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»Die Philosophie muss ihre Popularisierung reflektieren«

Peter Trawny lehrt an der Bergischen Universität in Wuppertal und ist Herausgeber der Heidegger-Gesamtausgabe. Er ist unter anderem Autor der Bücher »Technik.Kapital.Medium« sowie »Heidegger. Eine Einführung« und »Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung«. Er äußerte sich hier im Rahmen der Enthüllung der »Schwarzen Hefte« zu Heideggers nationalsozialistischem Gedankengut.

Heute nimmt er Stellung zur aktuellen Entwicklung der akademischen Philosophie und spricht die Warnung aus: Die Philosophie droht, sich selbst abzuschaffen, wenn sie immer mehr zum Massenphänomen wird. Von unserem Chefredakteur Thomas Vašek wird hier in Kürze eine Antwort erscheinen. 

Wer sich für Philosophie interessiert, findet seit einigen Jahren ein reiches Angebot von Zeitschriften, Büchern, TV- und Radio-Sendungen vor. Man kann die Behauptung wagen, dass es niemals zuvor soviel Philosophie in den Medien — inklusive natürlich der sozialen — gegeben hat. Das ist für eine Wissenschaft, die sich scheinbar allzu sehr im sogenannten Elfenbeinturm eingenistet hat, eine schöne Momentaufnahme. Endlich wird Philosophie populär. Das ist für sie ein tiefer historischer Einschnitt, ein großes Ereignis.

Offenbar gibt es so etwas wie ein philosophisches Bedürfnis der Menschen, sich mit den ersten und letzten Fragen des Lebens zu beschäftigen. Wer bin ich? Warum gibt es mich überhaupt? Warum der Tod? Was ist der Sinn des Ganzen? Gibt es Gott? All diese Fragen, die die Naturwissenschaft und auch die Religion nicht beantworten können — weil sie andere Fragen haben oder bestimmte Fragen ausschließen — können von Philosophinnen und Philosophen behandelt werden.

Herausgeber der Heidegger Gesamtausgabe Peter Trawny. Foto: Jens Grossmann

Peter Trawny. Foto: Jens Grossmann

Hinzu kommt, dass es inzwischen viele Philosophinnen und Philosophen gibt, die sich auf die Befriedigung des philosophischen Bedürfnisses der Menschen verstehen. Sie haben die Fähigkeit, klare Fragen zu stellen und diese auch klar zu beantworten. Das unterscheidet sie von den alten, klassischen Philosophen, die sich scheinbar vorgenommen haben, ganz und gar dunkel zu schreiben. Während diese ältesten Denker dem Ideal der Klarheit nicht genügen, haben die aktuellen Philosophinnen und Philosophen die lang vermisste Fähigkeit zur Verständlichkeit entwickelt. Keine Frage, dass diese Erscheinung zu begrüßen ist.

Was aber sind die Ursachen für diesen einzigartigen Erfolg? Die Philosophie muss ihre Popularisierung reflektieren, weil dieses Ereignis weitreichende Folgen für ihre Zukunft haben kann. Die Popularisierung der Philosophie ist vielleicht das Symptom einer Situation, die auf nichts anderes als auf die Selbstabschaffung der Philosophie hinauslaufen könnte. Eine Selbstkritik der Philosophie war niemals nötiger als in diesem Augenblick.

Geht es bei der Popularisierung von Philosophie noch um Philosophie?

Was, wenn das Bedürfnis nach Philosophie und die Fähigkeit ihrer Allgemeinverständlichkeit zu Faktoren eines Marktes gemacht werden, dessen erste Motivation keineswegs „philosophisch“ ist? Was, wenn das philosophische Bedürfnis unter ökonomischen Bedingungen zu einer im Grunde indifferenten Konsum-Haltung mutierte? In der Perspektive des Marktes ist gleichgültig, ob der Konsument sich mit Computer-Spielen oder Büchern beschäftigt. Und was, wenn die Fähigkeit zur Klarheit vor allem der erfolgreichen Verbreitung des Produkts dient? Mit anderen Worten: Geht es beim Ereignis der Popularisierung von Philosophie noch um Philosophie?

