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HOHE LUFTpost – Von Weibchen, Männchen und anderen

HOHE LUFTpost vom 24.04.15: Von Weibchen, Männchen und anderen

Viele Menschen betrachten sich entweder als Frau oder als Mann. Aber nicht alle. Manche Menschen fügen sich nicht in eine dieser zwei Geschlechter, sie sehen sich irgendwo dazwischen. Diese Menschen haben es nicht einfach, damit anerkannt zu werden. Manchmal werden sie diskriminiert. Zu fest verwurzelt sind die Geschlechterkategorien in unserem Denken. Und in unserer Sprache.

Sonst aber spricht wenig für die simple Männlich-vs.-weiblich-Weltsicht. Viele Begriffe wechseln ihr Geschlecht von Sprache zu Sprache: »der Mond«, »la luna«, »die Sonne« und »il soleil« sind berühmte Beispiele. Auch bei Menschen ist die Sache komplizierter, als ein flüchtiger Blick zwischen ihre Beine suggeriert. So erfuhr kürzlich eine schwangere Australierin zufällig bei einer Untersuchung, dass ihr Körper genetisch gesehen überwiegend männlich ist: Die Zellen haben ein X- und ein Y-Chromosom statt zwei X-Chromosomen.
Das Problem liegt also nicht bei denen, die sich irgendwo zwischen Mann und Frau sehen, sondern bei jenen, die kein Dazwischen kennen wollen. Die Geschlechter sind nicht so einfach – und die Polarität zwischen ihnen verliert nichts von ihrer Spannung dadurch, dass Menschen von beiden Polen etwas haben, in unterschiedlichen Gewichtungen. So wie auch der Mond eine männliche und eine weibliche Seite hat.

– Tobias Hürter

2 Kommentare

  1. stankusch sagt

    Der Unterschied zwischen den Geschlechtern ist ein nie enden wollendes Thema. Was sich Männer und Frauen dazu abkneifen, ist häufig sehr peinlich. Wenn jetzt Leute darauf beharren, weder männlich noch weiblich zu sein, dann vermute ich, dass die Mehrzahl dieser Menschen hauptsächlich mit den Kategorien, was medial als männlich oder weiblich bezeichnet wird, nicht im Einklang stehen. Sie finden sich in diesen Bilder geistig oder körperlich nicht wieder. Es ist aber kein Manko, die eitlen Schönheiten eines Modewettbewerbes nicht als attraktive Frauen zu begreifen, die muskelbepackten Bodybilder als männlich unattraktiv zu verstehen. Für die meisten sozialen Fragen ist der Unterschied von Mann und Frau ohne Bedeutung, folglich auch der Unterschied zwischen nicht männlich und nicht weiblich. Das Gefühl des Anderssein durch diese Menschen ist aber von Bedeutung, weil es Teil der Entdeckung derer persönlichen Eigenarten, derer Individualität ist.

  2. berater sagt

    Die Dimensionen der Sexualität

    Das Thema Sexualität ist derzeit nicht nur in der Politik und den Medien verstärkt präsent wegen der Debatten um gendergerechte Sprache, sondern auch wegen Filmen und Büchern (davon sind nur die bekanntesten Shades of Grey, Feuchtgebiete,, Game of Thrones), die von sich wegen ihrer vorwiegend obszönen Ausrichtung in den Medien Rede machten. Im ersten Fall sollen falsche Vorstellungen wie Homophobie und Heteronormativität „bekämpft“ oder „entmachtet“ werden, die ihren Ursprung in philosophischen Weiterentwicklungen der Diskursanalyse nach Judith Butler haben, dabei aber eindeutig über ihr Ziel ins Absurde abgleiten. Im zweiten Fall handelt es sich schlicht um oft falsche Vorstellungen, die mit dem Spannungsverhältnis von Normalität und Perversion spielen und dabei irgendwie auf ihre Weise an alte psychoanalytische Theorien anknüpfen: So etwa, wenn der Mensch als reines Triebwesen dargestellt wird und seine Gefühle als Nebensache oder Schwäche interpretiert werden. Zudem sind die Ideen, von denen diese Inhalte getragen werden, oft nur fokussiert auf rein oberflächliche Aspekte wie die Fixierung auf den Orgasmus, oder das zentrale Erwarten dessen bzw. das Spannungsverhältnis zu diesem (was auch in der Kritischen Theorie beanstandet wurde). Sexualität wird zudem nach pornographischem Gehabe oft mit Aggressivität beladen, oder solche Inhalte reduzieren den Menschen auf Körperoberflächlichkeiten anstatt seine Ganzheitlichkeit zu reflektieren.
    Beide Tendenzen der derzeitigen Berichterstattung verstellen aber ganz eindeutig ein anderes Verständnis von Sexualität. Daher wird im Folgenden eine alternative Perspektive für dieses Thema geboten, die eine mehr befreiende Sichtweise anbietet.

