Der amerikanische Wahlkampf und die Philosophie

Der amerikanischen Wahlkampf ist keine sonderlich philosophische Veranstaltung. Es geht eher um »legitimate rape«, manchmal auch um »race«, und das selten in Bedachtsamkeit. Dennoch spielt eine Philosophin eine wichtige Rolle in diesem Wahlkampf: Ayn Rand (1905-1982). Paul Ryan, der Vizepräsidentschaftskandidat der Republikaner, beruft sich seit Jahren immer wieder auf Rand – was ihm jetzt heftige Kritik von seinen Gegnern einbringt. Wofür steht Ayn Rand, und woher kommt ihr politischer Einfluss?

Ein seltsamer Gegensatz: In der europäischen Philosophie spielt der Name Ayn Rand kaum eine Rolle. Auch in der amerikanischen akademischen Philosophie wird sie kaum wahrgenommen. Und gleichzeitig erklärte eine Untersuchung der Library of Congress den Roman Atlas Shrugged der russisch-stämmigen Philosophin und Schriftstellerin zweit-einflussreichsten Buch der USA – gleich nach der Bibel. Es gibt so viele Stiftungen und Institute zur Förderung und Verbreitung ihrer Philosophie, dass man sie kaum überblicken kann, und sie können sich kaum retten vor Spenden. Dahinter steckt nicht die pure Liebe zur Weisheit. Rands Philosophie ist eine Philosophie der Gewinner des Kapitalismus.

Ayn Rand1

Ayn Rand im Jahr 1957

Rands erste und einzige Liebe war, in ihren eigenen Worten, »die Erschaffung einer Welt, die die Perfektion des Menschen repräsentiert«. Und das bedeutete für sie:

Ich bin vor allem die Schöpferin eines neuen moralischen Codex, der bisher für unmöglich gehalten wurde, nämlich einer Moral, die nicht auf einem Glauben, einer beliebigen Laune, einem Gefühl, einem beliebigen Erlass beruht, nicht auf Mystischem oder Sozialem, sondern auf dem Verstand. Eine Moral, die mittels der Logik abgeleitet werden kann, die als wahr und notwendig bewiesen werden kann.

Und diese Logik geht so: Das Leben ist ein Kampf ums Überleben, den der Mensch nur gewinnen kann, wenn er strikt seinen eigenen Interessen folgt. Sein Wegweiser dabei ist sein Verstand, ihm und nur ihm hat er zu folgen. Moral, Verstand, Eigennutz – alles eins für Rand. Aus diesem Fundament zog sie – streng logisch, wie sie fand – erstaunlich konkrete Folgerungen: möglichst wenig Staat, kein Mindestlohn, keine Steuern. Der Staat hat nur noch die Aufgabe, die Einhaltung von Verträgen zu überwachen. Ein Paradies für Kapitalisten. Und das alles aus purer Logik! »Objektivismus« nannte Rand ihre Philosophie. Wer sie nicht teilt, ist aus ihrer Sicht ein irrationaler Idiot. Kein Wunder, dass sich die Bereitschaft akademischer Philosophen, sich mit Rand auseinanderzusetzen, in Grenzen hält.

Rands Ideen sind also wie geschaffen dafür, das neoliberalistische Denken Ryans und seiner Mitstreiter zu unterfüttern: »Ich wuchs mit der Lektüre Ayn Rands auf«, sagte Paul Ryan 2005 in einer Rede, »sie hat mich viel darüber gelehrt, wer ich bin, welche Werte ich habe, und an was ich glaube. Sie hat mich so sehr inspiriert, dass ich sie zur Pflichtlektüre für alle meine Mitarbeiter erklärt habe.«

Aber in einer Hinsicht passt ihm Rands Philosophie gar nicht in den Kram: Sie ist radikale Atheistin. Das kommt nicht gut an im konservativen Amerika. Und so hielt Ryan es im April dieses Jahres für opportun, sich von Rand zu distanzieren: »Ich lehne ihre Philosophie ab. Sie reduziert menschliche Beziehungen auf bloße Verträge. Das steht im Gegensatz zu meiner Weltanschauung.« Und so hat sich Ryan einen neuen Lieblingsdenker gesucht: Thomas von Aquin. Offenbar gibt es nur einen Maßstab für seine Philosophie: sein Eigeninteresse. Das hätte Ayn Rand vielleicht gefallen.

– Tobias Hürter