HOHE LUFT
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„Moralische Schuld ist in Heideggers Philosophie nicht möglich.“

Peter Trawny lehrt an der Bergischen Universität in Wuppertal und ist Herausgeber der „Schwarzen Hefte“ im Rahmen der Heidegger Gesamtausgabe und Autor des Buches „Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung“, dessen dritte Auflage soeben erschienen ist. Im Interview mit HOHE LUFT spricht er über Heideggers Auffassung des Holocausts als „Selbsvernichtung“ des Judentums, die Abwesenheit jeglichen Schuldbewusstseins und darüber, welche Fehler bei der bisherigen Heidegger-Rezeption zukünftig unbedingt vermieden werden müssen.

Hohe Luft: Herr Trawny, welche neuen Erkenntnisse ergeben sich aus dem nächsten Band der „Schwarzen Hefte“, der in wenigen Wochen veröffentlicht wird?

Peter Trawny: Die Tendenz in den vorherigen Bänden hat sich bestätigt. Zumindest im ersten Band der Anmerkungen gibt es Äußerungen, die ich als antisemitisch bezeichnen würde. Das setzt sich auch in die Zeit fort, die den Übergang von den 30er und 40er Jahren bis zur Nachkriegsperiode einschlägt. Es zeigt sich eben, dass Heidegger eine Position hält, die ihn als loyalen Zeitgenossen mit den Nationalsozialisten ausweist, obwohl er inhaltlich stark Distanz genommen hat. Nach 1945 zeigt er sich als jemand, der verkraften muss, dass sein Projekt, die Deutschen mit dem „anderen Anfang“ der Geschichte zu beauftragen, gescheitert ist. Er spricht über den Untergang der Deutschen, wobei er der Ansicht ist, dass dieser Untergang von den Deutschen selbst bewerkstelligt wird, weil sie sich eben in kultureller Hinsicht gegen die Allliierten nicht behaupten wollen, sondern sich ihnen unterworfen haben. Heidegger nennt das «Verrat am Denken». Als Zeichen sieht er, dass man ihn aus der Universität hinausgeworfen hat. Nach dem Krieg spricht er zwar nicht mehr vom Weltjudentum. Aber man denkt doch, dass er an dieser Feindfigur festhält. Und diese Feindfigur hat gesiegt – die Feindfigur der Mächte des Universalismus, zu denen für ihn vor allem das Judentum gehört. Er redet zwar über Gaskammern und Konzentrationslager und einer gewissen Schuld. Aber diese Äußerungen sind sehr verfahren und problematisch in ihrer Argumentationsstruktur. Wenn man wohlwollend ist, dann sieht man, dass er damit nicht fertig wird. Er gesteht eine Schuld ein, aber versieht dieses Eingeständnis gewissermaßen immer mit einem »Aber». Und was dann aus dem «Aber» kommt, das ist „krude“, um ein Wort von Paul Celan aus seinem Gedicht „Todtnauberg“ zu zitieren. Er kommt damit nicht klar. Er sagt, es gibt diese Schuld, aber es wäre eine noch viel größere Schuld gewesen, wenn „wir“ dieses deutsche Projekt nicht versucht hätten. Und es gibt eine eigentlich noch größere Schuld der Allliierten, weil sie sich an der Vernichtung der Deutschen schuldig gemacht haben. Schließlich wird er nicht fertig mit dem auch kulturellen Bruch. Jetzt hat die universale »Machenschaft«, das »Gestell«, die Technik gesiegt. Mit den Narrativen und Mythen ist es endgültig aus. Und nun muss er sich neue Strategien ausdenken, wie er damit philosophisch umgehen soll. Ihm war klar, dass er mit den alten Denkfiguren, dass er mit diesem Narrativ von den Griechen und den Deutschen nicht mehr fortfahren konnte. Deshalb ist dieser Band auch der m.E. interessanteste von den bisher veröffentlichten »Schwarzen Heften«. Man sieht ihn da an dieser Bruchstelle, wie er versucht, sich neu zu orientieren, auf welche neuen Denkfiguren er kommt….

Hohe Luft: Nun ist eine Passage aus den „Schwarzen Heften“ aufgetaucht, in der er von der »Selbstvernichtung« des Judentums spricht. Was bedeutet das?

