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Hat die Regierung Macht? Sollte sie Macht haben?

Die Regierung besteht aus den Leuten, die regieren. Eine triviale Aussage? Wohl nicht, denn manche Leute sagen, dass es gerade nicht dieRegierung ist, die tatsächlich regiert, sondern ganz andere Leute, etwa einflussreiche Industrielle oder allgemein, das Kapital. In anderen Ländern, so sagt man, regiert in Wahrheit das Militär oder sogar eine fremde Macht – und die, die sich Regierung nennen, werden als Marionettenregierung bezeichnet.

Es ist also nicht das Gleiche, ob man „Regierung ist“ oder ob man tatsächlich regiert. Aber um sagen zu können, ob eine Regierung nun regiert oder nicht, muss man erst mal wissen, was es bedeutet, zu regieren.

Das Wort kommt übers Lateinische und Französische und Mittelhochdeutsche in unsere moderne Sprache und heißt von dorther etwa „richten“ oder „lenken“. Das muss mit der heutigen Bedeutung nicht unbedingt etwas zu tun haben, denn Bedeutungen ändern sich, aber das Nachdenken über die Herkunft eines Wortes gibt manchmal doch interessante Hinweise. Auch das entsprechende Wort im Englischen, „Government“ bedeutet etwas ganz ähnliches: das Wort kommt gemeinsam mit der Kybernetik aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie Steuerung.

Regieren heißt also, zu lenken, zu steuern und zu richten, also eine Kurs zu halten oder zu ändern. Auf dem Schiff regiert der Steuermann. Interessant ist, dass der Steuermann bekanntlich nicht das Ziel vorgibt, zu dem er das Gefährt lenkt, an dessen Steuer er steht, das tut der Kapitän. Der Steuermann ist nur dafür verantwortlich, den Kurs so zu wählen, dass das vorgegebene Ziel erreicht wird. Dafür reagiert er professionell auf die Gegebenheiten und Gefahren, die ihm auf dem Wege begegnen. Er entscheidet im Alltag über das, was getan werden muss, damit das Ziel erreicht wird.

Genau genommen haben wir auch in den modernen Staaten eine Trennung zwischen der Instanz, die die Ziele vorgibt, und denen, die regieren. Das ist auch in den entwickelten Monarchien der letzten Jahrhunderte der Fall, in denen der König zwar herrscht, das Regieren aber seinem Kanzler überlässt. Im demokratischen Prinzip der Gewaltenteilung ist die Trennung zwischen Macht und Regierung ebenfalls vorgesehen. Die Macht soll vom Volke ausgehen, sagen wir vielleicht besser, von den Bürgern. Diese wählen ein Parlament, dem sie die Macht übertragen. Das Parlament überträgt aber seinerseits nicht etwa der Regierung diese Macht. Durch die Mehrheit der Abgeordneten wird die Regierung eben nur beauftragt, zu regieren, also dahin zu steuern, wo die Bürger hin wollen.

Damit ergeben sich zwei Fragen:

Warum haben wir dann überhaupt eine Regierung aus Bundeskanzlerin und Ministern, die auf Zeit und als Vertreter ihrer Parteien gewählt werden? Man könnte sich doch vorstellen, dass das Parlament die wichtigsten Fragen entscheidet und die Ziele vorgibt, während das einfache Regieren direkt von großen Experten und hohen Beamten übernommen wird?

Die Antwort ist einfach: das politische System der parlamentarischen Demokratie ist eine kluge Konstruktion, die vor allem damit umgehen kann, dass die Menschen gern auch eigennützig sind, und dass sie vor allem die Neigung haben, sich selbst und ihre Fähigkeiten zu überschätzen, sowie die ihrer Mitmenschen zu unterschätzen. Beamte und Experten, die sich nicht immer wieder einer Neuwahl stellen müssen, an die Spitze des Staates zu stellen, würde dazu führen, dass sich eine Kaste von Bürokraten und Gesellschaftstechnikern etablieren würde, die das Staats-„Schiff“ letztlich so lenken, wie sie es für richtig halten. Sie würden dem Willen des Volkes, das doch – vermittelt durch das Parlament – die Macht haben soll, immer die „Sachzwänge“ der Umstände entgegensetzen. Das Ergebnis wäre eine Technokratie, in der das Parlament machtlos wäre.