    Der biologische Sinn der menschlichen Sexualität ist zwar die Fortpflanzung und damit Mittel zum Zweck. Schon Freud erklärte Sexualität sei nicht nur zur Fortpflanzung, sondern diene der Triebbefriedigung, wobei die Lust Trieb und Instinkt verbindet, die durch ein Äußeres hervorgerufen wird, wohingegen der Instinkt vom Innen kommt. Eine solche im Wesentlichen reduktionistische Sicht wurde bereits von Jung, Frankl und Malinowski widerlegt.
    Doch für den Menschen hat Sexualität auch noch mehrere Dimensionen als Selbstzweck. Der physiologische Sinn ist die Förderung der Gesundheit, der psychologische Sinn der Sexualität ist die Erfahrung von Distanz und Nähe der Geschlechter (die zu einer Bewahrung einer dauerhaft guten Beziehung führen kann), der philosophische Sinn ist die Anerkennung des Partners um seiner selbst willen, und der spirituelle Sinn die Vereinigung von männlichem und weiblichem Prinzip als symbolische Einheit der Dualität.
    Über die erste Dimension finden sich sehr viele Informationen und es werden laufend neue Studienerkenntnisse veröffentlicht, weshalb dies hier nur rudimentär erläutert wird. Schon ein leidenschaftlich langer Kuss senkt den Blutdruck und die LDL-Cholesterin Werte, sowie dadurch signifikant Allergien gelindert werden. Durch Streicheln und Massagen werden zudem überaus viele „Glückshormone“ produziert, die nachweislich auf den ganzen Organismus gesundheitsfördernd wirken und die Lebenserwartung erhöhen. Leidenschaftliche Sexualität wirkt so positiv wie regelmäßige intensive sportliche Aktivität: Es werden in etwa so viele Kalorien verbraucht wie bei einer dreistündigen Laufdauer. Dies alles vermutlich deshalb, weil die Sexualhormone für eine seelische und hormonelle Balance sorgen: die dabei produzierten Hormone Dopamin, Oxytocin, DHEA und Testosteron wirken alle auf ihre Weise gesundheitsfördernd, lindern aber auch mentale Beschwerden wie Angstzustände und Depressionen.
    Zur zweiten genannten Dimension gehört auch die Rechtfertigung der sexuellen Sonderstellung des Menschen, die durch die Frau vorgegeben ist. Einerseits ist die Frau unter den höheren Primaten nicht nur einzig zum Erlebnis eines Orgasmus befähigt, sondern dies sogleich über zwei Wege, den klitoralen und den vaginalen. Viel wesentlicher ist aber noch die ebenfalls im Tierreich nicht vorhandene Tatsache, dass für den Mann an der Frau nicht erkennbar ist wann ihr Eisprung stattfindet und damit ist sie für ihn das ganze Jahr über potentiell sexuell attraktiv. Und dass diese alleine der Empfängnis dienen sollte ist auch nicht haltbar zu vertreten, den die sexuelle Lust der Frau kann sowohl während einer Schwangerschaft vorhanden sein, als auch nach ihrer Menopause, genauso, wie sexuelle Unlust auch während der fruchtbaren Tage auftreten kann. Zum Thema der Empfängnis sei auch noch eine interessante Entdeckung angemerkt. Der Anthropologe Malinowski gibt in seinen Aufzeichnungen wieder, dass sexueller Verkehr für die Stämme der Tobriand keine aktive Tat zur Empfängnis darstellt, sondern nur dessen Vorbereitung. Zur Empfängnis gehöre nämlich noch mehr. Woher Malinowski dies weiß, ergibt sich aus seinen Feldforschungen: die zentrale Beschäftigung dieser Ethnizität ist nämlich die Ausübung sexueller Aktivitäten.
    Wenn es um die Frage der Verhütung geht, so haben aber auch alle Kulturen auf diesem Planeten ihre eigenen Strategien. Die bekannteste und einfachste natürliche Verhütung ist der coitus interruptus in Kombination mit der Kalendermethode, also einem bewussten Verzicht in den potentiellen fruchtbaren Tagen der Frau. Da aber in der modernen Welt einige Substanzen unterwegs sind, die hormonell wirksam sind (z.B. Bisphenol A), kann der Zyklus der Frau leider leicht gestört sein und daher bietet diese Methode eine zusätzliche Unsicherheit. (Die Änderung der Zervixschleimbeschaffenheit an der Scheideninnenwand sollte beobachtet werden, denn diese ist entscheidend, dass Samenzellen außer an den 5 fruchtbaren Tagen nicht vordringen können.) Jedoch kommt auch eine Unsicherheit seitens des Mannes hinzu, da nie gewährleistet werden kann, dass sich nicht doch Samen in kleinsten Mengen lösen, weshalb auch die Kalendermethode eine sinnvolle Ergänzung ist. Da aber Samen in der Vagina für bis zu 5 Tage gespeichert werden könnten, wäre damit die Verzichtsdauer relativ lange. Doch eine Alternative ist in der Forschung inbegriffen und teilweise schon marktreif, nämlich Mexican Wild Yam. Dies ist jene Wurzel die ursprünglich für die Entwicklung der Verhütungspille diente (Russel Marker 1942). Da es sich jedoch um die gesamte Pflanze handelt, also das Hormon selbst erst vom Körper aufgebaut wird, bleiben nicht nur typische Nebenwirkungen aus, sondern die Pflanze soll auch verjüngend wirken und hat viele andere heilende Wirkungen, weshalb sie auch gegen Wechseljahresbeschwerden eingesetzt wird.