In den Jahrtausenden vor dem öffentlichen Erfolg gab es eine Voraussetzung der Philosophie, die inzwischen abgeschafft worden ist. Wenn Sokrates sich auf dem Athener Markt mit den schönen und reichen jungen Männern der Stadt zu seinen berühmten Gesprächen traf, dann hat er vor allem eines von ihnen gefordert: Zeit; keine Freizeit, sondern freie Zeit; Muße, zu bleiben und zu reden, solang man wollte; die Zeit also, Zeit zu haben. Nur die Müdigkeit konnte dieser Zeit Grenzen setzen.

Diese Zeit, Zeit zu haben, diese Voraussetzung des Denkens, hatte für Sokrates eine so große Bedeutung, dass er z.B. ökonomische Gesichtspunkte wie das Geldverdienen bewusst ausschloss. Wer arbeiten muss, hat keine Zeit. Aristoteles behauptete daher, dass die Zeit der Philosophie erst da beginnt, wo die Zeit der Arbeit aufhört. Die Sophisten dagegen, die Sokrates verachtete, nahmen Geld für ihr Philosophieren. Sie zogen durchs Land, um hier und dort zu lehren. Vermutlich hatten sie es nötig, diese ersten Arbeiter der Philosophie. Der Aristokrat Platon konnte da nur die Nase rümpfen.

Nun leben wir nicht mehr im antiken Griechenland, sondern im 21. Jahrhundert. Es erübrigt sich, die Unterschiede zwischen unserer dynamischen Zeit und der vor 25 Jahrhunderten aufzuzählen. Es geht lediglich um einen Unterschied: Ich behaupte, dass die antiken Bedingungen des Philosophierens mehr oder weniger bis ins 20. Jahrhundert hinein Bestand hatten. Sie erwiesen sich als so bedeutsam, dass niemand auf die Idee kam, sie anzutasten.

Aus der platonischen Akademie ging die Universität des Mittelalters hervor. Diese blieb in weiten Teilen ihrer institutionellen Organisation bis ins 18. Jahrhundert erhalten. In Deutschland modernisierte eine Universitätsreform am Beginn des 19. Jahrhunderts das gesamte Bildungswesen, die sogenannte „Humboldt-Universität“ entstand. Im 20. Jahrhundert wurde sie zur sogenannten „Ordinarien-Universität“ — ein Begriff, der pejorativ verwendet wurde. Überall und immer galt aber: das Forschen und Lehren fand nicht unter Markt-Bedingungen statt.[1] Man sorgte für die Unabhängigkeit der Professoren auf eine Weise, die die akademische Zeit im Großen und Ganzen von allen nicht wissenschaftsspezifischen Momenten freihielt.

Professorinnen und Professoren geraten in den Drittmittel-Beschaffungs-Sog.

Mit diesem großzügigen Zeit-Management konnten die Philosophen und später auch Philosophinnen ihre Gedanken in Muße entwickeln. Daraus entstanden die wichtigsten Texte der europäischen Philosophie-Geschichte: darunter Kants „Kritik der reinen Vernunft“, Hegels „Phänomenologie des Geistes“, Nietzsches „Also sprach Zarathustra“, Wittgensteins „Tractatus logico-philosophicus“, Heideggers „Sein und Zeit“ und Hannah Arendts „Vita activa“.

Die Produzenten der Philosophie heute leben unter anderen Bedingungen. Weder außerhalb noch innerhalb der Universität sind sie befreit von der Arbeit. Während die freien Philosophinnen und Philosophen einen Text nach dem anderen produzieren, geraten die Professorinnen und Professoren allzu oft in den Drittmittel- Beschaffungs-Sog. Der Universitäts-Beamte und noch mehr -Angestellte forscht nicht mehr, sondern er muss sich verstärkt um die ökonomischen Bedingungen der Forschung kümmern. Sie alle werden den allgemein herrschenden Voraussetzungen einer auf rasche Verwertung zielenden Ökonomie ausgesetzt. Der Impact auf die Philosophie lässt nicht auf sich warten. Er ist schon da.

