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Wie blau ist der Himmel?

Endlich ist der Frühling da, sogar ganz offiziell! Besonders freuen sich jetzt viele wie in jedem Jahr über den blauen Himmel. Obwohl wir noch aus der Schule wissen, dass der Himmel eigentlich gar nicht blau ist, sondern nur so aussieht.
Das ist doch das Gleiche – könnte man dem entgegnen. Und steckt damit plötzlich in einer uralten philosophischen Debatte. Dass Dinge wirklich so sind, wie wir sie sehen, ist keineswegs trivial. „Nur scheinbar hat ein Ding eine Farbe, nur scheinbar ist es süß oder bitter; in Wirklichkeit gibt es nur Atome im leeren Raum“ meinte der griechische Philosoph Demokrit schon in der Antike zu wissen. Schließlich erscheint uns ein Haus aus großer Entfernung viel kleiner als wenn wir direkt davor stehen, ohne, dass dies etwas an seiner tatsächlichen Größe ändert. Unsere Sinne irren sich ständig, wir können halluzinieren oder träumen. Man kann also bezweifeln, ob unsere Sinneswahrnehmung überhaupt einen realen Hintergrund hat. Vielleicht leben wir in der Matrix oder existieren nur als Gehirne in Wassertanks und alles, was wir wahrnehmen, ist alles bloß Illusion…

In Blau gleich viel netter: Der Hamburger Hafen

In Blau gleich viel netter: Der Hamburger Hafen

Aber die meisten von uns sind keine erkenntnistheoretischen Solipsisten und nehmen an, dass unsere Sinne ziemlich zuverlässig sind und unsere Wahrnehmung etwas mit einer realen Außenwelt zu tun hat. Wir leben im Alltag als Common-Sense-Realisten. Wir vertrauen unseren Sinnen sogar so sehr, dass wir oft felsenfest von etwas überzeugt sind, wenn wir der Meinung sind, es genau so gesehen oder gehört zu haben. Wieso sonst sollte das ganze Internet tagelang über die „wahre“ Farbe eines Kleides diskutieren? Diese Debatte schien an den Grundfesten der Gesellschaft zu rütteln – so emotional aufgeladen wie sie geführt wurde. Wenn wir unseren Sinnen nicht mehr vertrauen können, wem dann? Kaum jemand will sich mit der relativierenden Antwort „das sieht für manche eben blau-schwarz und für andere weiß-gold aus“ zufrieden geben. Wir wollen einfach wissen, wie es WIRKLICH ist. Aber ist das überhaupt möglich? Wie macht man die Wirklichkeit einer Farbe fest? Müsste man das Kleid dafür in seine atomistischen Grundstrukturen zerlegen, wie Demokrits These nahelegt? Wahrscheinlich nicht, denn dass es sie für uns gibt, hängt untrennbar damit zusammen, dass wir sie wahrnehmen. Farben sind sogar physikalisch schwer fassbar, da sie von Lichtverhältnissen und unserem Sehapparat abhängig sind. „Was meine Kenntnis der Farbe selbst betrifft, so kenne ich sie ganz und gar, wenn ich sie sehe, und eine bessere Kenntnis ist nicht einmal theoretisch möglich“ so formulierte es der britische Philosoph Bertrand Russell (1872 – 1970).
Unsere Sinne wirken wie ein Filter, der nur ein ganz persönliches Bild der Umwelt bei uns ankommen lässt und den wir nicht ablegen können. Immanuel Kant schloss daraus, dass wir das Wesen der Dinge sowieso nicht erkennen können, sondern nur die Art und Weise, in der sie uns erscheinen. Darum erübrige sich jede Diskussion darüber, wie etwas wirklich sei. Das heißt aber laut Kant nicht, dass uns unsere Sinne ständig belügen. Sie sind durchaus dazu geeignet, eine empirische „Wahrheit“ abzubilden. Nur muss man sich dessen bewusst sein, dass man alles durch die Brille der eigenen Wahrnehmung sieht. Das kann man unbefriedigend finden. Oder man kann sich darüber freuen, dass sogar unsere Wissensgesellschaft es manchmal aushalten muss, dass nicht alles eindeutig blau-schwarz ist. Und auch wenn der blaue Himmel „nur“ so aussieht, fühlt sich die gute Stimmung, in die er uns versetzt, ziemlich real an. Das kann keiner bezweifeln.

– Greta Lührs

 

VERANSTALTUNGSHINWEIS

see-Conference
zum Thema „Visualisierung von Information“ kommen Designer, Architekten, Medienkünstler und Philosophen aus der ganzen Welt zusammen.
Am 18. April 2015
Schlachthof Wiesbaden, Murnaustrasse 1, 65189 Wiesbaden
Tickets 115 €, Studenten 55 €

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