Trawny: Man kann einen einfachen Syllogismus vorschlagen. Das »Weltjudentum« ist für ihn der Hauptagent der Technik, das ist die Prämisse. Er sagt ja, alle sind »Sklaven der Geschichte des Seins«. Das Sein hat gleichsam das Weltjudentum bestimmt, zu einem der wichtigsten Träger der Technik zu werden. Das ist der eine Gedanke. Und wenn er 1949 sagt, dass die Technik einerseits motorisierte Ernährungsindustrie ist, andererseits aber die Fabrikation von Leichen in Gaskammern und Vernichtungslagern, dass die Shoah also ein Epiphänomen der Technik ist – was entspringt aus diesem Gedanken? 

„Die Selbstvernichtung der Technik ist die Selbstvernichtung des Jüdischen.“

Hohe Luft: Die Juden haben sich selbst vernichtet…

Trawny: Es gibt Stellen, die in diese Richtung interpretiert werden können. Ich äußere mich vorsichtig, weil diese Stellen natürlich immer so einen ambivalenten Ton haben, woraus sich auch andere Interpretationen ergeben können. Aber er spricht ganz entschieden in diesen Jahren von der Selbstvernichtung der Technik . Der planetarische Krieg, von dem er da spricht, ist für ihn diese Apokalypse, in der sich die Technik selbst vernichtet, um eben etwas anderes freizusetzen zu können: Den anderen Anfang. Und leider gibt es dann auch Stellen, wo diese Identifizierung des Jüdischen mit der Technik vorkommt. Die Selbstvernichtung der Technik ist dann, wie Sie sagen, die Selbstvernichtung des Jüdischen.

Hohe Luft: Wie sieht Heidegger den Holocaust nach 1945?

Trawny: Auch er kann nicht daran vorbei, über Schuld zu sprechen. Aber man merkt, dass er das nicht zu einem Gedanken machen möchte. Wir würden doch sagen, dass es gar keine andere Möglichkeit gibt, als auf die Shoah moralisch zu reagieren.

„Moralische Schuld ist in Heideggers Philosophie nicht möglich.“

Die Shoah ist so ein Ereignis, auf das neutral zu reagieren im Kern unmöglich ist. Das will er aber nicht. Er muss diesen moralischen Charakter ignorieren. Es wird dann gleichsam nivelliert auf eine technische Katastrophe, in der es aber moralische Verantwortung nicht geben kann. Das entspricht aber ganz dem Charakter seines Denkens, dass das Sein von sich selbst her ein persönliches Schuldverständnis gar nicht ermöglicht. Moralische Schuld ist in seiner Philosophie nicht möglich.

Hohe Luft: Woher kommt dieser „seinsgeschichtliche Antisemitismus«, wie Sie es nennen?

Derzeitiger Herausgeber der Heidegger-Gesamtausgabe Peter Trawny. Foto: Jens Grossmann

Trawny: Die schwierigste Frage in der Diskussion ist wahrscheinlich, ob die Herkunft dieses Antisemitismus mit Voraussetzungen des Heideggerschen Denkens als solchem verknüpft werden muss. Steckt die Möglichkeit des Antisemitismus in diesem Denken als solchem? Oder gehört der Antisemitismus vielleicht zu einer bestimmten deutschen oder meinetwegen auch europäischen Tradition des Denkens? Die Möglichkeit zum Antisemitismus, ja seine Wirklichkeit ist z.B. auf Seiten des konservativen deutschen Denkens immer gegeben. Da fangen Sie bei Nietzsche – dass der stets nur ein Anti-Antisemit gewesen sei, ist doch auch nur eine apologetische Legende – an, und noch früher, bei Hegel und Fichte und Kant und Luther. Die Brüder Jünger, Schmitt. In all diesen Entwürfen ist die Offenheit für den Antisemitismus immer vorhanden. Und da gehört natürlich Heidegger auch rein.

Hohe Luft: Heideggers Antisemitismus ist also nicht nur banales Ressentiment…

Trawny: Verzeihen Sie die Wortwahl, aber da wären wir ja noch froh, wenn es bei einem banalen Ressentiment geblieben wäre. Der Gedanke ist, das Judentum metaphysisch zu begründen. Und die metaphysische Begründung besteht darin, dass das Weltjudentum die weltgeschichtliche Aufgabe der »Entwurzelung des Seienden aus dem Sein« habe.