Interessant ist ein oft zu beobachtendes Phänomen. Stellt eine Leserin oder ein Leser über einen philosophischen Text fest, dass sie oder er ihn nicht verstehen, wird das als Schwäche des Textes ausgelegt. Das ist typisch für einen Konsumenten, der auf das Recht des bezahlenden Kunden pocht. Für das investierte Geld kann er erwarten, dass das Steak nach seinen Angaben zubereitet wird. Man kann bezweifeln, dass das einer philosophischen Motivation entspricht. Wer sich ins philosophische Denken einüben will, muss zunächst schlechthin davon ausgehen, dass er wenig oder sogar nichts versteht. Und das ist nicht die Schuld der Texte. Philosophie muss verständlich sein, d.h. aber mitnichten, dass sie leicht zugänglich sein muss.

Die aktuelle Lage der Philosophie wird von ökonomischen Regeln organisiert, die dem philosophischen Denken schaden.

Die splendide Lage der Philosophie heute scheint in eine ziemlich schiefe umzuschlagen. Was, wenn durch die rasche Befriedigung des philosophischen Bedürfnisses sowie durch die Ökonomisierung der ehemals wirtschaftlichen Zwängen enthobenen Universität die Fähigkeit, in Ruhe schwierige Gedanken in schwierigen Texten zu studieren, verloren ginge? Wenn die eigentliche Meinung, philosophische Texte müssten für jedermann jederzeit zugänglich sein, sich total durchsetzte? Wenn Texte wie die „Kritik der reinen Vernunft“ nicht mehr geschrieben würden, weil es keine Leser mehr für sie gäbe? Wohlgemerkt: Philosophie ist für Alle da, doch sie hat ihre eigenen Voraussetzungen und Bedingungen, die für Alle gelten. Wer diese Voraussetzungen abschafft, schafft die Philosophie ab.

Die aktuelle Lage der Philosophie wird von ökonomischen Regeln organisiert, die dem philosophischen Denken auf Dauer schaden werden. In einer solchen Zeit wären die Millionäre und Milliardäre, Leute also, die über ihre Zeit frei verfügen, die eigentlichen Philosophen. Die Erfahrung zeigt, dass sie es nicht sind. Was bleibt also? Philosophinnen und Philosophen müssen mehr als je zuvor über eine alternative Institutions-Form für ihre Tätigkeit nachdenken. Dass es dafür eine ökonomische Basis geben muss, liegt auf der Hand. Diese Basis muss ihnen die Zeit geben, die das Philosophieren braucht. Erst eine wirklich freie Philosophie könnte z.B. dem politischen Verrat der Freiheit heute entgegenwirken. Wo ist also der Mäzen, der uns das erste freie Institut für Philosophie schenken wird?

[1] Vgl. Richard Münch: Akademischer Kapitalismus. Über die politische Ökonomie der Hochschulreform. Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main 2011. Schon auf der ersten Seite (9) spricht er vom „Wandel von Universitäten zu strategisch operierenden Unternehmen“ sowie von der „Ablösung der akademischen Qualitätssicherung durch manageriales Controlling.“

13 Kommentare

  1. Gernot sagt

    „Wenn Sokrates sich auf dem Athener Markt mit den schönen und reichen jungen Männern der Stadt zu seinen berühmten Gesprächen traf…“

    „Überall und immer galt aber: das Forschen und Lehren fand nicht unter Markt-Bedingungen statt.“

