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Können Tiere denken?

Können Tiere denken? Mit dieser Frage beschäftigte sich Reinhard Brandt, Kant-Experte aus Marburg, in seinem Vortrag heute auf dem Philosophicum in Lech.

Brandt ist etwas erkältet (im Vordergrund Ulrich C. Schmeisser)

Tiere können nicht denken! Mit dieser Antwort auf seine eigene Frage widerspricht Brandt radikal dem „inklusiven Humanismus“, der derzeit in der Philosophie (und auch hier in Lech) angesagt ist. Um sie zu begründen, muss er zunächst erklären, was er unter Denken versteht. Er grenzt das Denken ab gegen psychologische Prozesse, die er auch Tieren zugesteht. Auch Tiere haben Wahrnehmungen, Gefühle, ein Bewusstsein – vielleicht sogar ein Selbstbewusstsein. Aber nur Menschen können mentale Operationen wie zum Beispiel logische Schlüsse durchführen. Tiere verstehen den Satz vom Widerspruch nicht, sie können nicht argumentieren, nicht urteilen.

Und was ist mit all den experimentellen Befunden, die Tieren eine Theory of mind und intentionale Zustände zugestehen? Das interpretieren wir in sie hinein, sagt Brandt, tatsächlich sind es unsere Theory of mind und unsere intentionalen Zustände. Sein Vortrag stieß auf beträchtlichen Widerspruch – und gerade deshalb war er der bisherige Höhepunkt des Philosophicums (soweit wir es mitbekommen haben). Endlich ein Referent, der den Mut hat, eine eigene These zu entwickeln und originell für sie zu argumentieren, statt nur Philologie vorzutragen.

Wer hat Anmerkungen dazu? Können Tiere denken oder nicht?

– Hugo Gomille

8 Kommentare

  1. Das ist richtig, aber das gilt auch für kleine Kinder und vielleicht auch für einige erwachsene Menschen, vermute ich. Das ist zwar noch kein Argument gegen Brandts These (zu der ich auch neige), aber hat er sich zu dieser Implikation geäußert?

    – dbH

    • Huch, da wurde das Zitat verschluckt. Ich bezog mich auf folgenden Satz: „Tiere verstehen den Satz vom Widerspruch nicht, sie können nicht argumentieren, nicht urteilen.“

    • Tobias sagt

      Ja, dieser Einwand kam auch in der Diskussion gegen Brandt. Er konnte ihn nicht recht entkräften. Als hätte der Mensch nicht denken können, bevor er den Satz vom Widerspruch formulierte.
      Mir scheint, er hat Denken halt gezielt so eng gefasst, dass der Mensch drinbleibt und die Tiere rausfliegen. Das hab ich ihm hinterher auch gesagt. Ja genau, hat er geantwortet.

  2. Die Frage ist nicht nur, ob Tiere denken können; es ist schon nicht sicher, dass sie sich überhaupt „erinnern“ können, und zwar so wie wir Menschen uns erinnern. Dazu müssten sie sich nämlich VORSTELLEN können, was sie erlebt haben!

    In konkreten Situationen etwas bloß WIEDERZUERKENNEN, ist nämlich eine ganz andere Gedächtnisleistung. Sie wird nur weithin zu wenig beachtet und thematisiert, obwohl sie so elementar ist wie das sog. „prozedurale“ oder „performative“ Gedächtnis für motorische Abläufe, die uns körperlich möglich sind, und die wir durch schlichte Wiederholung einüben und „automatisieren“ können.

    Erinnerungsleistungen sind der Sache nach „Imitation von Wahrnehmungen“ (nach Dirk Hartmann in „Philosophische Grundlagen der Psychologie“, 1998, S. 149 ). Als solche sind sie innerlich erbrachte oder genauer „im Kopf“ vollzogene Leistungen, wie es umgangssprachlich ganz richtig heißt. Sie können deswegen zusätzlich zu momentanen Wahrnehmungen und Handlungen erbracht werden oder gänzlich unabhängig von ihnen und sonstigen momentanen Gegebenheiten, also frei von z.B. Ort bzw. Raum und Zeit!

    Zur primären (um nicht zu sagen primitiven – beides von lat. ‚primus‘), elementaren oder grundlegenden Gedächtnisleistung des Wiedererkennens sind wir wie alle Träger eines Nervensystems von Geburt an fähig, wenn nicht schon früher und im Normalfall ein Leben lang. Dagegen entwickelt sich unser Vorstellungsvermögen in auffälliger Parallele zur Reifung unseres Frontalhirns erst später, bis es – spätestens bis zum Kindergartenalter – genügend ausgebildet ist. An Erlebnisse aus den Jahren davor können wir uns deswegen nicht erinnern, obwohl sie sich uns selbstverständlich bei ihrem Erleben auch eingeprägt haben. (Diesen Prägungsvorgang nutzen wir später gezielt beim „Lernen“, wenn wir ihn absichtlich wiederholen.)