Deshalb muss der Souverän fürs Regieren, also für das alltägliche Lenken und Steuern hin zum Ziel, das wiederum das Parlament ausdiskutiert und vorgibt, ein paar Leute aus den eigenen Reihen an die Spitze des Staates stellen: Die Minister und parlamentarischen Staatssekretäre, die zusammen die Regierung bilden, die spätestens durch die nächsten Wahlen dem Willen der Bürger unterworfen sind, und die im Namen des Parlaments, bei dem die Macht liegt, den Kampf mit den „Sachzwängen“ des Staatsapparats auszufechten haben.

Die andere Frage drängt sich nun natürlich auf: Warum haben wir in den modernen Demokratien, insbesondere in Deutschland, das Gefühl, dass nicht das Parlament, sondern die Regierung die Macht hat? In präsidial verfassten Demokratien könnten wir noch sagen: Gut, die Bürger haben ihren Präsidenten direkt gewählt und ihm damit auch unmittelbar die Macht verliehen, zu herrschen und zu regieren. Aber in Ländern wie der Bundesrepublik ist das anderes vorgesehen. Trotzdem sprechen wir bei der Kanzlerin von „der mächtigsten Frau des Landes“ und es wird sogar behauptet, sie sei eine der mächtigsten Personen der Welt.

Man könnte nun von einer Gefahr für die Demokratie sprechen und die Stärkung des Parlaments gegenüber der Regierung fordern. Man könnte etwa ganz konkret fordern, dass Parteivorsitzende nicht Regierungschefs, sondern vielleicht besser Fraktionschefs im Parlament oder Parlamentspräsidenten werden sollten. Man könnte fordern, dass Gesetzesinitiativen grundsätzlich aus dem Parlament und nicht aus der Regierung zu kommen hätten.

Man könnte auch darüber streiten, ob die Stärke der Regierung und der Kanzlerin gegenüber dem Parlament vielleicht nur ein Medien-Effekt oder gar eine mediale Verzerrung ist.

Aber man kann sich fragen, warum es zu einer solchen Stärke der Regierung gegenüber dem Parlament überhaupt kommen kann, und warum sie offenbar sehr stabil und ohne große Klagen funktioniert.

Zweierlei könnte dafür wichtig sein:

Einerseits scheint es ein gewisses Bedürfnis zu geben, die Macht am Ende doch, und auch in der Demokratie, bei einer Person oder einigen wenigen Menschen konzentriert zu sehen. Nicht ein streitendes, debattierendes Parlament, in dem die unterschiedlichen Interessen der Bürger offen sichtbar sind und ausgefochten werden, ist das Idealbild der Politik, sondern eine kluge Herrscherin, die man kritisieren und am Ende bei Bedarf sogar wieder loswerden kann, der mal die Verantwortung persönlich übertragen (oder zuschieben) kann um sie dann bei der Ausübung tatsächlicher macht kritisch beobachten zu können.

Andererseits setzt die methodische Unterscheidung des Machthabers vom (nur) Regierenden voraus, dass der Machthaber dem Regierenden wirklich Ziele vorgibt und vorgeben kann, die dieser ansteuern und erreichen soll. Vielleicht leben wir aber in einer im Grunde ziellosen Welt. Selbst die Ziele, die wir uns in großen Worten geben, sind nicht mehr als technische Messgrößen, die nur dazu da sind, den Status Quo einigermaßen zu bewahren – man denke nur an das Ziel, den Anstieg der globalen Mitteltemperatur auf zwei Grad zu begrenzen.

