Der Wunsch, alles aufzubewahren

Benoît Peeters hat über den französischen Philosophen Jacques Derrida eine Biografie verfasst. In der Zeit schreibt Maximilian Probst dazu:

… Derrida, so Peeters gleich zu Beginn, sei ein Philosoph, der geradezu nach einer Biografie schreie. Derrida selbst bekannte den „verrückten Wunsch, alles aufzubewahren“ – und dass für ihn die Philosophie „immer im Dienst dieser autobiografischen Absicht des Erinnerns“ gestanden habe. Entsprechend zeigte er auch ein lebhaftes Interesse am Leben anderer Philosophen: „Wie“, fragte er einmal, „sah das Geschlechtsleben Hegels oder Heideggers aus?“

Der verrückte Wunsch, alles aufzubewahren – um sich seiner selbst gewiss zu sein? In der Hoffnung, unsterblich zu werden und der Nachwelt Greifbares zu hinterlassen – jenseits seines schriftlichen Werkes?

Was treibt Menschen überhaupt dazu, ihr Leben in Gegenständen festzuhalten? Die bloßen Erinnerungen genügen oft nicht. Es muss etwas Anschauliches her – ein Mitbringsel aus dem Urlaub, die ersten Schühchen der längst erwachsenen Tochter, die Glückwunschkarten zur Hochzeit. Doch was geschieht mit diesen Dingen? Sie stehen im Regal, liegen in einem Karton, sicher verwahrt, bis man stirbt. Und dann? In gewisser Weise sind viele Menschen immer „im Dienst dieser autobiografischen Absicht des Erinnerns“ unterwegs. Für die wenigsten wird allerdings nach ihrem Tod eine Biografie verfasst, die veröffentlicht und von aller Welt gelesen wird. Die meisten greifbaren und gedanklichen Erinnerungen verschwinden mit dem eigenen Leben.

Wer sich aber mit dem Werk eines Menschen auseinandersetzt, der tut gut daran, sich auch seinem Leben anzunähern, das sich nicht selten anhand dieser kleinen, aufgehobenen Dinge greifen lässt. Das Leben Derridas, so Probst, „erklärt keineswegs sein Werk. Aber beides, das lernt man bei Peeters, passt oft erstaunlich gut zusammen.“


Lektüre zu Derrida:

Benoît Peeters: Jacques Derrida: Eine Biografie
Thomas Vašek: Think différant (HOHE LUFT 3/2013)

– Katharina Burkhardt –