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Tödliches Vertrauen

Vertrauen bedeutet, verletzbar zu sein. Das zeigt der Absturz der Germanwings-Maschine, der offenbar vom Kopiloten absichtlich herbeigeführt wurde, auf furchtbare Weise. Wer jemandem vertraut, geht immer ein Risiko ein. Man verzichtet darauf, den anderen zu überwachen, man räumt ihm einen Spielraum ein. Der andere kann diesen Spielraum missbrauchen, doch man ist zuversichtlich, dass er es nicht tun wird.

Georg Simmel (1885-1918) definierte Vertrauen einmal als „Zustand zwischen Wissen und Nichtwissen“. Wer in ein Flugzeug steigt, kann nicht wissen, was der Pilot tun wird. Trotzdem vertraut man darauf, dass er sich richtig verhalten wird. Dieses Vertrauen kann zwar Gründe haben. Schließlich weiß man, dass der Pilot eine gute Ausbildung bekommen hat, dass er bestimmte Regeln befolgen muss, dass er sich allen möglichen Tests unterziehen musste und so weiter. Doch es gibt immer einen Rest von Vertrauen, einen Überschuss, der unbegründbar bleibt. Wir können das Verhalten anderer eben nicht rational vorausberechnen. Wenn wir das könnten, müssten wir ja nicht vertrauen.

In traditionalen Gesellschaften beruhte Vertrauen auf lokalen Gemeinschaften. Heute hingegen müssen wir uns immer mehr auf „abstrakte Systeme“ (Anthony Giddens) verlassen, auf Gesetze und Normen, die für unsere Sicherheit sorgen und unser Zusammenleben regeln. Eines dieser Systeme ist sicherlich die Flugsicherheit. Wie der Germanwings-Absturz zeigt, können solche Systeme Vertrauen jedoch nicht ersetzen. In modernen Gesellschaften haben wir es tagtäglich mit wildfremden Menschen zu tun, die uns theoretisch jederzeit umbringen könnten. Ein Taxifahrer könnte den Wagen plötzlich gegen die Mauer lenken. Ein Koch könnte das Essen im Restaurant vergiften. Und ein Pilot eben das Flugzeug gegen den Berg steuern. Warum sollen wir diesen Menschen vertrauen, zu denen wir keinerlei Beziehung haben, von denen wir kaum etwas wissen? Vertrauen reduziert Komplexität, meinte der Soziologie Niklas Luhmann. Es vereinfacht unsere Lebensführung. Wer anderen nicht vertraut, muss sie kontrollieren. Nach der Germanwings-Katastrophe könnte man auf die Idee kommen, im Flugzeug-Cockpit künftig Kameras und andere Überwachungstools zu installieren, etwa Sensoren, die den physischen und psychischen Zustand des Piloten überprüfen. Doch die Frage ist, ob wir das wollen. Und genauso fragt sich, ob wir lieber autonomen technischen Systemen „vertrauen“ wollen, die den „menschlichen Faktor“ ausschließen – und ob das dann überhaupt noch etwas mit Vertrauen zu tun hätte.

Nein, wir müssen schon weiter vertrauen. Das Vertrauen gehört zu einem menschlichen Zusammenleben. Allerdings müssen wir immer wieder überlegen, was Vertrauen in verschiedenen Kontexten bedeutet – und wie man es besser begründen kann. Oft kommt es auf den praktischen Rahmen an, ob Vertrauen gerechtfertigt ist oder nicht. Der Luzerner Philosoph Martin Hartmann nennt das eine „Vertrauenspraxis“.
Die Idee dahinter ist, Regeln und Standards zu schaffen, welche gleichsam die Vertrauenswürdigkeit jener Personen garantieren die an dieser Praxis teilnehmen. Man vertraut also letztlich nicht auf den einzelnen, wie etwa auf den Flugzeugpiloten, sondern auf die Praxis selbst. Im Falle der Flugsicherheit bräuchten wir also ein System aus Regeln und Mechanismen, technischer wie sozialer Art, die das Vertrauen begründen, dass der Pilot die Maschine auch dann nicht zum Absturz bringen wird, wenn er die Absicht hat, genau das zu tun.

– Thomas Vašek

Tipp: Unser stellvertretender Chefredakteur Tobias Hürter, der selbst einen Absturz vom Berg knapp überlebt hat, und darüber das Buch „Der Tod ist ein Philosoph“ verfasst hat, ist heute um 22 Uhr zu Gast in der SWR-Talkshow „Nachtcafé“ zum Thema „Aus dem Leben gerissen“.

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