Ziele, die sagen, dass unsere Gesellschaft hier oder dort hin will, visionäre leuchtende Zukunftsbilder von einer anderen Gesellschaft, haben wir nicht, und können wir als demokratische Gesellschaft vielleicht auch nicht haben (wer jetzt an Armutsbekämpfung, Umweltschutz und Alphabetisierung denkt, sollte sich fragen, ob nicht auch dahinter letztlich der Wunsch nach Erhalt des Status Quo steckt). Vielleicht ist es auch ganz gut so, denn Gesellschaften, die zu hehren Zielen aufgebrochen sind, sind bisher immer im Totalitarismus, in der Diktatur geendet. Vielleicht ist es auch eine Option, sich eine Gesellschaft zu wünschen, die gar keine Macht braucht, auch keine demokratisch organisierte Bürgermacht, sondern nur eine Regierung, die man regelmäßig neu wählen kann. Und die tatsächlich regiert, die das regieren weder dem Staat, noch den globalen Wirtschaftsnetzen überlässt.

Jörg Friedrich lebt in Münster und ist Philosoph und IT-Unternehmer. Er schreibt und spricht vor allem über technik-und wissenschaftsphilosophische Themen und Fragen der praktischen Philosophie (Ethik, politische Philosophie, philosophische Ästhetik). In seiner monatlichen Kolumne »Reflexe« reflektiert er über einen aktuellen philosophischen Ansatz und lädt zum kritischen Weiterdenken ein.

21 Kommentare

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  2. Lutz Rücker sagt

    „Vielleicht ist es auch eine Option, sich eine Gesellschaft zu wünschen, die gar keine Macht braucht, auch keine demokratisch organisierte Bürgermacht, sondern nur eine Regierung, die man regelmäßig neu wählen kann. Und die tatsächlich regiert, die das regieren weder dem Staat, noch den globalen Wirtschaftsnetzen überlässt.“
    Warum vielleicht?
    Selbstverständlich ist eine Gesellschaft zu errichten, in der Gerechtigkeit, Gleichheit und Wohlstand für alle Bürger oberstes Ziel und Handlung sind. Die Macht übt ein RAT DER WEISEN aus und regiert für die Interessen der Mehrheit und das Gemeinwohl.
    Dieser Rat muss völlig transparent und öffentlich seine Beratungen und Entschlüsse fassen und dem Volk zur Abstimmung vorlegen.
    Ein Verfassungsgericht prüft die Verfassungsmäßigkeit der Gesetze und Regelungen. Staatsangestellte setzen die Beschlüsse bis in die Gemeinden um.
    Es braucht keine Parteien und Politiker als Marionetten und Lobbyisten der heute Herrschenden. Diese falschen, egoistischen Eliten gilt es aus den Machtpositionen zu verdrängen.
    Bisher haben nur die falschen Leute regiert.
    Der produzierte Überschuss hat dem Gemeinwohl zu dienen.
    Die Aufklärung bedarf einer Renaissance.
    Die Idee des Humanismus muss die Macht erobern und eine Welt frei von Ausbeutung errichten.
    Humanisten aller Länder vereinigt euch!

    • Selbst in Ihren sehr abstrakten Leitzielen sind schon Zielstellungen enthalten, die nicht alle Menschen teilen müssen. Sie fordern z.B. „Wohlstand für alle Bürger“ als oberstes Ziel. „Nachhaltiger Schutz der Natur“ kommt bei Ihnen hingegen nicht vor – vielleicht haben Sie es auf die Schnelle nur vergessen. Das ist auch kein Vorwurf, es könnte aber sein, dass die Maximierung des Wohlstands und der nachhaltige Schutz der Natur nicht gleichzeitig zu haben sind. Und es kann sein, dass die einen den „Wohlstand für alle“ höher bewerten, die anderen aber den „Schutz der Umwelt“ – und dann braucht man einen demokratisch legitimierten Macht-Prozess, der die Ziele der Gesellschaft priorisiert und für das Verwaltungshandeln die Richtung vorgibt. Das können Sie keinem „Rat der Weisen“ überlassen.

