Was ist Flucht? Von der Realität und Aggression der Bilder

In diesen Tagen scheint es nur ein einziges Thema zu geben: Flucht. Es vergeht kein Tag, an dem uns die Medien nicht über die Schicksale unzähliger Unbekannter informieren, Menschen aus Syrien, Eriträa oder dem Kosovo, die zu Tausenden Zugang zum sicheren Europa suchen. Wir hören und lesen nicht nur, was derzeit passiert – wir sehen es auch. Welchen Stellenwert hat das, was wir da sehen? Müssen wir uns damit konfrontieren oder dürfen wir einfach wegschauen? Wie sollen wir mit der Bilderflut umgehen?

Fotos von Flucht und Flüchtlingen sind zur Zeit allgegenwärtig. Man sieht Menschen auf Schlauchbooten, in Bahnhöfen und Zügen, in Auffanglagern, an Grenzzäunen. Die Fotos bewegen und rühren uns, sie machen uns betroffen. Aber sie tun noch mehr. Sie bannen uns. Sie üben auf eigentümliche Weise Gewalt auf uns aus.

Nehmen wir das umstrittene Foto der toten Flüchtlinge, die kürzlich in einem abgestellten Laster in der Nähe von Wien gefunden wurden. Die Wiener „Kronen-Zeitung“ hatte das Foto veröffentlicht, und danach auch „Bild“. Das Foto zeigt einen Blick ins Innere des LKWs; auf der Ladefläche aneinanderkauernde Männer in Freizeitkleidung, an der Innenseite der offenen Türflügels Spuren einer dunklen Flüssigkeit. Was man nicht sieht, sind die Gesichter der Menschen.

Ein ganz anderes, scheinbar unkontroverses Foto, publiziert unter anderem von der »Süddeutschen Zeitung“, zeigt zwei Männer, eine Frau und zwei Kinder, die im Begriff sind, unter einem Stacheldrahtzahn hindurchzukriechen.

Auf einem dritten Bild sieht man einen kleinen Jungen vollständig bekleidet und durchnässt an einem Sandstrand liegen. Sein Kopf, dem offenen Meer zugewandt, ruht an der Wellenkante, als würde er schlafen. Das Foto des toten Jungen ging innerhalb eines Tages um die Welt. Als Philosophiezeitschrift sind wir der Auffassung, dass wir die Pflicht haben, dieses Bild zu veröffentlichen und dazu Position zu beziehen.

So unterschiedlich diese Bilder sein mögen, sie alle haben etwas gemein. Alle drei sagen weder die Wahrheit, noch lügen sie. Bilder sind keine sprachlichen Gebilde, sie haben keinen begrifflichen Gehalt. Doch eben dieses Un-Begreifbare überwältigt uns. Laut dem Kunsthistoriker Horst Bredekamp konstituieren Bilder Wirklichkeit. Wir glauben, es geht um noch mehr.

Die Realität des Fotos zwingt uns zu einer Reaktion, zu einem Urteil: Von „Wie schrecklich“ über „Die armen Menschen“ bis hin zu „Das darf nicht mehr passieren“. In jedem Foto verbindet sich das Motiv mit einer visuellen, begriffslosen Didaktik. Es belehrt uns über die Wirklichkeit, indem es einen bestimmten Ausschnitt zeigt, der wiederum eine bestimmte Realität konstituiert, zu der wir uns verhalten müssen.

Das Bild der toten Flüchtlinge im Laster ist nun real, ob wir seine Veröffentlichung ethisch billigen oder nicht. Wie das Foto der Flüchtlinge am Stacheldraht und jenes des Kinderleichnams reduziert es die Komplexität der Flüchtlingssituation auf ein unsprachliches, imperativisches: „So ist es!“Die drei Fotos sind exemplarisch für alle Bilder, die tagtäglich unseren Alltag fluten. Diese Bilder belehren uns, was Flucht ist.

Flucht ist gesichtsloser Tod. Flucht sind angstvolle, weinende Gesichter. Flucht ist ein lebloses Kind. Die Fotos behelligen uns in aggressiver Weise. Sie drängen uns ihre Sicht der Dinge auf…und schon folgen weitere. Je mehr Bilder auf uns einströmen, desto größer wird die Gefahr, dass sie die Bilder substituieren, die als Ergebnis eines Reflexionsprozesses in unserem Kopf entstehen.

Zugleich substituiert die Bilderflut die Begriffe, die nötig sind, um überhaupt vernünftig urteilen zu können. Ein einziges Bild – das Foto eines toten Kindes – kann zum Handeln veranlassen. Eine Überfülle von Bildern aber lähmt unser Denken. Daraus folgt jedoch nicht, dass wir unsere Augen vor der Allgegenwärtigkeit der Bilder verschließen sollen – wir können es auch gar nicht.

Fotos sind wirklich. Wir müssen die Realität der Bilder in ihrer schieren Quantität ernst nehmen, sie auf uns wirken lassen, uns von ihnen Gewalt antun lassen. Aber wir brauchen Begriffe, Sprache, Texte, um der bildlichen Aggression zu widerstehen. Wir brauchen sachliche Reflexion inmitten der Bilderflut.Wir brauchen die Philosophie. Damit wir unsere Passivität loswerden. Damit wir anfangen können, uns wie vernünftige Menschen zu benehmen. Um das eine Bild aus der Masse der vielen heraus zu sondern, das uns motiviert zu handeln. Zu helfen.

Rebekka Reinhard, Thomas Vašek