Na logisch! Die Derailment-Taktiken, Teil 2

Daniel-Pascal Zorn schreibt in seiner Kolumne Na logisch! über Logik, Rhetorik und Argumentationstheorie. Heute erscheint die 20. und letzte Folge: Die Derailment-Taktiken, Teil 2

In der vorangegangenen Folge dieser Kolumne habe ich mich mit formalen Formen des ‚Entgleisens‘ bzw. des ‚Entgleisenlassens‘ von Diskussionen beschäftigt: Ablenkung und Antwortdiktat versuchen sich vor allem der Art und Weise der Gesprächsführung zu bemächtigen. Das Verschieben des Torpfostens und die Autoritätssimulation versuchen den Inhalt zugunsten der eigenen Sichtweise von vornherein festzulegen oder zu verändern. Die Ironisierung versucht wiederum, die Rechtfertigungspflicht für die eigenen Aussagen willkürlich festzulegen. Was man nicht ernst gemeint hat, muss man auch nicht rechtfertigen – so versucht man den rhetorischen Aspekt der Rede auszunutzen, selbst wenn der logische Aspekt nicht relevant wird.

Eine ganz ähnliche Strategie lässt sich bei personalen Formen des Derailments beobachten. Anstatt sich auf das Argument zu beziehen, versuchen sie, die Glaubwürdigkeit des Argumentierenden zu erschüttern. Weil sie sich dabei auf die Person des Gesprächspartners beziehen müssen, heißen sie auch Argumente ad personam, lat. für „(mit Bezug) auf die Person“ oder Argumente ad hominem, „(mit Bezug) auf den Menschen“.

Die Glaubwürdigkeit einer Person kann man nun auf verschiedene Weisen erschüttern. Man kann es bei Andeutungen belassen, die darauf hindeuten, dass das Gegenüber generell unsauber argumentiert. Oder man kann den Betroffenen frontal angreifen. Tut man Letzteres, funktioniert der persönliche Angriff nicht nur als Diffamierung oder Herabsetzung in der Öffentlichkeit. In der Form direkter Konfrontation kann ein solcher Angriff auch und insbesondere dazu dienen, das Gegenüber einzuschüchtern. Und wer sich bloßer Provokation und Polemik bedient, der kann sich sicher sein: „Semper aliquid haeret“, es bleibt immer etwas hängen.

Beispiele dafür muss man nicht erst in einschlägigen Ganovenfilmen suchen. Sie finden sich in alltäglichen Situationen: Der Schulschläger auf dem Pausenhof, dem die Jacke nicht gefällt, die man trägt; der übergriffige Chef mit einem Hang zur Erpressung seiner Mitarbeiter; die Agentur-Mitarbeiterin, die ihre zeitweilige Machtstellung ausnutzt, um ein Exempel zu statuieren – sie alle nutzen die Herabwürdigung ihres Gegenübers, um die soziale Hackordnung nach ihren Vorstellungen zu etablieren.

Die Verabsolutierung der eigenen Norm macht blind dafür, dass die anderen nur fordern, was man selbst in Anspruch nimmt.

Wer den Ausschluss anderer zur Norm erklärt, für den bedeuten die Ansprüche der Ausgeschlossenen die Infragestellung dieser Norm. Und so werden die, die sowieso bereits unter sozialen Repressionen zu leiden haben, zu bevorzugten Adressaten von Herabwürdigungen. Die Verabsolutierung der eigenen Norm verbindet sich dabei regelmäßig mit dem falschen Schluss, dass die Infragestellung dieser Verabsolutierung dasselbe ist wie die Infragestellung der Norm selbst.

So wird aus dem Anspruch auf Gleichberechtigung seitens einer Minderheit die Unterstellung, diese Minderheit wolle ihrerseits ihre Norm verabsolutieren: Aus dem Anspruch auf Gleichberechtigung, z. B. von Homosexuellen, wird der Anspruch einer „Verschwulung der Gesellschaft“. Aus dem Anspruch eines reflexiven Liberalismus, dass jeder sich selbst frei bestimmen können soll, wird der Anspruch, dass keiner mehr traditionelle Werte vertreten darf. Die Verabsolutierung der eigenen Norm macht blind dafür, dass die anderen nur fordern, was man selbst in Anspruch nimmt. Umgekehrt ist nicht jede traditionelle Weltanschauung gleich deswegen faktisch diskriminierend, weil jemand sie für sich selbst vertritt. Eine Meinung zu haben und Geltung für diese Meinung zu beanspruchen ist nicht dasselbe.