    Wenn man diese beiden Aussagen zusammendenkt, ergibt sich eine durchaus verwickeltere Lage: Sokrates, die Gründungsfigur europäischer Stadt-Philosophie als dezidierter Anti-Sophistik, trug sein Denken buchstäblich, ebenso wie die Sophisten und als deren verbessertes Konkurrenzprodukt, zu Markte: hinaus auf die Agora, die ein Marktplatz im engeren (ökonomischen), wie weiteren Sinne (dem zentralen, öffentlichen Sammelplatz zum Austausch von Klatsch und Trasch, sowie Angelegenheiten der verschiedensten Art: so eben auch des Gedankenkommerzes)war. Dies allerdings, um dort eine Ware feilzubieten, die, einerseits, den Geboten des Kommerzes gehorcht, sie, andererseits, aber auch sabotiert. Er eröffnet auf der Agora einen Nicht- oder Andersort, der den Handel mit Gütern überbietet, hin aufs Gut aller Güter (und das sie überhaupt ermöglichende): das Gute; die Ware aller Waren: das Wahre, das seitdem zur Währung geworden ist, in der gezahlt wird, Schulden beglichen und erstattet werden müssen. Seit dieser systematischen Inauguration (die in Wahrheit Vorsokratismus und ionische Naturphilosophien hinsichtlich ihres Faibles fürs Elementare nur fortschrieb) eines Denkens über die anökonomischen Möglichkeitsbedingungen alles Ökonomischen durch die trademark Sokrates (d.h.Platon) und seine unique selling points hat dieser Diskurs seinen atopischen Status nur wahren können, indem er sich, wiederum paradox, mitten unters Volk mischte (insofern er im Schwange befindliche Gedanken, Mythen und dergleichen aufgriff), um dort einen Ort des Abseits für sich zu mark(t)ieren. Die Schutz- und Trutz bietende Festung der alma mater (sofern sie schon mit platonischer Akademie und Lykeion ihren populär-elitären Anfang nahm)hat durch Institionalisierung und Organisationsförmigkeit (welche recht früh ja schon auch als deren Schwächung angesehen wurde) eine Unabhängigkeit geschaffen, die sich letztlich aber doch wieder nur der Duldung durch den Staat (und status quo) sicher wissen konnte, weil ihr von diesem, einigermaßen paternalistisch, ein Kredit eingeräumt wurde, der mit einem spekulativen Kalkül einherging: dass sich die gewährte Narrenfreihet der Universität (die übrigens wie Heidegger im „Satz vom Grund“ bemerkt, wo er Leibniz als Erfinder der Lebensversicherung erwähnt, auf ebendiesem Grundsatz gründet.) über kurz oder lang amortisieren würde.
    Dies nur um anzureißen, dass ein zu eng gefaßter Begriff des Marktes wie des Kapitalismus (von dem Horkheimer und Adorno wußten, dass er mindestens bei Odysseus anfängt.) leicht zur Verklärung der guten alten Zeiten mit ihren einhegenden Institutionen (zu denen ja auch der nun mehr und mehr in Auflösung befindliche souveräne Nationalstaat gehört) führt, denen ein raubtierhafter, dämonisierter Marktmechanismus abstrakt entgegengesetzt wird.

