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Mit den anderen leben

„Mit Rechten reden?“ Soll man, darf man, muss man? Heftig wird in den Feuilletons über diese Fragen debattiert. Leider immer sehr prinzipiell und pauschalisierend. Immer lässt das Ergebnis nur zwei Antworten zu. Ja oder Nein. Entweder – Oder. So zu antworten ist nicht nur realitätsblind, sondern auch wenig konstruktiv. Im wirklichen Leben geht es nicht nur um „ob überhaupt“. Es geht auch um das wann und das wie – und das warum. Es geht darum, ob die Frage sinnvoll gestellt ist.

Wir schlagen vor: erstens die Diskussion nicht auf „die Rechten“ zu beschränken, sondern sie auszuweiten auf all jene, deren Positionen, Haltungen, Lebensformen einem selbst inakzeptabel erscheinen. Die Linken. Die Populisten. Die Sexisten. Die Traditionalisten. Zweitens das Abstrakt-Prinzipielle zu konkretisieren. Wie, wann und worüber soll ein überzeugter Grüner mit einem Konservativen reden, der gerade die AfD gewählt hat? Wie und wann soll eine Feministin mit einem Macho reden, der um den Verlust seiner männlichen Privilegien fürchtet? Und drittens zwischen verschiedenen Arten des „Redens“ zu differenzieren.

Wir schlagen folgende Unterscheidung vor: Beim diskursiven Reden geht es darum, den jeweiligen „Gegner“ mit rationalen Argumenten von der eigenen Position zu überzeugen. („Männer sollten Elternzeit nehmen, denn es ist ein Privileg, das eigene Kind aufwachsen zu sehen.“). Wer die Kraft der eigenen gut begründeten Thesen glaubt, hat die Gegenwart im Blick. Er will jetzt die Debatte dominieren.

Das therapeutische Reden dagegen macht aus dem Gegner einen Patienten, den es verstehen und durch das Verstehen ändern möchte („Zu wissen, dass du, der du in deiner Kindheit selbst Opfer von Gewalt wurdest, nun selbst gegen Migranten hetzt: Was macht das mit dir?“). Das therapeutische Reden orientiert sich an der Vergangenheit – der Genese des zu heilenden Verhaltens.

Das kommunikative Reden wiederum will weder überzeugen noch heilen. Es zielt auf die Zukunft. Was es will, ist die Anschlusskommunikation sichern: mit dem „Gegner“ reden, um zu einem späteren Zeitpunkt wieder und anders mit ihm reden zu können („Ich weiß, dass Du ein Nazi bist, aber Du kennst Dich ja gut mit Fahrrädern aus: Würdest Du mir raten, ein E-Bike anzuschaffen?“). Diese Art des Redens möchte den Gegner nicht bekehren, es folgt rein pragmatischen Motiven. Es möchte mit ihm leben. Es will ihm zeigen, dass gegnerische Haltungen miteinander im Gespräch bleiben müssen.

Wer an der Zukunft interessiert ist – an einer Welt, in der es irgendwann möglich wird, dass aus der Alternativlosigkeit des „Entweder – Oder“ ein „Sowohl – Als Auch“ entsteht, sollte aufhören recht haben oder immer nur verstehen zu wollen. Er sollte mit seinem Gegner einfach immer weiterreden. Bis ein „Wir“ entsteht, das auf nichts anderem als dem gemeinsamen Interesse basiert, sich in dieser Welt zu Hause fühlen zu können.

Rebekka Reinhard und Thomas Vašek

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