Die Verwechslung dieser beiden Ebenen führt regelmäßig dazu, dass statt Argumenten nur noch Herabwürdigungen ausgetauscht werden. Jeder wird dann zur Bedrohung des jeweils Anderen; der Andere wird, als Fremder, zur Bedrohung des Eigenen. Der Krieg aller gegen alle eskaliert aus sich selbst heraus und richtet jede konstruktive Funktion des öffentlichen Gesprächs aller mit allen zugrunde.

Betrachtet man die Dynamik der persönlichen Angriffe im Einzelnen, dann fällt allerdings auf, das auch sie den Systemfehler der Derailment-Taktiken aus dem ersten Teil teilen: Sie müssen das Gespräch einsetzen, um die Unmöglichkeit jedes Gesprächs zu behaupten. Sie müssen das Gegenüber adressieren, um es zu etwas zu machen, das man überhaupt nicht adressieren kann oder will. Weil ihr Gegenüber erkennbar kein Tier ist, weder ein Schwein, noch eine Kakerlake, weil es erkennbar verständlich und vernünftig argumentiert und offenbar nicht zusammenhangloses oder wirres Zeug daherredet, muss man diese Zuschreibung ständig wiederholen.

Nur in dieser ständigen Wiederholung lässt sich die – für sich genommen vollkommen absurde – Zuschreibung aufrechterhalten. Nur in der ständigen Wiederholung kann man auch sich selbst als jemand erscheinen, der allein in der Logik dieser Zuschreibung über seinem Gegenüber steht. Die Achillesferse der polemischen Gesprächshaltung ist ihr Exzess. Ihrer Überzeugung, dass ihre Meinung schon gilt, weil sie sie äußern kann, steht der Umstand gegenüber, dass sich diese Überzeugung nur erhalten kann, solange sie sie äußert. Der selbstgeschaffene Schein der eigenen Autorität und Überlegenheit über andere schwindet sofort, wenn er nicht durch ständige Wiederholung aufrechterhalten wird.

Entsprechend vielgestaltig sind die Möglichkeiten der Invektiven, der Diffamierungen und persönlichen Herabwürdigungen oder Delegitimierungen. Weil hier vor allem Vorstellungen von der Funktionsweise der sozialen Hackordnung eine Rolle spielen, ist ihr Einsatz aber zugleich verräterisch. Auch können bestimmte idiomatische Formulierungen darauf hinweisen, dass man nur einen bestimmten Diskurs nachahmt. So sagen Häufigkeit, Inhalt und der Vergleich dieses Inhalts mit bestehenden Auseinandersetzungen oft wesentlich mehr über denjenigen aus, der sie einsetzt als über den, der durch sie getroffen werden soll.

Dinge werden unterstellt – um genau diese Dinge dem, dem man sie unterstellt, zum Vorwurf zu machen.

Zu den persönlichen Angriffen zählt streng genommen alles, was in der Diskussion unbegründet Behauptungen über die Person aufstellt, anstatt auf ihr Argument einzugehen. Das reicht von Vergleichen aller Art – mit Tieren, leblosen Gegenständen oder Körperöffnungen – über das pauschale Absprechen intellektueller Leistungsfähigkeit bis hin zu zum Teil sehr voraussetzungsreichen oder komplizierten Beschreibungen.

Beliebt sind dabei Versuche, die soziale Anerkennung gewissermaßen als ‚Bande‘ des eigenen Geltungsanspruches zu nutzen. Dabei können verschiedene autoritäre Verhältnisse eine Rolle spielen: Pathologisierungen etablieren ein ‚Arzt-Patient‘-Verhältnis und versuchen dem Gegenüber eine psychische Krankheit oder Störung anzuhängen. Infantilisierungen nutzen die Differenz ‚Erwachsener/Lehrer/Elternteil versus Kind/Schüler‘, um sich selbst ins Recht zu setzen und dem Anderen die Urteilskraft abzusprechen. Emotionalisierungen unterstellen alle möglichen emotionalen Zustände, um daraus die eigene Rechtfertigung abzuleiten, dem Gegenüber jede Fähigkeit zum klaren Denken abzusprechen. Dinge werden unterstellt – um genau diese Dinge dem, dem man sie unterstellt, zum Vorwurf zu machen.