„Heidegger ist plötzlich philosophisch erblindet.“

 Das ist genau der Denkstrang der wahnwitzigen Identifizierung des Weltjudentums mit der Technik, der »Machenschaft«, wie Heidegger es nennt. Und das zeigt, was da mit ihm passiert sein muss. Er ist plötzlich philosophisch erblindet, und wir stehen vor dem Rätsel, wieso ihm das passiert ist. Das kann ja nur aus einem lang gehegten persönlichen Ressentiment stammen. Wir haben ja auch antisemitische Äußerungen von Heidegger aus privaten Kontexten, das war uns ja bekannt. Dieses private Ressentiment, vielleicht unterstützt durch den Krieg und die Propaganda, muss ihn so von seinem Weg abgebracht haben, dass er dann tatsächlich auch philosophisch dummes Zeug geredet hat. …

Hohe Luft: Wie hat sich Ihr Verhältnis zu Heidegger verändert?

Trawny: Ich habe relativ früh für mich gesehen, dass es da dunkle Punkte gibt, die ich dann auch in bestimmten Kontexten angesprochen habe, vor allem sein Ausweichen vor der Shoah. Als Leser Paul Celans schien mir immer klar, dass Heidegger in dieser schmerzhaften Begegnung mit ihm nie wirklich reagieren konnte auf das, was Celan gesucht hat. Mir war klar, dass der Holocaust etwas ist, an dem Heidegger scheitert. Deswegen war es für mich auch nicht so, dass mit den »Schwarzen Heften« eine philosophische Welt zusammengebrochen wäre. Gleichwohl war ich persönlich schon schockiert. Wahrscheinlich darum, weil mir die Verfolgung und Vernichtung des Judentums keine andere Möglichkeit lässt, als darauf moralisch zu antworten. Ich bin kein Moralist. Aber wer mit Auschwitz, mit der Shoah konfrontiert ist, der kann nicht anders als zu sagen, das ist das Allerschrecklichste und Ungeheuerlichste, was in der deutschen Geschichte passiert ist.

„Dass Heidegger den moralischen Charakter der Situation ignoriert, dass Männer, Frauen und Kinder ausgelöscht wurden, das war und ist mir schwer erträglich.“

 Gerade wenn man sich für das Deutsche so stark macht wie Heidegger. Ja, das ist ein katastrophales Ereignis unter Menschen überhaupt. Daran kann ich nicht vorbeigehen. Dass Heidegger den moralischen Charakter der Situation ignoriert, das Offenbare, dass Männer, Frauen und Kinder aufgrund ihrer Zugehörigkeit zum Judentum ausgelöscht wurden und dass diese Auslöschung doch von selbst eine vollkommen trostlose Trauer auslöst, das war und ist für mich schwer erträglich. Ich kann mir das nur so erklären, dass er sich als Denker so sehr auf bestimmte Voraussetzungen festgelegt hat, da stand dann zu viel für ihn auf dem Spiel. Dann hätte er anders anfangen müssen, über Ethik nachzudenken, und das wollte er nicht. Der Hauptgedanke seiner tragischen Ethik, wenn ich das einmal so nennen darf, ist ja gerade, dass das Ethische menschlicher Handlungen in einer Irre verschwindet, die zwar zum Untergang führen kann, aber die eine moralische Solidarität ausschließt. Wir sehen, dass Ödipus in seiner Irre zugrundegeht. Das ist sein Schicksal. Doch der Deutsche, der im Vernichtungslager arbeitete, war gewiss kein Ödipus. Der hat sich nicht verirrt.

Hohe Luft: Das Erschreckende bei Heidegger ist doch das völlige Fehlen von Empathie…

Trawny: Das meine ich ja. Wie kann man an der Judenverfolgung vorbeigehen? Es ist ja ganz klar, dass er von der Verfolgung und den Deportationen gewusst hat. Und aufgrund bestimmter Äußerungen in den »Anmerkungen« muss man vielleicht sogar die Möglichkeit einräumen, dass er mehr gewusst haben könnte. Wie er dann selbst in diesen Manuskripten an keiner Stelle dazu kommt, von einer Trauer oder einem Schmerz zu sprechen, einer Anerkenntnis dieses Leides, sondern im Gegenteil immer nur das deutsche Leid anerkennt, und das auch noch ganz besonders betont, das ist auch für mich ganz verheerend. Ich erinnere aber daran, dass nach dem Krieg die »Unfähigkeit zu trauern« in Deutschland ein Bestseller war. Mit seiner fehlenden Empathie für die Ermordeten war Heidegger nicht allein. Ernst Jünger übrigens war da am Ende des Krieges eine Ausnahme, zumindest was die Anerkenntnis der Bedeutung der Shoah betraf.