    Die dritte Dimension führt zum Aspekt des geistigen Geschehens hinter dem Sexualakt. Denn was sich jeder Mensch wünscht ist Angenommen zu sein, so wie er ist. Dieses Geschenk können sich Partner wechselseitig machen. Wie Studien zeigen ist das Wechselspiel zwischen Nähe und Distanz, die Mitte zwischen ständigem Zusammensein und zu wenig Gemeinsamkeiten teilen, maßgeblich zur Erhaltung der erotischen Anziehungskraft. Und das eigentliche Vorspiel beginnt weit vor dem Sexualakt. Tagsüber schon Zärtlichkeiten, liebevolle Blicke und erotische Anspielungen auszutauschen nährt die Lust. Angst vor den Erwartungen des Partners erhöht den Lustverlust, weshalb darüber zu sprechen sehr hilfreich ist, um diese aufzulösen. Ein gesundes Selbstwertgefühl wirkt auf das andere Geschlecht anziehend.
    Richtige Sexualität ist daher liebevoll vollzogene, hingebungsvolle, auf den Partner ausgerichtete und auf körperliche Zuneigung konzentrierter Sexualvollzug, und nicht auf den Orgasmus konzentrierte. Warum dies so ist, wird durch die vierte Dimension klar. Mantak Chia etwa erklärt: Wenn der Mann die Frau nur als Objekt für „mechanische Sexualität“ benutzt, „schneidet er den Strom seiner zu ihm zurückkehrenden Sexualenergie selbst ab“. Daher soll der Mann auch die Frau immer wieder neu in ihrer Zuneigung stärken und nicht die Sexualität zur Routine werden lassen.

    Spirituelle Sexualität bedeutet aber noch mehr. Zunächst ist diese primär ein sinnliches Erlebnis primär statt einem Orgasmuswettlauf, damit auch eine Ganzkörpererfahrung statt einer Genitalienfixierung, und immer mit Emotionen verbunden anstatt rein auf die Befriedigung konzentriert zu sein. Das bedeutet aber nicht, dass spirituelle Sexualität auszuüben Orgasmusfeindlichkeit bedeutet.

    Der Orgasmus soll das Produkt sein, nicht der Ausdruck selbst. Dennoch kann dieser unabhängig von spirituellen Absichten rein für körperliche Belange genutzt werden. Die Aktivierung der sexuellen Energie selbst ist für den Körper schon heilsam, auch ohne auf diese zu reagieren und den Orgasmus selbst ist ein energetischer Reinigungseffekt für den Körper, kann also durchaus auch als ein Mittel zum Zweck verstanden werden.

