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HOHE LUFTpost – Die Vergebung des Unentschuldbaren

HOHE LUFTpost vom 01.05.2015: Die Vergebung des Unentschuldbaren

Während des Auschwitz-Prozesses in Lüneburg ereignete sich letzte Woche etwas Außergewöhnliches. Der angeklagte frühere SS-Mann Oskar Gröning bekannte sich »moralisch mitschuldig« und sagte: »Ich bitte um Vergebung.« Er bekam sie. Eva Kor, die das Konzentrationslager überlebt hat, reichte Gröning die Hand und sagte: »Ich habe den Nazis vergeben.« Kors Geste stieß auf Kritik. So äußerte Christoph Heubner vom Internationalen Auschwitz Kommitee die Befürchtung, die Geste könne als »moralischer Freispruch und Abschlusserklärung« missverstanden werden.
Ich bin anderer Ansicht. Es ist eine große, richtige Geste. Vergebung ist weder Freispruch noch Entschuldigung. Sie lässt die Schuld und die Verantwortung stehen und bietet dem Schuldigen dennoch an, in eine menschliche Beziehung zueinander zu treten. »Meine Vergebung spricht die Täter nicht frei«, sagte Kor und wandte sich an Gröning: »Ich hoffe, dass Sie und ich uns als ehemalige Gegner als Menschen begegnen können.« In der HOHE LUFTpost vom 13. Februar hatte ich geschrieben, dass ich die Fähigkeit, zu vergeben, an meinen Mitmenschen besonders hoch schätze. Und so hat Kor, die in Auschwitz ihre Familie verlor und grausame medizinische Experimente durchlitt, meinen ganzen Respekt.

– Tobias Hürter

1 Kommentare

  1. Seraina Walser sagt

    Herzlichen Dank für diesen Text! Es sollte mehr Menschen geben, die das Wort ‚Vergebung‘ nicht missverstehen.

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