Hohe Luft: Vor den „Schwarzen Heften“ gab es in Heideggers Schriften ja keine explizit antisemitischen Stellen. Kann es sein, dass wir einiges einfach nicht wissen?

Trawny: Meine Antwort auf diese Frage ist unsicher. Ich weiß nichts davon, dass irgendein Herausgeber Stellen bewusst unterschlagen hat. Selbstverständlich würde das jeder Herausgeber leugnen. Es gibt diesen Fall, von dem ich in meinem Buch berichte, dass im Band 69 eine Stelle von mir zur Veröffentlichung vorgesehen war. In einer Diskussion mit dem damaligen Hauptherausgeber – so hat sich mir das damals dargestellt – wurde dann so entschieden, dass das nicht veröffentlicht wird. Zur damaligen Zeit habe ich das, wie ich gestehen muss, aus fadenscheinigen Gründen anerkannt. Ich habe mir da etwas vorgemacht. Schon seit einiger Zeit muss ich sagen, dass das philologisch völlig unhaltbar war. Es gibt Anweisungen zur Edition, die Heidegger damals noch mit seinem Privatassistenten Friedrich-Wilhelm von Herrmann ausgearbeitet hat. Wenn man sich diese Anweisungen anschaut, dann ist auf dieser Grundlage ein Herausstreichen eines solchen Satzes, der sich immerhin im Manuskript befunden hat, nicht gerechtfertigt. Ich war aber damals nicht in der Lage, diese Auseinandersetzung mit jemandem, der sich mir als Hauptherausgeber präsentiert hat, anzunehmen und durchzuziehen. Das ist allerdings ein Fall (nicht der einzige), der Misstrauen weckt. Und man muss sich auch die dauernde, gehässige und persönliche Kritik des damaligen selbsternannten Hauptherausgebers nach der Veröffentlichung der »Schwarzen Hefte« an mir anschauen und sich fragen, woher diese ganz und gar impenetrable Unfähigkeit kommt, bei Heidegger Probleme anzuerkennen. Und wozu diese Starrheit möglicherweise fähig sein könnte.

Ich sehe die Notwendigkeit, dass in der Endphase der Gesamtausgabe der Nachlass von auch geistig unabhängigen Leuten noch einmal durchgesehen und durchkatalogisiert wird, das ist einfach nötig für eine historisch-kritische Gesamtausgabe, das ist jedenfalls nötig für die Zukunft der Heidegger-Forschung. Da könnte man dann ja auch sehen, ob und wie da eingegriffen wurde. Ich persönlich meine aber auch, dass der Nachlassverwalter eigentlich bereits zu demselben Schluss gekommen ist.

Heideggers »Schwarze Hefte«, Quelle: DLA Marbach

Hohe Luft: Haben Sie schon einmal daran gedacht, als Herausgeber der Heidegger-Gesamtausgabe hinzuschmeissen?

Trawny: Nein, weil ich daran interessiert bin, dass die Heidegger-Forschung weiter geführt wird. Und wenn ich dazu einen Beitrag leisten kann, würde ich den auch gerne leisten. Allerdings bin ich der Ansicht, dass wir mit einer bestimmten Heideggerforschung rigoros brechen müssen. Diese Heidegger-Scholastik, die bei diesem Philosophen grundsätzlich kein Problem sieht, die nur eine Verdoppelung des Heideggerschen Textes betreibt und die durchaus institutionell schädlich gewirkt hat, zumindest in der Bundesrepublik, darf so nicht weitergehen. Denn so kann man eigentlich nicht philosophieren. Und diese Scholastik steht jetzt nach der Veröffentlichung der Schwarzen Hefte noch problematischer da, weil sie ja immer noch kein Problem erkennt. Mit dieser Forschung muss gebrochen werden und dann muss es gleichsam einen frischen Wind geben, der übrigens auch von Studenten gewünscht wird. Die „Schwarzen Hefte“ werden auch institutionell Spuren hinterlassen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine solche »Heideggerei« noch eine Zukunft hat. Unter »Heideggerianern« gibt es ja immer noch eine Menge Leute, die nicht bereit sind anzuerkennen, dass auch Heidegger ein sozusagen irrtumsfähiger Mensch war.