    Die vierte Dimension der Sexualität wird besonders in den Geheimnissen asiatischer Lehren gelehrt. Um einige übliche Gewohnheiten zu relativieren empfiehlt die taoistischen Liebeskunst nach Mantak Chia für beide Geschlechter, dass bis zwei Stunden vor dem Akt nicht gegessen werden sollte, da sonst die Verdauungsenergie mit der Sexualenergie konkurriert. Auch sollte in den 20 Minuten vor dem Akt nicht uriniert werden, um die Organe darauf energetisch einstimmen lassen zu können. Nach dem Akt ist es nicht ratsam sogleich zu duschen oder sich im Windzug aufzuhalten, um die Energien, die während dessen ausgetauscht worden sind, behalten zu können. Dies ist auch der wichtigste Punkt, dass sich nämlich männliche und weibliche Energien, die Yin und Yang Essenzen, während des Sexualaktes nähren („nei-tan“ = „inneres Elixier“ entsteht).
    Frauen sollten wissen: Der Orgasmus ist besonders für den Mann eine energetische Anstrengung (an den sich die Refrektärphase anschließt, die sich in verminderter Erregbarkeit und postkoitaler Müdigkeit zeigen kann) und der Aufbau von Samenzellen, den komplexesten des Organismus, entsprechend Kraft bedarf. Daher empfiehlt der taoistische Gelehrte Sun Tsu-mo dem Mann: Zwanzigjährige nur alle 4 Tage, Vierzigjährige alle 10 Tage, ab Sechzig nur einmal im Monat einen Samenerguss zuzulassen, um sein Nierenchi, der Ort der Lebenskraftspeicherung, nicht zu sehr zu verausgaben. Dies ist aber vermutlich als Faustregel zu verstehen, die je nach Manneskraft, Alter, Umständen, Ernährung und sonstigen Bedingungen anzupassen ist. Dagegen gibt es eine hervorragende Möglichkeit den Sexualakt zu vollziehen und dabei sogar die Lebenskraft zu stärken. Im Kanon taoistischer Weisheit, gesammelt von Kaiser Tang heißt es, dass mit jedem Mal Geschlechtsverkehr ohne Samenerguss die Lebenskraft des Mannes genährt wird und mit jedem weiteren Male ohne Erguss verbessern sich seine physischen Fähigkeiten, von verbesserter Sinnesleitung und gestärkter Selbstheilungskraft bis zu tiefem Frieden. Dies ist jedoch nur der Fall bei wiederholten Malen hintereinander.
    Einfache Methoden dafür sind 1. Penis heraus ziehen und etwa 10 Sekunden vor dem erneuten Eindringen warten 2. von Wu Hsien empfohlen erfordert mehr Übung: so weit heraus ziehen, dass der Penis noch leicht in Vagina verbleibt, einmal tief in Zwerchfell atmen und Unterleib zusammen ziehen, als ob Harndrang verspürt wird (beim typisch empfohlenen Genitalmuskulatur zusammenziehen wird der Samen beim Ausströmen unterdrückt, bei der genannte Methode aber zurückgehalten. Diese Variante ermöglicht nach den Empfehlern sogar einen Orgasmus ohne Erguss.)
    Ein häufiger Partnerwechsel ist daher auch für das Energiesystem des Körpers belastend, da durch die Vereinigung energetische Verbindungen entstehen, die sich erst mit der Zeit wieder lösen. Zudem erzeugt der Partnerwechsel Stress im Organismus, wie Studien zeigen, sodass die positiven Effekte eines Sexualaktes wieder aufgehoben werden. Der Sinn einer Partnerschaft ist der, durch eine längerfristige Verbindung diese Verbindungsenergie zu erhalten.

    Um also die Dimensionen in ihren wichtigsten Aspekte in prägnanter Weise zusammenzufassen: Sexualität ist spirituell verstanden nicht schlecht, genau genommen ein heiliger Akt, in dem das männliche und das weibliche Energiesystem sich vereinigen. Unrein wird sie durch eine unreine Absicht der nur begierigen Befriedigung oder obszöner Akte. Richtige Sexualität ist liebevoll vollzogene, auf den Partner ausgerichtete, auf körperliche Zuneigung konzentrierte und in entsprechend verteilter Häufigkeit genossene Vereinigung (da dadurch Energieverschiebung und –verbrauch stattfinden).

