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Wer hat an der Uhr gedreht?

Zeitmangel scheint ein Charakteristikum unserer Zeit zu sein: Kaum einer wünscht sich nicht mehr Zeit, weil er schlicht „keine Zeit“ hat. Das ist erstaunlich – hat doch der Tag für alle Menschen gleichermaßen 24 Stunden. Und doch kämpfen wir oft um mehr Zeit: Wir planen und organisieren und takten. Aber kann uns ein gutes Zeitmanagement überhaupt zu mehr Zeit verhelfen?

Nicht immer war Zeiteinteilung so wichtig wie heute: In früheren Gesellschaften etwa wurde Bedürfnissen zeitunabhängig nachgegeben. War man hungrig, aß man, war man müde, schlief man. Der Soziologe Norbert Elias unterschied im Zusammenhang damit zwischen passiver und aktiver Zeitbestimmung. Mit der Ablösung der passiven durch die aktive Zeitbestimmung sei die moderne Gesellschaft schließlich dazu gezwungen worden, „ihre physiologische Uhr an einer sozialen Uhr auszurichten“. Die Zeit wurde gewissermaßen zu domestizieren versucht – obwohl sie uns mehr denn je zu dominieren scheint.

Aber was ist Zeit überhaupt? Ist sie etwas, das objektiv, unabhängig von der Bestimmung durch den Menschen, existiert oder ist sie erfunden worden, um das Leben erst strukturieren zu können? Womöglich gibt es die Zeit im engeren Sinne gar nicht. Vielleicht ist unsere Vorstellung von ihr als dreidimensionaler Realität (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft) nur ein Trugschluss?! Es wäre doch denkbar, dass die Vergangenheit nichts als Erinnerung ist und die Zukunft einzig als Erwartung in unseren Köpfen existiert. Das würde bedeuten, dass Zeit in nichts als eine ewige Gegenwart zerfällt und alles Sein im „Jetzt“ im Sekundentakt unwiderruflich verloren geht. Das Durchlebte würde fortan nur noch als Erinnerung bestehen und wäre nicht in einer tatsächlich existierenden Vergangenheit bis in alle Ewigkeit archiviert.

Aristoteles geht im Zusammenhang damit davon aus, dass erst Veränderungen, oder in seinen Worten „Bewegungen“, den Eindruck einer Richtung von Zeit erzeugen: „Wir messen nicht nur die Bewegung mittels der Zeit, sondern auch mittels der Bewegung die Zeit und können dies, weil sich beide wechselseitig bestimmen“. Zeit wäre demzufolge bloß eine Abfolge von Bewegungen, also von Veränderungen, die aus dem von uns Erlebten resultieren.

Ob es sie nun wirklich gibt, die Zeit, oder nicht, ob sie nur als Gegenwart besteht oder tatsächlich in drei Dimensionen zerfällt; was uns jedenfalls bleibt sind die Entscheidungen über unser Leben. Letztlich sind sie es, die unsere Vorstellung von Zeit strukturieren – und nicht umgekehrt.

– Christina Geyer

VERANSTALTUNGSHINWEIS

Zeit ist auch das zentrale Thema der diesjährigen Bieler Philosophietage (15.-17.11.):

„Die Bieler Philosophietage 2013 beschäftigen sich mit dem grundlegenden Begriff ‚Zeit‘ in einer Zeit, die die Zeit nutzen will für das, was die Lebenszeit wertvoll macht. Doch von welchen Werten ist die Rede in der ‚gestundeten Zeit‘?“

Das detaillierte Programm kann hier eingesehen werden.

2 Kommentare

  1. „Zeitmangel“, „Zeitraub“, „Zeitmanagement“, „Zeitdruck“ usw., das sind die Schlagwörter unserer modernen Zeit. Es ist tatsächlich offensichtlich, dass sie uns an allen Ecken und Enden fehlt. Nichtsdestoweniger glaube ich aber, dass die Frage nach der objektiven Existenz der Zeit, ebenso wie jene nach ihrer Subjektabhängigkeit, mithin also eine ontologische oder erkenntnistheoretische Betrachtung derselben, für unser praktisches Leben von keinerlei Bedeutung ist. Selbst dann nämlich, wenn wir mit Kant darin übereinstimmten, dass es sich bei der Zeit nicht um eine objektive Größe handelt, sondern bloß um eine subjektive Form unserer Anschauungen, wäre für die Bewältigung unserer Zeitprobleme nichts gewonnen. Der Mensch ist und bleibt ein Kind der Zeit. Nicht notwendigerweise ein Kind seiner Zeit, aber notwendigerweise ein Kind der Zeit. Nicht nur in dem Sinn, dass wir zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten sind und bestimmte Dinge tun – das kommt zwar bisweilen vor und kann durchaus lebensbestimmend sein -, sondern in dem Sinn, dass unser Leben als Ganzes in ein aktuales, eindimensionales, sich in nur eine Richtung und unendlich weit erstreckendes, unumkehrbares Kontinuum eingebettet ist. Es umfasst Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und bildet mithin die Ordnung des Nacheinander. Auch wenn unser intuitives wie wissenschaftliches Verständnis der Zeit aus ontologischer und erkenntnistheoretischer Sicht alles andere als unproblematisch ist – in unserer Alltagswelt lässt sich die Kategorie ‘Zeit’ weder im Denken noch im Erleben überwinden. Um unseren Zeitproblemen zu begegnen bedarf es demnach andere Konzepte, denn jene der theoretischen Philosophie gehen ins Leere. Eines dieser Konzepte findet sich bei dem antiken Philosophen und Dichter Lucius Annaeus Seneca. In seiner berühmten Schrift zur Lebenskunst (De brevitate vitae) fordert er uns auf geizig zu sein: „Mögen auch die glänzenden Geister aller Zeiten über diese Tatsache in Übereinstimmung sein, so werden sie sich doch niemals genug wundern können über diese geistige Finsternis der Menschen. Ihre Landgüter lassen sie von niemand in Beschlag nehmen, und beim geringsten Streit über die Feldmark rennen sie nach Waffen; was aber ihr eigenes Leben betrifft, so lassen sie andere in dasselbe eingreifen; ja nicht genug damit, sie bemühen sich sogar darum, andere zu Herren und Besitzern ihres Lebens zu machen. Es findet sich keiner, der sein Geld austeilen möchte; sein Leben dagegen, unter wie viele verteilt es ein jeder! Ihr Vermögen zusammen zu halten, sind sie immer eifrig beflissen; handelt es sich aber um Zeitverlust, so zeigen sie sich als die größten Verschwender da, wo der Geiz die einzige Gelegenheit hat, in ehrbarer Gestalt aufzutreten.“ (in: Von der Kürze des Lebens, dtv, 2006)