„Man hat jahrzehntelang an den Problemen vorbeigearbeitet, vorbeigelebt. Das ist jetzt nicht mehr möglich, da ist zu viel in Bewegung geraten. Ich bedaure das nicht“

 Mir hat nie gefallen, dass es eine selektive Lektüre von Heideggers Texten gegeben hat. Man hat den Heidegger der 30er Jahre, den »politischen« Heidegger, der z.B. stets die griechisch-deutsche Philosophietradition – gelinde gesagt – betont hat, nicht ernstgenommen, das wollte man nicht. Man wollte den akademisch gereinigten Heidegger. Man hat da jahrzehntelang an den Problemen vorbeigearbeitet, vorbeigelebt. Das ist jetzt nicht mehr möglich, da ist zu viel in Bewegung geraten. Ich bedaure das nicht.

Hohe Luft: Liegt das Problem des unkritischen Heideggerianismus nicht auch schon bei Heidegger selbst?

Trawny: Der Heideggersche Text zeugt »Heideggerianer«. Es gibt da eine Verpflichtung zur Esoterik im Sinne der Abkehr von öffentlichen Diskursen. Diese Verpflichtung zu einer esoterischen Gemeinschaft. Und wer das nicht durchschaut, sondern so akzeptiert, der kann sich nicht wohlfühlen in einer öffentlichen Diskussion. Man muss aber in der Lage sein, das zu durchschauen, zu reflektieren, zu problematisieren. (Ich selber habe das – wenn ich das sagen darf – in einem kleinen Buch mit dem Titel „Adyton. Heideggers esoterische Philosophie“ einmal getan.) In Frankreich hat ein »Heideggerianer« in einer Zeitung, im „Nouvel Obervateur“ geschrieben, dass man über Heidegger nicht öffentlich diskutieren darf, warum die »Schwarzen Hefte« viel zu komplex seien, um sie öffentlich zu diskutieren etc. Was für ein performativer Selbstwiderspruch! Aber das ist eine Konsequenz des Heideggerschen Textes. Dieses Narrativ, der manchmal prophetische Ton,– das ist ein Denktyp, der Evidenzen produziert und keine Argumente. Als naiver Leser sagt man sich doch: „Ja klar, alles ist Technik. Stimmt doch!“ So funktioniert bei Vielen Heidegger. Dass bei Heidegger selbst aber ein großer gedanklicher Aufwand getrieben wird, der übrigens nirgendwo letzte Wahrheiten beansprucht, sehen sie dann nicht. Es ist absurd wenn »Heideggerianer« sagen, man muss jetzt erst mal vier Jahre in Klausur gehen und die Öffentlichkeit ausschließen, um sich den »Schwarzen Heften« anzunähern. Die Philosophie gehört nun mal in die Öffentlichkeit wie beinahe alles. Das sind wir, ob uns das behagt oder nicht.

 Das Interview führte Thomas Vašek

 

10 Kommentare

  1. Markus Semm sagt

    Herr Trawny ist in genau die Falle getappt, in die zu tappen uns J. Derrida vor Jahren gewarnt hat. In seinem Diskussionsbeitrag zu einem Kolloquium vom 5. Feb. 1988 zusammen mit Hans-Georg Gadamer und Philippe Lacoue-Labarthe in Heidelberg erwägt er: „Angenommen, Heidegger hätte zu 1933 nicht nur gesagt: Ich habe eine große Dummheit begangen, sondern: Auschwitz ist der absolute Schrecken, es ist das, was ich von Grund auf verurteile. Ein Satz, wie er uns allen geläufig ist. Was wäre dann gewesen? Er hätte wahrscheinlich ohne weiteres die Absolution erhalten. Man hätte die Akten über Heidegger, über die Beziehung zwischen seinem Denken und den Ereignissen des sogenannten Nationalsozialismus, geschlossen. […] Ich glaube, wenn er sich zu einer Äußerung hätte verleiten lassen, sagen wir im Sinne einer unmittelbaren moralischen Reaktion, oder zur Bekundung seines Schreckens oder seines Nicht-Verzeihens, also einer Äußerung, die nicht selbst aus seiner Arbeit des Denkens hervorgegangen wäre, auf der Höhe dessen, was er schon alles gedacht hatte, nun, wir würden uns dann wohl leichter aus der Pflicht entlassen fühlen, die Arbeit zu tun, die wir heute tun müssen.“ Und welche Aufgabe ist das? – Derrida: „Es liegt nun an uns, mehr zu sagen, als: Auschwitz ist der absolute Schrecken, einer der absoluten Schrecken in der Geschichte der Menschheit. Wenn wir mehr sagen können, sollten wir es tun und dieses Gebot ist – wie ich glaube – eingeschrieben in das schrecklichste und vielleicht auch wertvollste einer Chance im Erbe Heideggers.“ Dem ist nichts hinzuzufügen. (Zitate nach: Antwort. Martin Heidegger im Gespräch, Pfullingen 1988)