  2. Jörg Friedrich sagt

    Die Philosophie unterscheidet sich von den positiven Wissenschaften auf vielerlei Weise, und insbesondere dadurch, dass es für sie zwei grundverschiedene Arten der Popularisierung gibt. Wenn man philosophisch über Popularisierung der Philosophie reflektieren will, muss man zuerst diese beiden Formen unterscheiden. Denn nur die eine ist bedenklich, die andere ist sogar notwendig.
    Die eine Form ist tatsächlich dem ähnlich, was man auch sonst als populärwissenschaftlich bezeichnet. Da geben dann studierte, promovierte, am besten sogar als Professor anzuredende Experten Auskunft über das, was die interessierten Menschen eben so interessiert. Sie schreiben Bücher oder Zeitschriftenartikel, die schon im Titel oder im Untertitel ein „Wie“ oder ein „Warum“ zu stehen haben und vorgeben, diese Fragen auch beantworten zu können. Die Texte klingen irgendwie allgemeinverständlich und plausibel, die Schlussfolgerungen scheinen zwingend zu sein, und wo man ihnen aus der Logik des Textes heraus doch nicht folgen kann, hilft dem Leser die Autorität des ausgewiesenen und sympathischen Experten.
    Diese Texte sind, wenn man sie genau betrachtet, nur scheinbar allgemeinverständlich. Sie bestehen aus einfachen Sätzen, die man sich gut merken kann, sie verwenden schöne Metaphern und Beispiele, die einleuchten. Aber was hat man nach dem Lesen wirklich verstanden in dem Sinne, dass man sich darauf verstehen würde, das Argument des Textes selbst und in der eigenen Welt nachvollziehen zu können?
    Für solche Texte oder auch Vorträge und Interviews gibt es einen Markt, da gibt es eine Nachfrage und es gibt Autoren, die sich darauf verstehen, diesen Markt zu bedienen. Sie können sich sogar einreden, dass sie etwas Gutes tun, dass sie den Menschen irgendwie Orientierungswissen geben würden. Das ist natürlich fragwürdig, denn so viele Experten, so viele unterschiedliche Argumente, und da das Publikum gerade nicht in die Lage versetzt wird, sich selbst ein Urteil zu bilden, ist es am Ende orientierungsloser als zuvor. Zumindest aber kann sich der Philosoph, der auf diese Weise popularisieren kann, sagen, dass er sein Publikum gut unterhalten hat, und das ist ja vielleicht auch schon was wert.
    Die Zwillingsschwester dieses Betriebs der Produktion populärer philosophischer Literatur ist übrigens die akademisch betriebene Philosophie an den Universitäten. Hier gebärdet sich die Philosophie ganz als spezialisierte und sich selbst in Spezialgebiete ausdifferenzierende Fachwissenschaft in der es darum geht, zu kleinen Einzelfragen Paper zu produzieren und Leistungsnachweise zu erbringen. Die Fragen, die diese Paper beantworten, werden von anderen Papers als offene Fragen gestellt, werden in Forschungsprogrammen „aufgeworfen“ und in Drittmittelprojekten beantragt. Diese akademische Philosophie kann schon deshalb nicht populär sein, weil die Fragen, mit denen sie sich beschäftigt, in ihrer Spezialität dem Menschen außerhalb der Universitäten fremd sind. Man fragt sich natürlich, warum wir dennoch meinen, dass die Leute, die ihre Qualifikationen in diesem Betrieb erworben haben, am Ende die Experten sind, die uns mit dem Orientierungswissen für unseren schwierigen Alltag „versorgen“ könnten.
    Dieser Popularisierung steht eine andere Möglichkeit populärer Philosophie gegenüber, die die positiven Wissenschaften nicht kennen. Am Beginn der abendländischen Philosophie steht mit der Figur des Sokrates, die uns von Platon überliefert wurde, ein popularisierender Philosoph: Jemand, der die selbstverständlichen, aber doch schon unsicher oder fragwürdig erscheinenden Vor-Urteile der Menschen aufnimmt und sie systematisch und methodisch analysiert und befragt. Einer, der seinen Gesprächspartnern die problematischen Punkte ihres Weltbildes verdeutlicht. Der dadurch den sicher geglaubten Grund als Illusion aufzeigt und seine Gesprächspartner ein Stück weit auf einen etwas sichereren Grund begleitet – dessen Sicherheit allerdings zumeist nur darin besteht, dass man sich der Fallen und Untiefen bewusster geworden ist.
    Diese Form populärer Philosophie wäre heute genauso nötig wie zu Sokrates‘ Zeiten – sie ist allerdings heute fast genauso gefährlich. Zwar wird man heute nicht mehr zum Tode verurteilt, weil man die Selbstverständlichkeiten der geläufigen Weltbilder zu erschüttern wagt – aber man macht sich damit kaum Freunde, zumal man mit dieser Methode kaum einmal Partei ergreifen kann in den Auseinandersetzungen der Gegenwart. Selbsttäuschung und dürftige Vorurteile gibt es ja auf allen Seiten, und die subversive Unterwanderung der klaren Weltsicht ist bei fast niemandem beliebt. Vielleicht hat diese Weise, öffentlich zu philosophieren nach Sokrates‘ bösem Ende auch kaum mehr mutige Vertreter gefunden.