    Bernd Waß, Philosoph, Academia Philosophia

  2. Das geistige Phänomen der Zeit (Kurzgeschichte)
    Disput unter Gleichgesinnten

    Tatsächlich bin ich tief beeindruckt von den profunden Gedanken, die während unserer Debatte von allen Seiten auf mich einstürzen. Seit ein paar Tagen schon drängt es mich mitzumachen, und doch bin ich ansatzweise überfordert, weil immer noch rekonvaleszent. Von einem gewissen Zeitpunkt an, fühlte ich mich aber dann derart gedrängt ebenfalls mitzutheoretisieren, dass ich nachgab.

    Eure Überlegungen zu dem überaus faszinierenden Thema Zeit haben mir ausnehmend gefallen. Was meiner Meinung nach allerdings völlig außer Acht gelassen wurde, ist die Tatsache, dass man die Zeit nicht so ausschließlich von der einen Seite, nämlich der körperlichen her sehen kann und darf.

    Natürlich ist die Zeit in unserer momentanen Existenz an die Materie gebunden und vergeht deshalb wohl auch unausweichlich linear. Allerdings ist sie sehr wohl auch ein geistiges Phänomen, so wie auch wir geistige Wesen sind.

    In unserem Geist sind wir durchaus in der Lage, die zeitliche Abfolge zu durchbrechen und in dem „Moment“, in dem wir unsere Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Ereignis richten, eben dort zu sein, genau das zu erleben – es gewissermaßen zu unserer Gegenwart zu machen. Unser eigentliches Ich, d.h. unser Geist ist nicht an Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gebunden – nur die materielle Form ist es – noch.

    Wem das nicht einleuchtet, der möge sich vergegenwärtigen, wie präsent und real die Erlebnisse eines Traumes sein können, und die dabei gehabten Gefühle sind durchaus die der Realität.

    Nachdem ich davon ausgehe, dass unser wahres Sein sich nicht ausschließlich auf Materie begrenzen lässt und unsere geistige Energie unendlich ist – schließlich ist es eine bekannte Tatsache, dass Energie nur die Form wandelt, aber nicht vergeht – kann ich auch davon ausgehen, dass die Zeit in der Form, in der sie sich uns als Geistwesen bietet, keineswegs derart begrenzt ist, wie sich das aus den gehabten Ausführungen zwangsläufig ergeben müsste.

    Man muss allerdings grundsätzlich bereit sein, die geistige Dimension der Zeit einerseits und die Möglichkeit der menschlichen Existenz als ausschließlich geistiges Wesen andererseits, anzuerkennen.

    Mit dieser Prämisse ist dann eigentlich ganz klar, was viele Menschen aus mangelnder Fantasie oder Angst nicht zu sehen vermögen: Die Zeit ist das fünfte Element, genauso real wie Erde, Feuer, Luft und Wasser.

    In der Vergangenheit hat man auch die Luft als „leer“ – gewissermaßen als nicht vorhanden angesehen. Warum sollten wir diesem Irrtum nicht ein zweites Mal anheimgefallen sein?

    Auch ist die Zeit keine Erfindung der Gegenwart, und wir dürfen nicht darauf bestehen, dass sie erst existiere, seit der Mensch in der Lage ist sie zu messen. Unsere missliche Lage in dieser Hinsicht beruht lediglich auf der Tatsache, dass wir Menschen sind – und noch nicht Gott.

    Wenn wir dereinst unser Ziel der Vervollkommnung und Heimkehr erreicht haben werden und aufgehen in der Allmacht, werden wir über das Sensorium Gottes, durch das er zu allen Zeiten und an allen Orten zugleich anwesend ist, verfügen.

    Die absolute Zeit, die scheinbar unbeeinflussbar und gleichmäßig seit je fortschreitet, ist für den Menschen nur deshalb noch nicht sinnlich wahrnehmbar, weil sie direktes Prädikat Gottes darstellt. Dadurch erst sind die relativen Maße der Zeit möglich, mit denen sich der durchschnittliche/religiöse Mensch zur Beschreibung seiner Welt zufriedengeben muss.

    Mit der Heimkehr in die Einheit jedoch, wird es möglich durch die Zeit zu reisen – in ihr, wie in dem spezifisch leichteren Element Luft zu „schwimmen“ und an jedem beliebigen Zeitpunkt aufzutauchen – um zu sein.

    Dass dem so sein wird, meine Freunde, möget ihr daraus ersehen, dass mein Kollege Albert Einstein, mit dem ich heute Nacht einen tiefgreifenden Diskurs hatte, Ähnliches in Betracht zieht, wenn er es auch zur Gänze falsch herleitet.

    Sir Isaac Newton

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