      • Lutz Rücker sagt

        Ein RAT DER WEISEN kümmert sich natürlich auch um den Schutz der Natur. Er setzt die Nachhaltigkeit in allen Bereichen durch und ist nicht dem Wachstumsdogma verfallen. Stetiges Wachstum brauchen doch nur Egoisten um sich selbst zu verwirklichen.
        Eben weil die klügsten Köpfe eines Volkes durch den Rat regieren, handeln sie weitsichtig und auf das Gemeinwohl bedacht.
        Welche Macht kann dies leisten? Doch nur Humanismus und Weisheit.
        Sie priorisieren die gesellschaftliche Entwicklung. Natürlich kann dem nur ein aufgeklärtes Volk die Legitimation geben.
        Es bedarf einer Evolution in den Köpfen. Eine Entwicklung vom ICH zum WIR. Dies erreicht man durch humanistische Bildung und Erziehung und durch die Überwindung von Ausbeutungssystemen.
        Und dazu braucht es keiner Vision. Die Charta der Menschenrechte könnte schon heute die Basis sein. Es muss eben nach ihr gehandelt werden. Es gilt den falschen Eliten die Macht zu entreißen, das Gemeineigentum einzuführen und eine Epoche der Menschlichkeit zu beginnen. Dann herrscht Frieden unter den Menschen und man lebt im Einklang mit der Natur.

        • Ihr Vorschlag klingt gut, aber er wirft in der Praxis eine Reihe von Fragen auf. Ich möchte ein Beispiel nennen und bitte Sie, mir zu sagen, wie das Problem in der Welt, wie Sie sie wünschen, gelöst werden würde.

          Nehmen wir an, der Rat der Weisen kommt zu der Einsicht, dass für eine ausreichende Stromversorgung aus nachhaltiger Stromproduktion eine Stromleitung quer durchs Land gelegt werden muss, die aber Äcker, Straßen und Landschaft unterwegs zerstört, sodass die Menschen, die da wohnen, diese Trasse ablehnen. Wie sollte das Problem gelöst werden?

  3. Lutz Rücker sagt

    Demokratisch. Der Beschluss der Mehrheit entscheidet. Logik und Vernunft und mögliche Kompromisse bilden die Grundlage der Entscheidung. Die Vorteile für die Allgemeinheit stehen über Eigeninteressen einzelner Gruppen und Personen. Betroffene sind zu entschädigen.
    Sie als Philosoph, Freund der Weisheit, sind anderer Meinung?

    Im Übrigen würde ein RAT DER WEISEN und Staatsangestellte zu einer immensen Kosteneinsparung führen. Die jetzige Kleinstaaterei ist viel zu teuer. Die Landesparlamente sind doch nur Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für Parteimitglieder.

    • Sie schreiben „Der Beschluss der Mehrheit entscheidet“. Die Mehrheit wovon? Die Mehrheit der Bürger, die von der Stromtrasse betroffen sind? Oder die Mehrheit aller Bürger auf der Welt, egal, ob sie überhaupt ein Interesse am Bau dieser Trasse haben?
      Aber Sie hatten ja oben geschrieben, dass der Rat entscheidet, dass der seine Entschlüsse aber dem Volk zur Abstimmung vorlegt. Wie kommt denn der Rat zu seiner Kompetenz? Wer sagt ihm, ob die Lebensqualität der Betroffenen oder die Versorgungswünsche der Stromverbraucher wichtiger sind? Und welches Volk entscheidet dann über die Entscheidung des Rates der Weisen? Und was, wenn der Rat immer wieder Entscheidungen hervorbringt, die zwar Weise sind, die vom Volk aber abgelehnt werden?

