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Pro und Contra: Politische Karikaturen

Die »New York Times« veröffentlicht künftig keine politischen Karikaturen mehr. Was soll man davon halten? Brauchen wir sie zur Meinungsbildung?

 

pro

Zu jeder ordentlichen Zeitung eines freien, demokratischen Landes gehört eine Meinungsseite, zu jeder Meinungsseite die Kritik an den herrschenden Verhältnissen, Normen, Akteuren. In einem Umfeld, in dem es von allem zu viel zu geben scheint – zu viele Fakten, Meinungen, Bilder –, erhebt sich die Frage, welche Form von Kritik heutige Leser überhaupt noch zum Nachdenken bringen kann. Die draufhauerische? Als sich die »New York Times« entschied, künftig auf politische Karikaturen zu verzichten, votierte sie damit auch gegen kritische Ambivalenz. Denn keine Karikatur, sie mag noch so platte Stereotype befördern, »sagt«, was sie meint. Wie jedes Bild produziert sie unkontrollierbare rhetorische Effekte, die die mutmaßliche Intention ihres Schöpfers an Wirkkraft weit überragen.

Wo die Existenzberechtigung politischer Karikaturen in Zeitungen verneint wird, weil diese (auch) beleidigen, empören und kränken können, wird nicht nur die Notwendigkeit von Freiheit bestritten – mit all ihren Chancen und Gefahren. Dort wird auch so getan, als könnte man Menschen vor der Macht der Bilder beschützen. Aber diese Macht ist stärker denn je, und sie ist zutiefst paradox – eindeutig und uneindeutig zugleich. Bilder lassen die einen wütend werden, die anderen bringen sie zum Lachen, wieder andere machen sie ratlos.

Dieses »Problem« »löst« man nicht, indem man ein bestimmtes (wenn auch sehr spezielles, traditionsreiches) Bildgenre verbietet. Die Zeitungsmacher sollten das Verhältnis von Bild und Schrift eher grundsätzlich reflektieren. Und fragen: Was soll Kritik? Wozu brauchen wir Meinungsfreiheit – und in welcher Form? Es gibt heute (wieder) weltweit viele junge, originelle, bildgewaltige Karikaturisten und Cartoonisten. Redakteure sollten sie bei der Entscheidungsfindung unbedingt miteinbeziehen. [Rebekka Reinhard]

 

contra

Dass die »New York Times« ihre politischen Karikaturen abgeschafft hat, klingt nach einem harten Schritt, ist aber kein großer Verlust. Denn welchen Mehrwert hat eine solche Karikatur heute noch? Nehmen wir etwa eine der Zeichnungen, die in Deutschland einen für diese Debatte typischen Aufruhr ausgelöst hat. Sie ist in der »Süddeutschen Zeitung« erschienen und zeigt Mark Zuckerberg als Datenkrake, die auf einer Menge Computern gleichzeitig herumtippt. Sagt diese Zeichnung irgendetwas über die Gefahren von mangelndem Datenschutz bei Facebook, das wir nicht mit Worten ausdrücken könnten? Nein.
Was sie aber tut ist, sie zeigt Zuckerberg mit Hakennase und Schläfenlocken und verbreitet eindeutig antisemitische Klischees. Wieso sollte man ein Genre weiter publizieren, dessen Erkenntnisgewinn meist null ist, das in seinem Stilmittel der Vereinfachung aber immer wieder in sexistische oder rassistische Klischees abrutscht und in die langweiligsten Arten der Beleidigung?

Das Genre der politischen Karikatur stammt aus einer Zeit, in der es noch keine demokratisch gesicherte Meinungsfreiheit gab. Sie war das Mittel, nicht wörtlich Kritik an den Mächtigen zu üben. Heute darf man alles sagen – auch wenn Populisten immer wieder das Gegenteil behaupten – vor allem darf man bei uns Kritik an den Mächtigen äußern, und die politische Karikatur verliert dadurch ihre wichtigste Aufgabe.

In der freiheitlichen Demokratie hinkt sie einer verbalen Kritik sogar hinterher, weil sie keine Begründung für ihre Aussage liefert. Sie besteht ausschließlich aus einer zugespitzten Aussage. Und man kann nicht sagen, dass der Diskurs gerade daran krankt, dass es nicht genug zugespitzte Meinungen gibt, die sich nicht erklären.

Politische Karikaturen sind einfach veraltet. Ihr zweites Stilmittel neben der Vereinfachung, die Übertreibung, wirkt plump und unkreativ im Vergleich zu neueren Genres. Wer nach etwas Nichtverbalem oder Nicht-nur-Verbalem sucht, das dem Diskurs etwas hinzufügt, weil es eine komplizierte Sache auf einen Blick verständlich macht, weil es eine Einsicht provoziert, weil es witzig ist oder die Widersprüche der Verhältnisse aufzeigt, wird heute bei Memes eher fündig als bei politischen Karikaturen. [Maja Beckers]

 

Illustration: Gabriele Dünwald


Dieser Text stammt aus unserer aktuellen Ausgabe (6/2019)

 

 

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