    Spekulationen zur spirituellen Bedeutung der Sexualität

    Der Grund Sexualität auszuüben liegt nur bedingt in einem Trieb. Der Trieb äußert sich zumeist als Endstadium einer sich stets erneuernden sexuellen Energie, aber auch diese kann reguliert werden und selbst im hohen Alter durch diverse Techniken aufrecht erhalten um so eine Verjüngung zu erzielen, wie am bekanntesten durch die „sechs Tibeter“ oder auch andere Qi Gong Übungen. Auch die Medizin weiß um die Bedeutung der Hormonproduktion für die Erhaltung jugendlicher Vitalität.
    Wird also Sexualität rein zur Veräußerung dieser Energie betrieben, um „Druck abzulassen“, wird sie vergeudet, obwohl sie auch konstruktiv genutzt werden könnte. Der Drang dazu jedoch diese konstruktiv zu verwenden anstatt zu vergeuden ist die vielleicht größte und letzte Aufgabe des spirituellen Weges und bedeutet die Meisterung des Menschen durch sich selbst, also seine in ihm angelegten niederen, zur bloßen Befriedigung ohne Mehrwert genutzten, Neigungen. Diese kann auf mehrere Weise genutzt werden. Anstatt Sexualität als für die Lebensfreude wesentlich zu erachten, wird dem mehr Bedeutung beigemessen, dass sexuelle Energie in der wichtigsten Nutzungsform in spirituelle Energie umgewandelt werden kann.

    Woher kommt also der Drang zum niedrigen der Sexualität, wenn es nicht der Trieb ist? Wohl eher ist es der Wille zum angenehmen Gefühl der Stimulation was zeigt, dass der Trieb nicht alleine existiert oder sogar nebensächlich werden kann, wenn mehr als triebbedingt oder weniger, weil vielleicht weniger Zeit vorhanden, Sexualität ausgeübt wird.
    Eine mehr spirituelle Erklärung bezieht sich darauf, dass Menschen als Geschlechtswesen unvollständig sind und des anderen Parts, dem Partner, bedürfen. Eine solche Erklärung liegt nicht nur dem metaphysischen Konzept der Kugelmenschen nach Platon zugrunde, sondern auch einer psychologischen Erklärungsvariante, wonach Menschen durch den körperlichen Kontakt des anderen Geschlechts sich erfüllter fühlen.

    Jedenfalls gilt Sexualität macht alle Menschen gleich, ist immer das Gleiche (nicht so, wie es verschiedenste Geschmacksvarianten gibt, sondern immer nur variierende Intensität) und um der Abwechslung wegen bis zur Lächerlichkeit durch verrückte bis perverse und ekelige Varianten abgewandelt vollzogen.

    Um dies zu erklären folgt hier eine dritte Erklärungsvariante. Unser Zeitalter ist das Zeitalter der Gewalt gewesen. Zwar wurden die Gladiatorenkämpfe durch Sportveranstaltungen ersetzt, aber dass noch immer das Denken in Gewaltkategorien dominiert ist mit dem Kontrollwahn im Management der Konzerne zu sehen, unter der Prämisse, dass alles gemanagt werden kann, und auch in der Medizin, wo die Heilung erzwungen werden soll, obwohl jede wahre und echte Heilung durch den Körper selbst, der sich ständig regeneriert, vollzogen wird. Dies steht den spirituellen Aspekten vom Loslassen-können (Friede sei mit dir) und vom taoistischen Wu wei (versuche nichts zu erzwingen, sondern laß alles möglichst natürlich entstehen.) entgegen.

    Die spirituelle Aufgabe dieses Planeten ist es daher Gewalt zu transformieren und deshalb ist die Sexualität eine spirituelle Tätigkeit, weil dadurch diese Gewalt in Lust verwandelt wird. Die Penetration ist eigentlich ein Gewaltakt, dem aber die Wirkungen der Gewalt genommen wurden. Wegen dieser Verwandtschaft zur Gewalt kommt es auch, dass bei militärischem Vorgehen Vergewaltigungen durchgeführt werden, dass sich Liebespaare nach einem Streit dadurch Versöhnen können. Der Slogan „Make love, not war“, traf damit den Punkt. Dennoch ist der Akt nur die eine Seite, denn es gibt ein Spektrum an möglichen Varianten von „hartem Sex“ bis zärtliche Liebschaft. Es ist also nicht die Frage des ob, sondern des Wie relevant.

    Wer in echter Verbundenheit mit seinem Partner lebt, der weiß, dass Sexualität nur die Krönung sein kann, nicht aber der wesentliche Zweck. Dadurch hat die Sexualität ihre Gewalt völlig verloren und wurde übersetzt in die Funktion der Förderung der Verbundenheit.
    Die Spiritualität der Sexualität zeigt sich besonders darin, dass der Gewaltakt, der sonst Zerstörung bewirkt, transformiert wird, so, dass durch diesen Schöpfung eines neuen Lebens möglich wird.