  4. Lutz Rücker sagt

    „Ich bin überzeugt, um diesen schweren Mißständen abzuhelfen, gibt es nur ein Mittel, nämlich die Errichtung einer sozialistischen Wirtschaft mit einem Erziehungssystem, das auf soziale Ziele abgestellt ist. In einer solchen Wirtschaft gehören dann die Produktionsmittel der Gemeinschaft, die sie nach einem bestimmten Plan benutzt. Man würde in einer solchen Planwirtschaft die Produktion den Bedürfnissen der Gemeinschaft anpassen, die zu leistende Arbeit unter die Arbeitsfähigen verteilen und jedem, Mann, Frau und Kind, den Lebensunterhalt garantieren. In der Erziehung würde man dafür sorgen, in jedem einzelnen neben seinen Gaben auch das Verantwortungsgefühl gegenüber seinen Mitmenschen zu pflegen und nicht wie in unserer heutigen Gesellschaft Macht und Erfolg zu verherrlichen.“
    – Albert Einstein –

    • Albert Einstein war ein bedeutender Physiker. Er hat sich selbst in Fragen der theoretischen Physik aber doch auch sehr geirrt („Der Alte würfelt nicht“). Warum sollten wir auf ihn hören, wenn es um soziale Fragen geht?

      Ich bin übrigens in einem Land aufgewachsen, dass so ungefähr den Vorstellungen verpflichtet war, die Sie da beschreiben. Ich hatte am Ende nicht den Eindruck, dass Einstein Recht haben könnte. Falls Sie jetzt einwenden wollen, dass das ja kein richtiger Sozialismus war, sondern eine Diktatur, dann würde mich interessieren, wie Sie sicherstellen wollen, dass Ihr Rat der Weisen nicht zur Diktatur wird.

  5. Lutz Rücker sagt

    „Die wirtschaftliche Anarchie der kapitalistischen Wirtschaft von heute ist meiner Meinung nach die wahre Quelle der sozialen Mißstände.“
    – Albert Einstein –

    „Wo es noch Privatbesitz gibt, wo alle Menschen alle Werte am Maßstab des Geldes messen, da wird es kaum jemals möglich sein, eine gerechte und glückliche Politik zu treiben.“
    – Thomas Morus –

    „Das der menschlichen Natur entsprechende Recht ist eine Vereinbarung über das Mittel, mit dem verhindert wird, dass sich Menschen gegenseitig schädigen oder schädigen lassen.“
    – Epikur –

  6. Lutz Rücker sagt

    Zweifeln Sie wirklich Einsteins Genie an? Er hat als großer Denker wie viele andere die soziale Lage erkannt.
    Wie oft haben Sie sich schon geirrt? Haben Sie schon große Dinge bedacht? Wie sieht denn Ihr Modell eines gerechten Staates/Welt aus?

    Durch die Notwendigkeit von Volksentscheiden bei der Gesetzgebung sowie richtungsweisenden Entscheidungen und durch das Kontrollorgan des Verfassungsgerichtes kann es keine Diktatur geben. Die Polizei und die Armee sind der Verfassung verpflichtet und nicht der Regierung.

    In diesem Land bin ich auch groß geworden. Und es haben die falschen „Eliten“ regiert. Was kann man von einem Dachdecker aus dem Saarland erwarten. Die Diktatur ist immer falsch. Auch die der Arbeiterklasse. Nicht nur darin irrte Lenin. Die Demokratie der „Alten Griechen“ erachte ich für besser. Der bürgerliche Parlamentarismus ist auch nur Diktatur des Kapital, aufgehübscht als soziale Marktwirtschaft.
    Als Unternehmer denken Sie da eher anders, weil Ihr eigenes Wohl Priorität hat.
    In Einem ist Marx nicht zu widerlegen. Der Nichtbesitzende muss im kapitalistischen System seine Arbeitskraft verkaufen um zu leben.

