antisemit wird man nicht geboren; man wird auch nicht dazu gemacht. Nichts zwingt Menschen dazu, Juden zu hassen, weil sie Juden sind. Antisemitismus ist eine Einstellung, die man aus freien Stücken wählt, die man sich zu eigen macht. Man kann darunter eine politische Ideologie ebenso verstehen wie ein Vorurteil oder Ressentiment, das von leichter Abneigung bis zu pathologischem Hass reichen kann. Es gibt viele Spielarten des Antisemitismus, von einem biologischen Antisemitismus über religiöse Judenfeindschaft bis zu einem »metaphysischen« Antisemitismus, der sich gegen das angebliche jüdische »Wesen« richtet. Eine der Schwierigkeiten ist, die Differenzen anzuerkennen und dennoch das Gemeinsame zu sehen. Antisemitismus bleibt Antisemitismus, in welcher Form er uns auch entgegentritt.

Antisemitismus bedeutet, in einer schlichten Definition, jede Form von Feindschaft gegenüber Juden. Der Antisemit lehnt Juden ab, ihre Lebensweise, ihre Kultur, ihre Religion. Kritik an der israelischen Politik ist nicht per se antisemitisch, aber Antisemitismus kommt heute oft im Gewand der Kritik an Israel daher.

Im Kern beruht jede antisemitische Einstellung auf einem Vorurteil. Der Antisemit setzt bestimmte Annahmen über »die Juden« als richtig voraus, etwa das Stereotyp der »Geldgier« und des »Händlergeists«. Beweise dafür hat er nicht, und er braucht sie auch nicht. Schließlich »weiß« man ja, dass »die Juden« einen besonderen Geschäftssinn haben. Rein logisch betrachtet, unterliegt der Antisemit also schlicht einem Fehlschluss. »Die Ablehnung gründet sich nicht auf Fakten, sondern auf Traditionen und Emotionen, die aber als Fakten verstanden werden«, schreibt der Antisemitismus-Forscher Wolfgang Benz: »Deshalb entzieht sich Judenfeindschaft in allen ihren Ausprägungen jeder rationalen Diskussion.«

Man kann heute kaum über Antisemitismus reden, ohne über den Holocaust zu reden. Tatsächlich lässt sich die Judenvernichtung ohne die lange Geschichte antisemitischer Denk­muster nicht erklären. Doch der Antisemitismus ist nur einer von mehreren Faktoren, die schließlich zum Massenmord an sechs Millionen Juden führten. Holocaust und Antisemitismus sind nicht dasselbe. Nicht jeder Anti­semit befürwortete die Auslöschung der Juden. Schon deshalb lassen sich antisemitische Denkmuster nicht allein aus der Perspektive des Holocaust verstehen.

»Der Jude« als Konstrukt der Antisemiten?

Vor dem Hintergrund der Naziverbrechen halten viele den Antisemitismus heute für ein irrationales, pathologisches Phänomen, eine krankhafte Wahnvorstellung, die mit der Realität der Juden nichts zu tun hat. Aus dieser Sicht ist der Antisemitismus nicht das Problem der Juden, sondern eines der Antisemiten. »Existierte der Jude nicht, der Antisemit würde ihn erfinden«, schrieb Jean-Paul Sartre (1905–1980). Der Antisemit brauche das Feindbild der Juden, um sich überlegen zu fühlen. Die realen Juden spielten dabei keine Rolle. Es gehe um die »Idee vom Juden«, die sich der Antisemit mache. In Sartres Worten: »Der Jude ist der Mensch, den die anderen als solchen betrachten. Der Anti­semit macht den Juden.« Wer den Antisemitismus abschaffen wolle, müsse daher bei den Antisemiten ansetzen.
Das Problem an dieser Lesart ist, dass die Juden selbst darin nicht vorkommen. Der »Jude« wird zum Konstrukt der Antisemiten – und damit zum letztlich austauschbaren »Sündenbock«. Das wirft jedoch die Frage auf, warum der Hass die Juden traf und nicht andere Gruppen. Eine andere Theorie verweist auf die über 2000-jährige Tradition des Antisemitismus in vielen Kulturen. Nach der These des »ewigen Antisemitismus« ist die Judenfeindschaft eine mehr oder weniger fixe historische Konstante. Viele Historiker halten diese These für falsch und gefährlich, weil sie den Antisemitismus zu einer Art unabänderlichen »Naturtatsache« erklärt.