  2. Reiner Wahn sagt

    „Nietzsche – dass der stets nur ein Anti-Antisemit gewesen sei, ist doch auch nur eine apologetische Legende“ – So ein Unsinn. Trawny hat nicht die leiseste Ahnung.

  3. „Nach dem Krieg spricht er zwar nicht mehr vom Weltjudentum. Aber man denkt doch, dass er an dieser Feindfigur festhält.“

    Man denkt doch (der Erläuterungsbedarf eines solchen „man denkt doch“ wäre immens), dass man sich frage müsste, warum man so hartnäckig daran festhält, Heidegger hielte unverändert (so vermutlich die Unterstellung), unbelehrbar und erfahrungsresistent am Bild des Feindes (der eigenen Frage als Gestalt, C.Schmitt) fest, während sonst in seinem Denken alles ständigen Änderungen unterliegt.

  4. Die schwarzen Hefte, die Minima Moralia aus Heideggers denken?
    Diese ständige Aufarbeitung von Heideggers Rektoratsrede und Schwarzen Heften, hält von einer ordentlichen Aufarbeitung mit seinem philosophischen Werk ab. Wohlweislich hat sich Heidegger dieser Diskussion entzogen. Heidegger hatte nicht zu Unrecht sehr viele jüdische Freunde. Betrachtet man seine christliche Herkunft aus Messkirch, so hatte er wohl ein differenziertes Verhältnis zu jeder Religion, allerdings ein starkes Gefühl für Heimat. Andererseits liegt es fundamentalistisch orthodoxen Kampfgenossen daran sich nicht mit seinem wohl eher schwierigen philosophischen Werk zu beschäftigen. Sie benutzen sofort diese Totschlagskeule des Antisemitismus. Was wollen sie erreichen? Nichts. Doch sie sind erfolgreich in der Diskriminierung. Ein solches Werk wie Sein und Zeit, hat diese Diskussion einfach nicht verdient. Auf diese Art könnte man alle Künstler und Philosophen und Wissenschaftler fertigmachen.
    Als Paul Celan Heidegger in Todnauberg traf, schrieb Celan sich in Heideggers Gästebuch ein:
    die in dies Buch
    geschriebene Zeile von
    einer Hoffnung, heute,
    auf eines Denkenden
    kommendes
    Wort.
    Heidegger äußerte sich nicht zur Shoa (Wittgenstein: worüber man nicht reden kann sollte man lieber schweigen)
    Ich glaube, diese Betrachtungen, die über persönliches Befinden hochgeschrieben werden, gelten wohl für alle Deutschen und nicht nur diesen. Eine Meinung zum Antisemitismus, konnte man von 1933 bis 1945 wohl allen Menschen zuschreiben. Diese kantische Aufklärung die man nun betreibt, hat bereits Platon verworfen. Man kann darüber nicht schreiben. Man hätte nur mit Heidegger sprechen können und sagen in Freundschaft: hier gehst du zu weit. Aber was hat das alles eigentlich mit seiner Philosophie zu tun?