  7. Lutz Rücker sagt

    Natürlich die Mehrheit der Bürger eines Staates. Ich sagte schon, dass der Vorteil der Allgemeinheit vor Einzelinteressen steht.

    Wenn das Volk Vorschläge des Rates nicht legitimiert, werden sie nicht ausgeführt. Aber stellt sich überhaupt eine solche Frage?
    Wird ein RAT DER WEISEN Beschlüsse gegen das Gemeinwohl fassen?
    Er ist laut Verfassung dazu verpflichtet für das Wohl der Bürger zu entscheiden. Seine Kompetenz speißt sich aus wissenschaftlichen Erkenntnissen und humanistischen Werten, Moral und Ethik.

    • Jörg Friedrich sagt

      Es gibt ja keinen Grund, anzunehmen, dass die Mehrheit im Sinne des Gemeinwohls entscheidet. Die Mehrheit besteht ja immer aus Einzelnen, und die haben zunächst mal ihr eigenes kurzfristiges Wohl im Sinn. Sie können von keinem Menschen verlangen, dass er bei jeder Entscheidung an die ganze Menschheit denkt und an alle Generationen, die noch kommen. Das würde die Fähigkeiten jedes Menschen übersteigen. Wir alle können nur unsere eigene nähere Umwelt und Umgebung beurteilen. Und die Mehrheit, die sich daraus bildet, hat dann eben auch das Wohl der Einzelnen im Sinn, die eben die Mehrheit bilden.

      Ich sehe darin einen ganz großen Vorteil der parlamentarischen Demokratie: gerade deshalb, weil jeder von uns nicht in der Lage ist, über „den eigenen Tellerrand“ zu schauen, beauftragen wir Leute damit, unsere Interessen in einem Ausgleich verschiedener Ziele, Wünsche und Vorstellungen zu vertreten. Und wir schauen uns in regelmäßigen Abständen an, ob sie das halbwegs hinbekommen haben, wenn ja, lassen wir sie weitermachen, wenn nein, wählen wir andere.

      Soviel zu der Frage nach meinem Modell.

  8. Lutz Rücker sagt

    Na endlich nehmen Sie Stellung und suchen nicht nach Szenarien.
    Ich dachte mir schon dass Sie ein Anhänger der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen sind.

    • Es geht doch meiner Meinung nach nicht darum, herauszufinden, wovon ich ein Anhänger bin, es geht doch eher darum, dass Sie einen Vorschlag gemacht haben und ich mit Ihnen gemeinsam diesen Vorschlag prüfen wollte.

  9. Lutz Rücker sagt

    Ich denke schon dass es um das ICH geht. Welche Überzeugungen man hat und welche Entwicklung man befördert. Sie haben hauptsächlich die Spreu im Weizen gesucht.
    Seit Sokrates geht es darum das Dasein gerechter zu gestalten.
    Die Suche nach der Wahrheit und dem Guten.

    „Gerechtigkeit herrscht, wenn es in einem Volk
    weder übermäßig Reiche noch übermäßig Arme
    gibt.“
    – Thales von Milet –

    „Die Gerechtigkeit ist nichts anderes als die Nächstenliebe des Weisen.“
    – Gottfried Wilhelm Leibnitz –

    „Je korrupter der Staat, desto mehr Gesetze braucht er.“
    – Publius Cornelius Tacitus –

    Ich für mich habe entschieden Humanist zu sein. Die Werte der Aufklärung hoch zu halten damit sie gesellschaftliche Priorität werden. Dazu braucht es neue Ideen und Gedanken für einen Systemwechsel.
    Kein Mensch der Steinzeit hätte jemals daran gedacht zum Mond zu fliegen. Die Menschheit hat es erreicht.
    Heute denken zu wenige dass ein wahrhaft gerechtes Gesellschaftssystem auf dem Gemeineigentum basiert und wo Überschüsse dem Gemeinwohl dienen müssen.
    Es wird sich zeigen wieviel Zeit seit der Entstehung des Privateigentums noch vergehen muss, damit Frieden, Gerechtigkeit und Wohlstand herrschen.

