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(K)eine Frage der Ehre

Ein Schmähvideo über den Propheten Mohammed hat einen neuen Keil zwischen die westliche und die islamische Welt getrieben. Die Beleidigung des Propheten Mohammed veranlasst Muslime zu Demonstrationen und Gewalt, die mit dem Tod mehrerer Menschen endete. Auf der westlichen Seite herrscht Bestürzung und Unverständnis über die drastischen Folgen einer Beleidigung.

Der Konflikt dreht sich scheinbar um die verletzte Ehre der Muslime. Radikale Imame wie Abdul Aziz Ghazi rufen zur Gewalt gegen die USA auf, um die Ehre der Muslime wiederherzustellen. Westliche Politiker hingegen denken über ein Verbot des Videos nach, weil es die Ehre der Muslime verletzt. Doch was ist das überhaupt, die Ehre?

Der Frankfurter Philosoph Axel Honneth definiert Ehre als ein affirmatives Selbstverständnis, verbunden mit individueller Besonderheit. Ein Angriff auf die Ehre ist ein Angriff auf den Kern meines Selbst – auf das, was mich als Individuum ausmacht und worauf ich stolz bin. Eine Beleidigung meiner Familie kann meine Ehre also genauso verletzen, wie die Infragestellung meiner Fahrkünste, wenn ich mich für einen ausgezeichneten Autofahrer halte. In den ärmeren Teilen der islamischen Welt ist jedoch oft vor allem der eigene Glaube identitätsstiftend. Auf ihn ist man stolz, besonders wenn man sonst nicht viel besitzt.

Aber sollte man das Video verbieten, weil sich Menschen in ihrer Ehre verletzt fühlen? Eindeutig nicht. Denn Ehre ist vor allem etwas Zufälliges: da sie mit einer individuellen Vorstellung von sich selbst verbunden ist, kann sie auch alles zum Inhalt haben. Das Verbot ließe sich beliebig ausweiten, wenn es auf einer verletzten Ehre basierte. Je nachdem wer sich gerade in seinem Selbstbild angegriffen fühlt, könnte sich auf dieses Verbot berufen – egal ob Muslime, Politiker oder Autofahrer. Andersherum lässt sich die Gewalt nicht mit dem Verweis auf eine verletzte Ehre rechtfertigen. Wer in ihr den Grund für Gewalt sieht, verlegt die Gründe seiner Gewalt in den Raum des Zufälligen.

Ehre eignet sich also nicht zur Argumentation für ein Verbot des Videos (und für Gewalt erst recht nicht). Die Diskussion um diesen Schund muss vielmehr mit Begriffen wie Verantwortung und Freiheit geführt werden. Nur, wenn man die Ehre aus dem Diskurs ausschließt, kann er vielleicht etwas zur Schlichtung dieses komplexen Konfliktes beitragen.

– Robin Droemer

5 Kommentare

  1. „Verletzte Ehre“ wurde und wird in Gesellschaften/Kulturkreisen, in denen das Ansehen eines familiären, ethnischen oder religiösen Kollektivs über das Wertesystem des Individualismus gestellt wird, unter offener Missachtung rechtsstaatlicher Prinzipien ( Gewaltmonopol des Staates ) auf gewaltsame Weise „wiederhergestellt“ (vgl. Rache , Duell , Ehrenmord ).

  2. danielk sagt

    Ich meine, der Begriff „Ehre“ wird in der Diskussion um das Mohammedvideo wie auch im Rahmen des übrigen westlichen Verständnis nichtwestlicher Kulturen, also Kulturen, die die Renaissance und den Humanismus nicht durchlaufen haben, inflationär und als stereotyper Behelfsbegriff verwendet. Der Autor stellt ganz richtig fest, dass die Debatte sich um Freiheit und Verantwortung drehen sollte, nur werden diese Begriffe in verschiedenen Kulturkreisen anders gedacht. Verantwortung kann nämlich auch heißen, ein religiöses Fundament einer Gesellschaft da zu achten, wo a) das sozialstaatliche fehlt und b) die Konfliktkultur eine vollkommen andere (keine bessere/schlechtere!) ist. Es ist also unsere Verantwortung, für die Kurzsichtigkeit anderer Individuen aus unserer Mitte aufzukommen, indem zumindest nicht pauschal abgelehnt wird, es der Öffentlichkeit v orzuenthalten.

  3. Im Fall der von ihrem Ex-Ehemann Kazim Mahmud Raschid auf offener Straße in München lebendig verbrannten 24-jährigen Sazan Bajez-Abdullah wurden Verstöße gegen das seit einem Jahr bestehende Kontaktverbot erst nach der Gewalttat geahndet. Das Verwaltungsgericht München musste aufgrund der Gesetzeslage einen Antrag der Asylbewerberin auf Prozesskostenhilfe postum ablehnen, weil „Gefährdungen wegen Familienehre“ lediglich „Probleme [seien], die in den allgemeinen Regeln des Iraks und den gesellschaftlichen Gepflogenheiten und religiösen Normen wurzeln“.

  4. Bei dem Versuch, eine neue Physik zu begründen, die sich wieder auf ihren Ursprung besinnt und die Frage nach dem Warum mit einschließt, gibt das Buch „Urzeugung des Universums“ Antworten auf die Fragen: Was ist Gravitation? Was ist dunkle Materie? Wie entsteht dunkle Energie? Welche realistischere Alternative gibt es zur Urknall-Theorie? Warum bewegen sich unsere Planeten immer langsamer, je weiter sie von der Sonne entfernt sind? Aber warum trifft diese Aussage nicht für unsere Galaxie zu? Warum kommt es zu einer Unschärferelation? Worin besteht der große Irrtum A. Einsteins? Wie bewegt sich das Licht wirklich? Was ist an der neuen Quantenphysik falsch? Dieses Buch sollte jeder Physiker, Philosoph und naturwissenschaftlich interessierte Mensch lesen.

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