Tatsächlich ist der Antisemitismus älter als das Christentum, er reicht zurück bis zu den Ägyptern, von denen die Juden wegen ihres Monotheismus angefeindet wurden. Der »abendländische« Judenhass entstand mit dem Christentum, das den Juden die Zugehörigkeit zum neuen Gottesbund absprach. Man machte sie für den Tod Jesu verantwortlich und raunte absurde Gerüchte in die Welt, etwa jenes von Ritualmorden, die noch heute im Internet auftauchen. So hieß es, Juden würden christliche Kinder töten, um ihr Blut in Matzen zu verbacken. Im Mittelalter entlud sich der Judenhass in Pogromen und bei Kreuzzügen, auf denen Juden als »Christusmörder« getötet wurden; zugleich schränkte man ihre Berufsausübung auf Handel und Geld­geschäfte ein.

Vom historischen Antisemitismus zur Rassenpropaganda

Die »jüdische Emanzipation«, also die sukzessive staatsbürgerliche Gleichstellung, begann erst mit der Aufklärung und der Herausbildung der modernen Nationalstaaten. Während westeuropäische Staaten wie Frankreich die Juden auf Basis der Menschenrechte vorbehaltlos als gleichberechtigte Staatsbürger anerkannten, verlangten die deutschsprachigen Staaten von ihren jüdischen Untertanen im Gegenzug oft besondere »Integrationsleistungen«. Die Juden akzeptierten das und passten sich erfolgreich an die moderne Wirtschaft und Gesellschaft an; im Deutschland der wilhelminischen Epoche waren sie gesellschaftlich integrierter als in jeder anderen Phase der deutschen Geschichte.

Paradoxerweise fiel die weitgehende Integration und Säkularisierung im 19. Jahrhundert zusammen mit einer neuen Judenfeindschaft. Der »moderne« Antisemitismus wollte sich abgrenzen von Mythen und religiösen Gefühlen, gab sich ein pseudowissenschaftliches Image und argumentierte rassistisch und sozialdarwinistisch. Die »arische« Rasse sei der »semitischen« überlegen, die biologisch unveränderbar mit negativen Eigenschaften belegt sei. Die deutschen Vertreter dieser Ideologie nannten sich selbst Anti­semiten; der Begriff wurde populär und wanderte in andere europäische Sprachen ein.

In gewisser Weise war das Judentum der lebendige Beweis, dass beides möglich war: partikulare Be­son­derheit und gesellschaftliche Teilhabe. Das widersprach aber der Rassentheorie, wie der Historiker Christian Geulen in seiner »Geschichte des Rassismus« meint: »Das Judentum war damit nicht bloß der Feind einer gedachten deutschen Rasse, sondern es war ebenso ein Feind des Rassismus als Lehre und Weltauslegung – und eben deshalb nahm es für die Antisemiten immer deutlicher die Züge einer fundamentalen Gegenrasse an.«

Die neuen Antisemiten zeichneten das Bild von »Parasiten« und »Schmarotzern«, die sich an der Arbeit anderer bereicherten. Das war perfide Propaganda – und doch gab es Juden, die faktisch von den brachialen Umwälzungen des Kapitalismus profitierten. Die angeblich typisch jüdische »Raffgier« ist ein bösartiges Stereotyp der Judenhasser. Kein antisemitisches Konstrukt ist es, dass Juden im Kapitalismus tatsächlich reich oder wohlhabend wurden. Das heißt nicht, in einer Täter-Opfer-Umkehr, dass im Antisemitismus ein »wahrer Kern« steckt, dass die Juden also selbst schuld wären an der Ablehnung, die ihnen ent­gegenschlägt. Doch es bedeutet möglicherweise, dass wir besser verstehen müssen, wie der Antisemitismus mit der Realität der Juden zusammenhängt.

Warum man die Judenfeindschaft historisch betrachten muss

Wer den Antisemitismus nur für das irrationale Konstrukt der Judenhasser hält, der läuft Gefahr, die Judenfeindschaft von der konkreten geschichtlichen Realität abzulösen – und die Juden letztlich auf ihre »ewige« Opferrolle zu reduzieren. Der »Jude« wird dann zu einer Art Wahnvorstellung – zu etwas, das es in Wirklichkeit gar nicht gibt.