    • Was ich nicht verstehe: Sie sprechen immer vom Gemeinwohl. Aber mir ist noch völlig unklar, was das sein soll. Und wer bestimmt, was das ist: Man kann da natürlich immer mit „Frieden, Gerechtigkeit und Wohlstand“ antworten, aber das ist doch auch sehr abstrakt. Ist es gerecht, wenn es dem, der – sagen wir mal – nicht so viel zum „Gemeinwohl“ beitragen kann oder will, genauso gut geht, wie dem, der sehr viel dazu beiträgt? Oder noch anders: Wenn einer mit körperlicher Kraft Straßen bauen kann, ein zweiter mit Intelligenz Straßen planen kann, der dritte aber nur Gedichte schreiben kann, tragen die dann alle gleichermaßen zum gemeinwohl bei? Wenn einer im Norden wohnt, wo es nur Landwirtschaft gibt, und einer im Süden, wo die Industrie ist, muss dann der aus dem Norden in den Süden ziehen, weil er in der Landwirtschaft nicht mehr zum Gemeinwohl beitragen kann? Wie wird sowas denn entschieden?

      Ist es nicht vielmehr so, dass es zu den Menschenrechten gehört, dass jeder selbst versuchen kann, auf seine Weise glücklich zu werden? Widerspricht das nicht der Idee vom Gemeinwohl?

  10. Lutz Rücker sagt

    Unter Gemeinwohl verstehe ich die möglichst gleich gute Lebensqualität der Bürger eines Staates. Jeder Einzelne soll am gesellschaftlichen Leben teilhaben können unabhängig von seiner Leistungsfähigkeit.
    Da Menschen verschieden sind und Leistungsunterschiede bestehen, braucht es ein solidarisches Miteinander. Das erwirtschaftete Sozialprodukt muss so verteilt werden, dass es keine Armut gibt und Menschen unwürdig leben müssen. Ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre eine gute Basis dafür.
    Im heutigen System bereichern sich wenige zu Ungunsten vieler auf Grund ihrer ökonomischen und politischen Macht. Dies kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein und widerspricht den Menschenrechten.

    Ein Gemeinschaftsdenken schränkt die persönliche Freiheit ein.
    Hätten die Urmenschen nicht altruistisch gelebt, gäbe es uns heute nicht. Ohne die Kraft der Gemeinschaft wären wir ausgestorben.
    Erst das Aneignen des Überschusses von Einzelnen hat die Menschen entzweit und in arm und reich unterteilt.
    Glücklich zu leben darf nicht auf Kosten anderer geschehen.
    Ist nicht die Idee der Nächstenliebe eine gute Basis für ein Miteinander?

    • Finden Sie, dass es uns an Nächstenliebe mangelt? Dem nächsten, der in meiner unmittelbaren Umgebung lebt, zu helfen und dafür auch selbst auf Bequemlichkeiten zu verzichten, das machen doch die meisten, ob arm oder reich.

      Was Sie meiner Meinung nach für Ihr Gemeinwohl-Konzept brauchen, ist Liebe zum Fernsten, zu dem, dem Sie niemals begegnen, von dessen Wünschen und Vorstellungen vom Guten Leben Sie nichts wissen. Das sollte mein Beispiel mit der Stromversorgung deutlich machen. Wir sind heute von so vielen Menschen abhängig, die uns fern sind, und die vielleicht ganz andere Vorstellungen vom Wohlstand und von Lebensqualität haben als wir (und mit „wir meine ich jetzt mich und meine nächsten).