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  9. Franzs Sternbald sagt

    Wir sind die Basis einer Pyramide!
    Wir sorgen als Produzenten, Konsumenten, als Kunden und Patienten, als Klienten und als potentielle Delinquenten, für den sich beschleunigenden Strom der Waren, Finanzen und Daten, im Stoffwechsel eines ‚pyramidalen‘ Organismus. Nachdem wir das Ertragsnutzenkalkül eines besinnungslosen Fortschritts im Wachstum verinnerlicht haben, empfinden wir den Raub der Selbstbestimmung und Identität nicht mehr als Verlust. Auf die atomare Einheit der Existenz reduziert, reihen wir uns ein, in die weltweiten Ströme der dynamischen Massen. Dabei steht die Isolation im Nahfeld der Beziehungen, in einem krassen Gegensatz zur Identifikation mit einem globalen Bewußtsein. Über die Instrumentalisierung religiöser Bedürfnisse, werden die Menschen zur Opferung der eigenen Identität gerufen, und zum Dienst für einen allumfassenden Welt-Ethos vorbereitet
    Wer sich nicht von Verschwörungstheorien verwirren lassen will, dem hebt sich mit „Das pyramidale Prinzip 2.0“ von Franz Sternbald der Schleier, und gewährt dem Leser einen unverstellten Blick auf das Wesen des Willens zur Macht! Gleichzeitig ist es ein leidenschaftliches Plädoyer für einen aufgeklärten Glauben, der sich, nach Kierkegaard, auch dem fundamentalen Zweifel stellen muß, sowie die Rettung der Würde des Individuums, gegen die kollektive Vereinnahmung, und seiner Zurichtung für die Zwecke eines globalen Marktes. Hier wird der Versuch unternommen, das Bewußtsein von einem Erlösungsbedürfnis aus der ‚Selbstentzweiung’ des Willens in der Natur zu erklären, und die Selbstentfremdung des Menschen aus seiner ‚Seinsvergessenheit’. Dem überzeugten Christen verschafft die Beschäftigung mit der Analyse des Willens zur Macht von Schopenhauer, über Nietzsche bis Heidegger, ein freieres Auge. Deren Aktualität steht nicht im Widerspruch zu einer christlichen Deutung der Weltgeschichte, sondern liefert vielmehr deren Bestätigung. L.G. Sternbald

  10. Franz Sternbald sagt

    Wir sind die Basis einer Pyramide!
    Wir sorgen als Produzenten, Konsumenten, als Kunden und Patienten, als Klienten und als potentielle Delinquenten, für den sich beschleunigenden Strom der Waren, Finanzen und Daten, im Stoffwechsel eines ‚pyramidalen‘ Organismus. Nachdem wir das Ertragsnutzenkalkül eines besinnungslosen Fortschritts im Wachstum verinnerlicht haben, empfinden wir den Raub der Selbstbestimmung und Identität nicht mehr als Verlust. Auf die atomare Einheit der Existenz reduziert, reihen wir uns ein, in die weltweiten Ströme der dynamischen Massen. Dabei steht die Isolation im Nahfeld der Beziehungen, in einem krassen Gegensatz zur Identifikation mit einem globalen Bewußtsein. Über die Instrumentalisierung religiöser Bedürfnisse, werden die Menschen zur Opferung der eigenen Identität gerufen, und zum Dienst für einen allumfassenden Welt-Ethos vorbereitet
    Wer sich nicht von Verschwörungstheorien verwirren lassen will, dem hebt sich mit „Das pyramidale Prinzip 2.0“ von Franz Sternbald der Schleier, und gewährt dem Leser einen unverstellten Blick auf das Wesen des Willens zur Macht! Gleichzeitig ist es ein leidenschaftliches Plädoyer für einen aufgeklärten Glauben, der sich, nach Kierkegaard, auch dem fundamentalen Zweifel stellen muß, sowie die Rettung der Würde des Individuums, gegen die kollektive Vereinnahmung, und seiner Zurichtung für die Zwecke eines globalen Marktes. Hier wird der Versuch unternommen, das Bewußtsein von einem Erlösungsbedürfnis aus der ‚Selbstentzweiung’ des Willens in der Natur zu erklären, und die Selbstentfremdung des Menschen aus seiner ‚Seinsvergessenheit’. Dem überzeugten Christen verschafft die Beschäftigung mit der Analyse des Willens zur Macht von Schopenhauer, über Nietzsche bis Heidegger, ein freieres Auge. Deren Aktualität steht nicht im Widerspruch zu einer christlichen Deutung der Weltgeschichte, sondern liefert vielmehr deren Bestätigung. L.G. Sternbald

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