Der Antisemitismus beruhe auf »falscher Projektion«, schrieben Max Horkheimer (1895 –1973) und Theodor W. Adorno (1903–1969) in ihrem Aufsatz »Elemente des Anti­semitismus«. Die »falsche Projektion« passt sich nicht an die Umwelt an, sondern macht umgekehrt die Umwelt sich selbst ähnlich, wie der Mordlüsterne, der seine Opfer als Verfolger sieht. Gefährlich wird es dann, wenn ein solcher Paranoiker nicht mehr zwischen Wahn und Wirklichkeit unterscheiden kann: »Das Pathische im Antisemitismus ist nicht das projektive Verhalten als solches, sondern der Ausfall der Reflexion darin.«

Tatsächlich projizieren wir ständig Subjektives auf die Außenwelt. Wenn wir Angst haben, halten wir vieles für bedrohlich. Erst wenn wir über unsere eigenen Gedanken nachdenken, bemerken wir die Differenz: Die Welt ist gar nicht so, wie wir denken. Wer etwa im 19. Jahrhundert Angst hatte, im Kapitalismus auf der Strecke zu bleiben, projizierte diese Angst womöglich auf die Juden. Die Reflexion hätte ihm freilich gezeigt, dass nicht die Juden das Problem waren, sondern der Kapitalismus. Etwas auf »die Juden« zu projizieren bedeutet nicht, die Juden gleichsam zu »erfinden«. Es heißt allerdings, sie in einem bestimmten Licht zu sehen – nämlich im eigenen.

Selbst Kant, Hegel und Marx verfielen dem Antisemitismus

Ausgerechnet der große Aufklärer Immanuel Kant (1724–1804) unterstellte den Juden in seiner »Anthropologie in pragmatischer Hinsicht«, sie seien durch ihren »Wuchergeist« in den »nicht unbegründeten Ruf des Betruges« gekommen. Statt als Fremde dankbar für die ihnen erwiesene Gastfreundlichkeit zu sein, suchten sie die »Vorteile der Überlistung des Volkes, unter dem sie Schutz finden«. Die jüdische Religion sei »gar keine Religion«, weil sie nur auf Gesetzen beruhe und nicht auf »moralischer Gesinnung«, schreibt Kant in seiner berühmten Schrift »Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft«. Zudem schließe das Judentum, das sich für das auserwählte Volk halte, die ganze übrige Menschheit aus seiner Gemeinschaft aus.

Auch für Hegel (1770–1831) waren die Juden ein Volk ohne Freiheitssinn, ohne Nationalgeist und staatsbürger­liches Bewusstsein: »Der Staat aber ist das dem jüdischen Prinzip Unangemessene und der Gesetzgebung Mosis fremd«, urteilte Hegel in seinen »Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte«. Durchaus ähnlich sah es Karl Marx (1818–1883). Die »chimärische Nationalität des Juden«, schrieb dieser in seiner Jugendschrift »Zur Judenfrage«, sei die »Nationalität des Kaufmanns, überhaupt des Geldmenschen«. Marx identifizierte die Juden mit Eigennutz, Schacher, Profit: »Das Geld ist der eifrige Gott ­Israels, vor dem kein anderer Gott bestehen darf«, so Marx in der Schrift, die Hannah Arendt später als Beispiel für den »Anti­semitismus der Linken« sah. Zwar hielt Marx die »Judenfrage« nicht für die Frage der Juden, sondern für das Problem der bürgerlichen Gesellschaft, die den »Juden« fortwährend »aus ihren eigenen Eingeweiden« erzeuge. Das hinderte ihn aber nicht daran, sich einschlägiger antisemitischer Stereotype zu be­dienen. Wie schon Kant »übersah« auch Marx, dass die Juden historisch in ebenjene Rolle in der modernen Gesellschaft gedrängt worden waren, die man ihnen nun zuschrieb.

Das Judentum als Seinsweise, die jeder anders auslegt

Für Kant sind die Juden die Feinde der Freiheit und Moral, für Hegel die Verächter des Staates, für Marx die Agenten des Geldes, das uns alle beherrscht. Für alle drei steht das Judentum für eine bestimmte Seinsweise, eine bestimmte Beziehung zur Welt. Bei Marx ist das besonders offensichtlich. Er braucht die Realität der Juden – ihren angeblichen Eigennutz und Geschäftssinn – als eine Art Chiffre für die infektiöse Macht des Geldes, für den »wahren« Gott, den wir alle anbeten, der uns alle zu »Juden« macht. Der Historiker David Nirenberg vertritt in seinem Buch »Anti-Judaismus« die These, dass judenfeindliche Vorstellungen das westliche Denken wesentlich mitgeprägt hätten.

Die Religion und Kultur der Juden, ihre Lebensweise, ihre Erfolge in der Wirtschaft, ihre Bedeutung im Geistes­leben, in der Wissenschaft waren und sind real. Eben deshalb konnten und können Antisemiten ihre judenfeindlichen Klischees auf sie projizieren. Die Juden gehörten zur Avantgarde der modernen Welt. Sie waren auch deshalb so erfolgreich, weil sie sich anpassen mussten. Als die Zumutungen der rationalistischen Moderne zutage traten, vom Industriekapitalismus bis zur »seelenlosen« Wissenschaft und Technik, machten viele sie dafür verantwortlich.