    Doch der Akt der Sexualität ist nur Transformation der Gewalt, nicht ihre Aufhebung, und dadurch könnte auch diese Formen der Aggression annehmen. Die letzte spirituelle Aufgabe ist aber die Aufhebung der Gewalt und der Aggression, weshalb sowohl der Akt durch die Kultivierung von Gewaltlosigkeit überflüssig wird als auch die volle Vergebung, die an die Stelle der Aggression tritt. Der Trieb selbst ist ein Gewaltakt, der nämlich mit Gewalt erzwingen möchte. Daher kommt es, dass das Heilige nicht mit Sexualität vereinbar ist. Wird der Zustand des Heiligen erreicht, wird die sich stets erneuernde Energie der Sexualität transformiert, so dass der Akt nicht mehr nötig ist. Es wird also nicht dem Akt die Gewalt genommen, wie oben beschrieben, sondern der Akt selbst wird unnötig. Doch dies zu erkennen, dass Sexualität weder nötig ist, noch der Trieb über jemanden Gewalt hat, weil die Energie auch transformiert werden kann, ist eine zentrale reife Einsicht, der die vielen Suggestionen und Verführungsangebote der modernen Medien entgegenwirken.

    Der Heilige bedarf der Freisetzung dieser Energie nicht mehr. Er ist erlöst, der Trieb nicht mehr vorhanden und Freiheit des Willens, auch, ob Sexualität noch ausgeübt wird, vollends vorhanden, denn das Bedürfnis dazu ist gewichen. Der Heilige ist bedürfnislos, weil er erkannt hat, dass er dieses nicht mehr braucht, es hat ihn gesättigt oder er hat das Falsche darin erkannt, weshalb es ihn abstößt. Doch um dahin zu gelangen, dass diese Bedürfnislosigkeit entstanden ist, ist es kein Akt des Erzwingens, wie es in spirituellen Übungen oft vorkommt, vor allem der Keuschheit und Kasteiung. Es ist ein Prozess des Heranreifens, an deren Ende die Erkenntnis steht es nicht mehr zu benötigen.

    Nur der ist ein Meister, der sich selbst gemeistert hat, das heißt, in Auseinandersetzung mit sich selbst, seine niederen schädlichen und schändlichen Neigungen überwunden hat, bewältigt, aufgelöst. Begehren erzeugt Karma und daher ergibt es sich auch, dass „Friede sei mit dir“ bedeutet, Möge das Begehren in dir verschwinden. Wieso dies so ist, ist, weil die weltlichen Bindungen in der Befreiung gelöst werden müssen. Darin liegt die Wahrheit der Aussage die Wahrheit macht euch frei: sie offenbart die Wahrheit von etwas, wie die Verwandtschaft der Sexualität zur Gewalt, und dadurch möchte sich der Mensch davon distanzieren, möchte damit nichts mehr zu tun haben.
    Diese weltlichen Bindungen sind zu lösen, damit kein Karma mehr erzeugt wird und der Mensch nicht mehr dem Karma-Gesetz von Ursache und Wirkung unterliegt.
    Dieses zu erreichen ist aber ein Prozess der Reifung und auf dem Wege dorthin gibt es viele Möglichkeiten die Sexualität immer spiritueller zu gestalten.

    Das ambivalente Wesen der Sexualität hat aber vielleicht einen eindeutigen Grund. Die spirituelle Funktion als Transformation von Gewalt macht aber die Sexualität selbst nicht „gut“, weil diese dennoch allzu häufig in ihr Gegenteil verkehrt wird. Dass Sexualität oft in die Nähe des Schlechten oder gar Bösen gerückt wird, durch Obszönität bis hin zu Perversionen, liegt nicht nur darin, dass die Menschen eine Neigung zur Übertreibung haben, sondern es liegt vielleicht im Wesen der Sache selbst, nämlich dem spirituellen Grund, wieso diese überhaupt nötig wurde.
    Mythologisch wird der Beginn der Welt in den ägyptischen Mythen mit der Sexualität verbunden. Und nicht nur dort. Im griechischen Mythos wirft Chronos Uranus zum Meer, daraus entstand nicht nur die Welt, sondern auch Aphrodite, das Symbol der Verführung, welches die Welt den Menschen bietet. Und auch im Buch der Giganten nach Henoch hat der Fall der Engel seinen Grund in dieser Verführung. Damit wohnt der Schöpfung mythologisch betrachtet die Sexualität wesensinhärent inne, aber deshalb, weil es ein Abfall ist vom frühen besseren Zustand war, der die Sexualität erst nötig machte.

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