Radikale Dummheit

Ist Hass gerade wirklich das große Problem? HOHE LUFT-Chefredakteur Thomas Vašek meint, es könnte auch die Dummheit, insbesondere die radikale Dummheit, sein, die den Populismus befeuert und die Demokratie bedroht. 

Im Zusammenhang mit der Populismus-Debatte bemerkte der Politikwissenschaftler Herfried Münkler neulich auf Deutschlandradio Kultur , große Teile der Bevölkerung seien einfach »dumm«. Man mag diesem Urteil zustimmen oder es als Ausdruck elitärer Arroganz abtun. Philosophisch wäre zunächst einmal zu klären, was der Begriff »dumm« überhaupt bedeutet, was eine »dumme Person« ausmacht – und inwiefern Dummheit ein Problem für die Demokratie und die Gesellschaft überhaupt ist.

Über Klugheit und Vernunft haben die Philosophen stets viel geschrieben. Das Wesen der Dummheit hingegen wurde kaum je bedacht. Wenn wir Münklers Einlassung ernstnehmen, dann ist das ein schwerwiegendes Versäumnis. Es wird Zeit, dass wir das Phänomen der Dummheit ernstnehmen.

Unter dem Begriff »dumm« verstehen wir gemeinhin »unintelligent«, »unwissend« oder »minderbegabt«. Doch diese Bestimmungen sind nicht wirklich befriedigend. Auch weniger intelligente oder begabte Menschen können sich schließlich informieren und bilden, um schlauer zu werden. Umgekehrt können hochintelligente, gebildete Personen derart borniert und von Ressentiments geleitet sein, dass sie zu keinem vernünftigen Urteil mehr imstande sind. Selbst ein »Philosoph« kann, so betrachtet, ein »Vollpfosten« sein.

Kant bestimmte die Dummheit einmal als einen »Mangel an Urteilskraft», dem nicht abzuhelfen sei. Wirklich dumm ist also nur jemand, der an seiner Beschränktheit nichts ändern kann oder will. Nun kann jemand in diesem Sinne ein wirklicher Dummkopf sein, ohne mit seiner Dummheit allzu großen Schaden anzurichten.

Das wird dann der Fall sein, wenn er sich seiner eigenen Beschränktheit zumindest irgendwie bewusst ist und etwa auf andere, die klüger sind als er selbst, hört oder sie wenigstens respektiert. Aber es gibt auch Menschen, die selbst dafür zu dumm sind. Ich möchte dafür den Begriff des »radikal Dummen« vorschlagen.

Das »radikal Dumme« hat eine gewisse Ähnlichkeit mit Kants Begriff des „radikal Bösen“. Der radikal Böse ist nicht willens oder fähig, sich an moralische Prinzipien zu binden; Kant spricht von einer »Verkehrtheit des Herzens«. Der radikal Dumme hingegen, so könnte man sagen, kann oder will sich nicht an elementare Prinzipien der Rationalität binden. Eine solche Person mag intelligent und gebildet sein. Doch weder gehen ihre Urteile aus Überlegung hervor, noch ist sie willens oder in der Lage, angemessen auf Gründe zu reagieren. Man könnte von einer »Verkehrtheit des Verstandes« sprechen.

Der radikal Dumme nimmt Fakten nicht zur Kenntnis, er unterliegt seinen Vorurteilen und Ressentiments. Er macht sich die Welt einfach so, wie es ihm gefällt. Der radikal Dumme zeichnet sich nicht bloß dadurch aus, dass er nichts weiß. Vielmehr glaubt er auch noch, dass er schlauer ist als die anderen. Das macht radikale Dummheit so gefährlich.

Ein einzelner radikaler Dummkopf kann eine Nervensäge sein. Radikal dumme Massen sind eine Bedrohung. Der Schriftsteller Robert Musil hat in einem Vortrag im Jahr 1937 von einem »Superioritätsgefühl« gesprochen, das die Dummheit dort verleihe, wo der Mensch „im Schutz der Partei, Nation, Sekte oder Kunstrichtung auftritt und »Wir« statt »Ich« sagen darf.“

Jede Demokratie baut auf das Urteilsvermögen ihrer Bürger. Zwar sind in keiner Gesellschaft alle gleichermaßen klug und gebildet. Aber die Demokratie muss unterstellen, dass Bürger wenigstens irgendwie in der Lage sind zu beurteilen, was gut für sie ist und was nicht. Genau deshalb ist radikale Dummheit ein Problem für die Demokratie.

Die Affinität zwischen radikaler Dummheit und Populismus ist nicht zu übersehen. Der Populist glaubt, dass er und nur er für das Volk spricht. Der radikal Dumme hingegen ist überzeugt, dass er und nur er weiß, was wirklich der Fall ist. Insofern ist er genauso tendenziell Antidemokrat wie der Populist. Es könnte sogar sein, dass Populismus letztlich eine Erscheinungsform radikaler Dummheit ist.

Das alles heißt nicht, dass man gegen radikale Dummheit nichts tun kann. Dass man radikal dumme Menschen womöglich abschreiben muss. Aber es steht zu befürchten, dass es Menschen gibt, die der Anspruch der Vernunft tatsächlich nicht erreicht. Gleichwohl muss man es weiter versuchen. Wer weiterhin Demokratie will, darf radikale Dummheit nicht einfach hinnehmen.

Bei allem Verständnis für die angeblich »Abgehängten«: Es ist notwendig, das radikal Dumme als solches zu benennen. Denn es ist nicht allein der Hass, der den Rechtspopulismus befeuert. Das radikal Böse ist vom radikal Dummen womöglich nicht zu trennen.