Solche autoritären Verhältnisse sollen eine klare, unüberbrückbare Differenz herstellen, die dem Gegenüber zum Nachteil gereicht. Menschen ohne formale Bildung werden als ungebildete und unzivilisierte Trottel dargestellt. Menschen mit Abitur oder Universitätsabschluss als weltabgehobene Besserwisser oder Selbstdarsteller. Studenten sind unfähig, praktische Aufgaben zu erfüllen. Pragmatiker folgen stumpf einer uralten Theorie, die keiner mehr ernstnimmt außer ihnen. Frauen sind grundsätzlich dümmer als Männer. Männer wiederum sind grundsätzlich primitiver als Frauen. Wer das für Tatsachen hält, sieht keine Beleidigung, sondern eine Beschreibung. Wer einer Beleidigung angeklagt wird, setzt sich gegen einen Angriff zur Wehr. Und die nächste Runde beginnt.

Die Frontstellung der persönlichen Angriffe reicht durch alle Klischees hindurch. Die einen machen diese Tatsache zu einer ‚Hassrede‘ und unterstellen damit pauschal eine emotionale Motivation. Die anderen jubeln sie zu einer übertriebenen Klage hoch, um sich dann über diese Übertreibung lustig zu machen. Der polemische Diskurs neigt dazu, sich selbst zu verabsolutieren. Er tönt von der eigenen Macht, während er ohne Unterlass damit beschäftigt ist, sie zu behaupten. Ein logisches Perpetuum mobile, das unbedingt nötig hat, was es behauptet, immer schon zu besitzen.

Der rhetorische Krieg aller gegen alle wird geprobt – vor allem im Internet, aber auch auf der Straße und in einschlägigen Magazinen. Er erschreckt uns mit immer neuen Formulierungen, die wir als ‚Tabubrüche‘ erfahren, für die er sich selbst feiert. Das sollte uns zu denken geben. Die Begeisterung, die Häme darüber, dass die Provokation funktioniert, dass die Polemik getroffen hat, zeigt in ihrer Zwanghaftigkeit an, wodurch das Getrolle der Polemiker und Provokateure hauptsächlich angetrieben wird: Durch unsere Reaktion. Mittlerweile ist es keine Option mehr, nicht zu reagieren – längst haben sie polemische Narrative des Verschweigens und Lügens unmöglich gemacht. Wir sollten uns also überlegen, ob Empörung wirklich die einzige Form der Reaktion ist, die uns im Diskurs zur Verfügung steht.

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Mit dieser Erinnerung endet diese Kolumne nach ziemlich genau einem Jahr. Sie hat in den vergangenen zwanzig Folgen versucht, ein paar der Strategien sichtbar zu machen, mit denen wir uns selbst und andere täuschen können. Dabei ging es weder um Denkstrukturen, die irgendwo in unserem Kopf oder Gehirn verbaut sind. Es ging auch nicht um eine abstrakte Vorstellung von Logik, die als formales Beweisspiel eine Norm für Argumentationen festzulegen versucht. In dieser Kolumne ging es stattdessen um eine beschreibende Logik, die also tatsächliche Redesituationen und den tatsächlichen Gebrauch von Argumenten in den Blick nimmt und beschreibt.

Voraussetzung für diese Beschreibung ist das Gespräch, das wir miteinander führen. Dieses Gespräch – nicht eine abstrakte Ethik der Kommunikationssituationen oder der Vorstellung eines idealen Diskurses – bindet uns ein in eine Teilhabe an dieses, in eine Gemeinschaft in diesem Gespräch. Es ist diese Gemeinschaft, die ein Maßstab dafür ist, was wir in unserer Rede gerechtfertigt in Anspruch nehmen können und was nicht. Wir selbst sind diejenigen, die diesen Maßstab herstellen, sobald wir zur Rede anheben. Diese Rede endet hier – bei ihrem Leser geht sie weiter.