Noch im 20. Jahrhundert denunzierte Martin Hei­degger (1889–1976) die Juden als Agenten der »Machenschaft«, eines rechnenden, vergegenständlichenden Denkens, das uns den Zugang zum »Sein« versperrt. Der Antisemitismus war auch eine Bewegung gegen die Modernisierung, gegen Emanzipation und den aufkommenden politischen Liberalismus. Ein Beispiel dafür war der sogenannte Berliner Antisemitismusstreit um das Jahr 1880, in dem es nicht wirklich um unterschiedliche Auffassungen zur Judenemanzipation ging, sondern um eine deutsche Identitäts­debatte und die Frage, was es hieß, ein »Deutscher« zu sein, exemplarisch ausgefochten zwischen dem konservativen Heinrich von Treitschke auf der einen Seite sowie dem liberalen Historiker Theodor Mommsen und einigen jüdischen Intellektuellen auf der anderen.

Die Deutschen »brauchten« die Juden als Gegenpol zur deutschen »Innerlichkeit«, zu ihrer Vorstellung von »Gemeinschaft«, Authentizität und Gefühl. Nirgendwo lässt sich das eindrücklicher nachlesen als bei Richard Wagner, für den das »Deutsche« darin besteht, eine Sache »um ihrer selbst willen« zu tun, und nicht aus Nützlichkeitserwägungen. In seiner berüchtigten Schrift »Das Judentum in der Musik« sprach er den Juden jegliche Fähigkeit zum authentischen künstlerischen Ausdruck ab, unter anderem weil sie sich stets mit »praktischeren Dingen« beschäftigt hätten. Was den Juden allein interessiere, das sei das Geld, das aber kein »gedeihenvolles Band« zwischen den Menschen knüpfen könne, wie Wagner in einem seltsamen Echo auf Marx sagt: »Fremd und teilnahmslos steht der gebildete Jude inmitten einer Gesellschaft, die er nicht versteht, mit deren Neigungen und Bestrebungen er nicht sympathisiert, deren Geschichte und Entwicklung ihm gleichgültig geblieben sind.«

Der Antisemitismus als das »langlebigste Vorurteil der Geschichte«

Jeder legt antisemitische Klischees auf seine Art aus. Die Nationalsozialisten behaupteten, die Juden paktierten mit den Kommunisten, Linke sahen in ihnen die Verkörperung des ideal­typischen Kapitalisten; Rechte wie Linke identifizieren die Juden mehr oder weniger mit »Amerikanismus« und »Zionismus«. Der muslimische Antisemitismus ist nur eine der vielen Ausprägungen des Judenhasses, wenn auch, in Verbindung mit dem Dschihadismus, eine besonders gefährliche.

Der Antisemitismus sei das »langlebigste Vorurteil der Geschichte«, schreibt der Historiker Benz. Aber so richtig das auch ist, so sehr sich die anti­semitischen Klischees immer wieder gleichen: Wir müssen versuchen, die Antisemiten und ihre Projektionen immer wieder neu zu verstehen. Der Antisemitismus von Kollegah & Co. ist nicht der gleiche wie der Richard Wagners, und jener in der britischen Labour Party nicht der gleiche wie der von Karl Marx. Vielleicht kann man die Antisemiten nicht mit guten Gründen überzeugen, dass ihre Weltanschauung auf einem kolossalen Denkfehler gründet. Aber man kann ihnen womöglich zeigen, dass sie den Judenhass nicht brauchen, dass es bessere und humanere Wege gibt, sich in einer komplexen Welt zurechtzufinden. Antisemitismus bleibt zwar immer Antisemitismus, in welcher Gestalt er sich auch zeigt. Aber gerade wenn wir ihn verstehen wollen, dürfen wir nicht selbst in Klischees und falsche Projektionen verfallen.

Wer den Antisemitismus für eine irrationale Wahnvorstellung, für eine Art Krankheit hält, der verfällt gegenüber den Antisemiten letztlich in die gleiche Metaphorik wie die Antisemiten gegenüber den Juden. Nicht das Irrationale ist das Gefährliche am Antisemitismus. Das Gefährliche ist, dass jeder Judenhass sich am Ende eben nicht gegen ein Phantasma richtet, sondern gegen ganz reale Menschen.

Thomas Vašek, Maja Beckers
Illustration: Bryce Wyner

 


Dieser Text stammt aus unserer Ausgabe 6/2019

 

 

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