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HOHE LUFTpost – Milde Gaben, und schädliche

HOHE LUFTpost vom 05.06.2015: Milde Gaben, und schädliche

Wenn ich einen bettelnden Menschen auf der Straße sehe, gebe ich manchmal was. Ein kleiner Schmeichler fürs Gewissen. Die zwei Euro sind ihm viel mehr wert als mir, sage ich mir. Doch das Gewissen bleibt nicht ungetrübt. Später fällt mir ein, dass ich mit meiner Spende das Betteln lukrativer gemacht habe, und damit Arbeit vergleichsweise weniger lukrativ. Ein guter Effekt und ein schädlicher. Welcher wiegt schwerer?

Ich vermute, der schädliche. Wenn ich nämlich meine zwei Euro jemandem geben möchte, dem sie mehr wert sind, dann sollte ich sie jemandem geben, dem sie möglichst viel wert sind. Und das ist mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht gerade dieser Bettler. Ich muss mich also aufraffen und jemanden suchen, dem sie noch mehr wert sind. Das ist nicht schwer in dieser Welt. Es bleibt also vernünftig, zu spenden. Aber nicht aus dem Handgelenk.

– Tobias Hürter

4 Kommentare

  1. Horst Klein sagt

    Wenn ich einen bettelnden Menschen auf der Straße sehe, unterscheide ich sofort, ob es sich um organisiertes Betteln handelt, oder um ein Individuum, das sich gerade in einer Notlage befindet. Dann gebe ich immer und gerne, nicht um mein Gewissen zu beruhigen, sondern aus dem Herzen, das sich gerade mit diesem Menschen verbindet…und umgekehrt. So schaffe ich jedesmal eine tiefgreifende und schöne Erfahrung im Hier und Jetzt, spontan und hilfreich für beide Seiten. Philosophieren über Sinn und Unsinn und was besser wäre erachte ich eher als hypothetisch und unpraktikabel. Pflücke DEINEN Tag so wie er kommt und mache das Beste daraus.

  2. H. Urban sagt

    Die Welt ist aber etwas dialektischer. Denn was ist lukrative Arbeit? Und gibt es nicht sogar Arbeit, die noch weniger macht als passiv zu betteln? Zum Beispiel der Banker, der mit einem Tastenklick den Hochfrequenzhandel befeuert und Milliarden nicht immer zum Wohle verschiebt oder verbrennt? Ist Betteln nicht auch in bestimmten Bereichen mit weißem Hemd und Anzug verbreitet?

    Ich kann auf der Strasse ganz schlecht abschätzen, wie viel meine zwei Euro dem Bettler wirklich wert sind. Würde ich mich auf die Suche begeben – nach demjenigen dem es noch mehr wert sein könnte – würde ich Geld ausgeben müssen, womöglich mehr als zwei Euro.

    Spenden hat weniger mit dem Verstand zu tun als mit Bauchgefühl und Spontaneität. Wenn ich auf der Strasse spende, dann sehe ich eine Seele in Not. Dabei muss man sich eher auf die Suche begeben, ob das auch stimmt oder ob es sich z.B. um bandenmäßiges Betteln handelt oder nicht. Dazu reicht etwas Erfahrung und ein paar zusätzliche Schritte auf der Strasse. Eine bessere Optimierung ist zumindest auf der Strasse nicht möglich für mich.

    Die Spende aus dem Handgelenk hat genauso seine Berechtigung wie das Crowd-Funding, auch eine Art Betteln und womöglich hoch lukrativ und jeder Euro unheimlich wichtig, oder die Rettung von Menschen in tiefer Not. Das alles kann richtig oder falsch sein – für mich, dem Spender, wird und soll es niemals „lukrativ“ sein.

  3. Wolfgang sagt

    Irgendetwas haben sie am zweiten kategorischen Imperativ missverstanden? Jedenfalls geht kein Staat auf Toilette wenn Sie auf Toilette gehen.

  4. Gohlke sagt

    Die 2 € waren doch gut angebracht, für einen Gedanken, der eine Restzahlung an Tantiemen erwarten lässt. P.S. Das Magazin ist eine Wohltat,merci

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