    Colin McGinn hat in seiner großartigen und psychologisch bemerkenswert stimmigen Analyse „Mindsight“, dt. „Das geistige Auge – Von der Macht der Vorstellungskraft“ vor einigen Jahren gezeigt, zu was wir aufgrund unserer Vorstellungsfähigkeit und nur wegen ihr alles imstande sind. Davor hat 1976 schon der verstorbene Princeton-Psychologe Julian Jaynes in seiner über Freud weit hinaus gehenden und vor allem empirisch umfassend fundierten Studie zum „Ursprung des Bewusstseins“ plausibel gemacht, dass Spontanvorstellungen wie Erinnerungen, Einfälle, Träume, Visionen und Phantasien, also „Assoziationen“ aller Art die primären oder Grundelemente unseres „Geisteslebens“ darstellen.

    (Das ist meinem Eindruck nach weithin hinter seinen spekulativen Vorstellungen davon übersehen worden, wie sich diese – auch im präreflexiven Zustand von Kleinkindern jeweils immer wieder auch individuell – als erste erlebten geistigen „Erscheinungen“ prähistorisch und geistesgeschichtlich bemerkbar gemacht und ausgewirkt haben, bevor sie soweit beherrscht wurden, dass der kontrollierte „bewusste“ Umgang mit Vorstellungen bis hin zu einem umsichtigen Reflektieren darauf möglich wurde.)

    NB: Im oben stehendem Bericht sind sicherlich „psychische“ Prozesse gemeint und keine „psychologischen“ Prozeduren. Vor allem sollte Bewusstsein und Bewusstheit wegen ihrer Verschiedenheit konsequent unterschieden werden. Tiere zeigen zweifelsohne Bewusstheit in Form von Wachheit, Orientierungsfähigkeit und Reagibilität, einschließlich solcher Reaktionsweisen, wie wir sie u.a. in Form von „Gefühlen“ von uns selbst kennen. Ausschließlich Bewusstheit dieser Art zeigen auch Säuglinge und Kleinkinder, wenn sie nicht schlafen. So wenig wie bei diesen gibt es m.W. aber sichere Hinweise darauf, dass Tiere ein, „Erinnerungen“ und damit ein „Wissen“ einschließendes „Bewusstsein“ bis hin zu einem Selbstbewusstsein haben, dass ihnen ermöglicht, über momentane Wahrnehmungen hinaus auch noch „Lebenserfahrung“/en bei ihrem Reagieren zu berücksichtigen und zu nutzen. Dass Tiere sich nicht nur fühlen oder spüren, sondern sich in geeigneten Umständen (auch für andere erkennbar) selbst wiedererkennen können, beweist nicht, dass sie eine „innere“ Vorstellung von sich haben, sondern nur, dass sie auf der Grundlage eines ausreichenden Primärgedächtnisses gute Beobachter sind, was übrigens auch praktische Kombinationsleistungen bei Tieren und Kleinkindern ermöglicht und erklärt, für deren Erlernen bekanntlich einfaches Ausprobieren ausreicht.

  3. kptn blizz sagt

    Ob man Brandt Athropozentrismus in Reinform vorwerfen mag oder ihn zuerstmal auf die grob fahrlässige und generalisierende Unterscheidung zwischen „Mensch“ und „Tier“ hinweisen sollte, die zoologisch unhaltbar ist – die Frage ist doch: Was nützt uns eine solche Position? Was nützt sie uns im Umgang mit unserer Umwelt? Und ehrlich gesagt, so mutig und genuin ist seine These überhaupt nicht. Sie folg einer staubigen Tradition, die schon seit Aristoteles en vogue ist: In Ursula Wolfs Übersetzung der Nikomachischen Ethik behauptet Aristoteles beispielsweise, Tiere verfügen zwar über Wahrnehmung, haben jedoch keinen Anteil am Handeln (195/19-20). Ein, in der (bedauerlicherweise theologisch geprägten) Philosophie erwünschtes Konstrukt zur Antonymbildung, um den „Menschen“ als besonders („Krone der Schöpfung“) herauszustellen. Die Krähen aus Neukaledonien sollten uns heute eines besseren belehrt haben: http://rspb.royalsocietypublishing.org/content/early/2010/04/16/rspb.2010.0285.full

    • MiriAmMain sagt

      Sehr schön gesagt, ich gebe Ihnen absolut Recht.
      Ich würde sogar noch weiter gehen und behaupten, die gestellte Frage ist absolut irrelevant, da aus ihr 1. kein Hinweis auf unser Handeln folgt und 2. die Antwort, solange kein Tier mitdiskutiert, reine Spekulation bleiben muss.
      Wenn wir unser aktuelles Handeln gegenüber Tieren philosophisch anprangern, dann nicht, weil Tiere vermeintlich denken können, sondern weil sie nachweisbar fühlende Wesen sind, Das ist doch ein Ansatz, auf dem man einen Vortrag aufbauen könnte…!