      Ich weiß nicht, ob die Urmenschen altruistisch waren, aber wenn, dann waren sie es vermutlich nur der eigenen Familie, der Horde oder dem Stamm gegenüber, nicht den Menschen anderer Stämme. Der „Altruismus“ den eigenen Leuten gegenüber erweist sich ja oft in der Bereitschaft, sich im Kampf gegen Feinde zu opfern.

      Der Vorteil unserer modernen Gesellschaft besteht doch gerade darin, dass wir nicht mehr „gemeinnützig“ oder „altruistisch“ gegenüber allen Menschen sein müssen, weil wir Verträge gefunden haben, die uns dazu bringen, unseren Eigennutz und unser je eigenes Glücksstreben auch im Interesse der fernen unbekannten einzusetzen.

  11. Lutz Rücker sagt

    Ja, Empathie für die Fernsten ist erstrebenswert. Dann würden in der Welt nicht mehr so viele Kinder verhungern oder in Elend leben.

    Der Vorteil Ihres Denkens befördert nur den Egoismus. Eigennutz und Glücksstreben im Interesse von fernen Unbekannten einzusetzen, ist sowas von realitätsfern und unsinnig. In welcher Welt leben Sie?
    Der reiche Westen beutet nach wie vor auf Grund seiner ökonomischen Macht die armen Länder aus und unterdrückt sie.
    Wie ist denn z.B. das britische Empire so groß und reich geworden? Doch wohl anfänglich durch Sklavenhandel und Ausbeutung der Kolonien. Dieser Reichtum ist bis heute Ursache der Vorherrschaft des Westens. Es gibt ja wohl zwei Seiten einer Medaille. Wo es Reichtum gibt, existiert woanders Armut. Das ist ein ganz einfaches Prinzip von Ursache und Wirkung.

    Ich befürworte Gemeinnutz und Altruismus.
    Halten Sie die Fahne der individuellen Freiheit als höchstes Gut nur weiter hoch und frönen Sie dem Egoismus.

    Ich erachte den Diskurs damit für beendet.

  12. Hallo, was ist denn hier los?! Da wird ein Unterfangen gestartet, was man einen „freien Diskurs“ nennen könnte und Sokrates gilt als Innovator. Und dann beendet Herr Rücker – fast eingeschnappt- den Diskurs, weil Jörg Friedrich ihm auf dem Weg des Altruismus nicht folgt und „egoistisch“ bleiben möchte. So einfach holterdiepolter geht es nicht. Als ob es keinen Satz der Identität gäbe und Max Stirner ein Astrologe sei. Wo herrscht den noch Identität als Stirner? Wer wagt es denn seine Sache auf sich zu stellen? Das Christentum hat laut Nietzsche uns alle zu willenlosen Sklaven gemacht und laut Stirner sind wir fremd bestimmt und füllen unser Leben mit dem differenten Subjekt fremden Inhalten (Humanismus, Religion, gesellschaftliche Konventionen), nur nicht mit unserem Selbst. Erst, wer sein Ich kennt, kann eine Ahnung von Altruismus als Wahrnehmung des Anderen entwickeln. Der Altruismus des Lutz Rücker scheint mir nicht klar. Eine altruistische Regierungsform kommt mir als Irrtum vor. Denn die Politik entkommt der Sorge um die Polis und nicht der Sorge um die Nachbarpolis. Eine Regierung hat insofern die Aufgabe sich um die Gemeinschaft zu kümmern, von der sie gewählt wurde. Wer da altruistisch regiert, verstößt gegen den Gemeinsinn seiner Wähler. Eine Mutter, die sich nicht um ihre eigenen Kinder kümmert sondern „altruistich“ um andere, um nicht als egoistisch zu gelten, irrt ganz offensichtlich. Es gibt Bereiche, wo ein Altruismus angebracht ist und wo er wiederum ganz fehl am Platz ist. Das hat mit lebensnotwendiger Selbsterhaltung zu tun, alles andere wäre wider die Natur.

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