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  4. Christoph Straßburg sagt

    Es ist VIEL einfacher als das! Die Babyboomer Generation ist kommt jetzt ins Rentenalter oder ist es bereits. Da hat man also eine große Masse an Menschen, die in dem Abschnitt ihres Lebens sind, in dem sie Zeit haben, Geld haben und sich auf Grund der Tatsache, dass mehr Tage hinter ihnen als vor ihnen liegen, die Frage stellen: „Was soll das nun alles?“ – Ich finde das ist die pragmatischste Antwort und genau deswegen werden wir aus der neuen Popularität der Philosophie auch keine politischen Veränderungen erwarten können, dass sind nicht die Fragen, die von dieser Generation (mehr) gestellt werden.

      • Christoph Straßburg sagt

        Ja, da habe ich mich etwas verrechnet aber mein Argument sollte dennoch hinhauen. Mit Anfang-Mitte 50 fangen doch viele Menschen an mal übers Leben und dessen Sinn nachzudenken und dadurch entsteht halt bei einer genügend großen Gruppe ein Markt.

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  7. Dass eine Popularisierung zu einer Abschaffung der Philosophie führen kann, ist äußerst unwahrscheinlich. Die Frage selber hätte ein grob vereinfachendes Niveau. Bereits sprachlich kann es zu Problemen kommen: Würde man unter ‘Popularisierung’ eine vereinfachte Erläuterung fassen, könnte diese einem philosophisch angemessenen Text nichts anhaben. Vereinfachungen sind auf ein weiteres Publikum ausgerichtet, außerhalb von Fachkreisen. Und ob Vereinfachungen noch fachlich relevant sein könnten, wäre im Detail zu klären. Aber es könnte ein unangemessenes Bild in der Öffentlichkeit darüber entstehen, was Philosophie als zeitgenössische Betätigung ausmacht. Über Popularisierungen zu reflektieren, hätte sich konkret zur Aufgabe zu machen, vereinfachende Texte zu untersuchen. Allgemein ließe sich kaum etwas sagen.

    Über die Gefahr einer Abschaffung der Philosophie wäre hingegen in völlig anderen Kontexten zu diskutieren, z.B. in Kontexten über Universitäten als Konzerne und über akademische Tendenzen.

    • DPZ sagt

      „Dass eine Popularisierung zu einer Abschaffung der Philosophie führen kann, ist äußerst unwahrscheinlich.“ – Warum?

      „Würde man unter ‘Popularisierung’ eine vereinfachte Erläuterung fassen, könnte diese einem philosophisch angemessenen Text nichts anhaben“ – Wenn aber ‚Popularisierung‘ in diesem Sinne als die hauptsächliche oder sogar einzige Weise von Rezeption philosophischer Texte ausmacht, dann gibt es bald keine dem Text angemessene Lektüre mehr, nur noch Vereinfachungen. Da Philosophie zumeist komplexe Argumentationen verfolgt, führt Vereinfachung sehr oft zu Verfälschungen.

      „ob Vereinfachungen noch fachlich relevant sein könnten, wäre im Detail zu klären“ – In fachlichen Kreisen gelten die allermeisten Vereinfachungen als Verfälschungen. Sie werden fortlaufend im Detail geklärt – und entsprechend kritisiert. Und nun?

      „es könnte ein unangemessenes Bild in der Öffentlichkeit darüber entstehen, was Philosophie als zeitgenössische Betätigung ausmacht“ – Was wäre denn ein angemessenes Bild? Und warum?

      „Über Popularisierungen zu reflektieren, hätte sich konkret zur Aufgabe zu machen, vereinfachende Texte zu untersuchen.“ – Ist Ihnen meine Kolumne aufgefallen…? Die macht genau das.

      „Über die Gefahr einer Abschaffung der Philosophie wäre hingegen in völlig anderen Kontexten zu diskutieren…“ – Warum? Und: Sofern Trawny präzise die Ökonomisierung auch der akademischen Welt anspricht (Stichwort: Drittmittel) – inwiefern hat er das, was Sie als Kontext einfordern, nicht thematisiert?

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