  4. Anderstein sagt

    „Ja, Tiere können Denken.“ – „Nein, Tiere können nicht denken.“
    Mir gefällt die Art der Fragestellung nicht. Sollte man nicht besser fragen, „Auf welche Weise denken Tiere?“, und dabei den Begriff „Denken“ im weiten Sinne benutzen und nicht als Variable in der eigenen Plausibilitätsformel?
    Denken steht unbestritten mit den Prozessen in den Gehirnstrukturen im Zusammenhang. Und die Grundstruktur stimmt zumindest bei allen Säugetieren überein. Trotzdem sind wir erstaunt, wenn manche Arten Verhaltensweisen zeigen, die wir eigentlich nur dem Menschen eigen glaubten (Lügen, Kooperation, Zeichenbenutzung, etc.).
    Selbst die, die den Menschen noch immer als eine der Krone der Schöpfung ansehen, werden zugeben, dass sich das „menschliche“ Denken aus dem „tierischen“ Vor-denken (?) entwickelt haben muss.
    Es ist vielleicht sogar moralisch gerechter, die Frage so zu stellen. Der Glaube bzw. Nichtglaube an die Denkfähigkeit der „Tiere“ entscheidet bei allen, welchen Wert sie dem Leben des „Tiers“ geben. (Außer man ist generell vorurteilsfrei und urteilt unglaublich vorsichtig und unabhängig. Aber wer kann das schon von sich behaupten?)
    Dazu ein Gedankenexperiment: Durch Genmanipulation gibt man einem Schwein nachweislich die Fähigkeit zum Denken und höherer Kommunikation. Würde man es dann noch essen?

  5. Eine schöne Diskussion, die sich hier angesichts der radikalen These von Herrn Brandt entbrannt hat. Ich kann ihr übrigens aus philosophischer Sicht einiges abgewinnen. Allerdings: Entscheidend für die Debatte ist eine hinreichend klare Verständigung darüber, was genau man unter dem Ausdruck ‚Denken‘ verstehen will. Fällt unter den Ausdruck, wie von Herrn Brandt vorgelegt, eine Reihe von Fähigkeiten, wie die des logischen Schließens, des Argumentierens oder Urteilens, so dürfte einsichtig sein, dass Tiere in diesem engen Sinn nicht denken können. Weniger jedoch, ob des fehlenden Verständnisses des Satzes vom Widerspruch als vielmehr ob der fehlenden Wortsprache. Logisches Schließen, Argumentieren und Urteilen ist ohne Wortsprache nicht möglich, denn es vollzieht sich überhaupt erst dadurch, dass wir in der Lage sind Begriffe auf Gegenstände anzuwenden und zwischen Begriffen einerseits und Urteilen andererseits Beziehungen herzustellen. Dass Denken und Sprache weithin eine Einheit bilden, darauf hat bereits Wilhelm von Humboldt nachdrücklich hingewiesen. Manche Tiere verfügen zwar über Zeichensysteme, doch über ein Zeichensystem, das auch nur annähernd die Komplexität der Wortsprache erreicht, verfügen sie allem Anschein nach nicht. Insofern können Tiere nicht denken. Aber auch neugeborene Kinder können in diesem engen Sinn nicht denken, denn auch sie verfügen ja noch nicht über eine Wortsprache. Dass Tiere in der Lage sind intentionale Zustände auszubilden, spricht außerdem nicht gegen die These Brandts. Intentionale Zustände sind nämlich eine notwendige aber keine hinreichende Bedingung, um denken zu können. (Wie von Herrn Kittel diskutiert dürfte nämlich auch eine bestimmte Art des Erinnerungsvermögens notwendig sein, um denken zu können. Dieser Auffassung würden auch Locke, Hume und Kant zustimmen. Sie alle gehen davon aus, dass unser Denkvermögen bzw. unsere Verstandestätigkeit nicht ohne Erinnerungsvermögen auskommt)

    Will man nun unter dem Ausdruck ‚Denken‘ etwas anderes verstehen, so ist es freilich ein leichtes gegen die These Brandts zu argumentieren. Man macht es sich aber zu einfach, wenn man hierfür die Intension des Ausdrucks ‚Denken‘ beliebig erweitert. Man muss schon zeigen, dass eine solche Erweiterung oder Abänderung theoretisch (also logisch) sinnvoll ist, um das Phänomen »einzufangen«.

    Beste Grüße
    Bernd Waß, Academia Philosophia

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