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Der Philosoph, der keiner sein wollte

Sigmund Freud, der Erforscher des Unbewussten, verstand sich nicht als Philosoph – und doch war er es: Er entwickelte eine Vision davon, was zu einem geglückten Leben gehört.

Im Jahr 1874 tauchte ein neuer Star in der Wiener Philosophen-Szene auf: Franz Brentano aus Deutschland, 37 Jahre jung, wild gelocktes Bart- und Haupthaar, Romantiker und abtrünniger katholischer Priester. Er war aus dem Klerus geflogen, weil er die Unfehlbarkeit des Papstes infrage gestellt hatte – und sanft auf einem Lehrstuhl in Wien gelandet.

In seinem Hörsaal saß auch der 18-jährige Student Sigmund Freud, der dort eigentlich gar nicht hingehörte. Freud studierte Medizin. Er sezierte Flussaale in feuchten Kellerlaboren, auf der Suche nach ihren Geschlechtsorganen. Nun aber war er so begeistert von Brentano, dass er mit dem Gedanken spielte, in Philosophie zu promovieren. Er ahnte nicht, dass sein Lebenswerk darin bestehen würde, beides zusammenzubringen: die Philosophie und die Geschlechtsorgane.

Freud selbst hätte sich diese Charakterisierung seines Werks vermutlich verbeten – nicht wegen der Aalhoden, sondern wegen der Philosophie. Im Rückblick stellte er seine Begegnung mit Brentano und seine Romanze mit der Philosophie als bedauerliche Ver­irrung dar. Er äußerte sich später nur noch despektierlich über die Philosophie. Er sah sie als »Ärgernis«, als »Miss­brauch des Denkens«, als »Überbleibsel aus einer Zeit der religiösen Weltanschauung«.

Wenn Freud also ein Philosoph war, dann ein unbe­wusster. Doch dafür lässt sich argumentieren. Der amerika­nische Soziologe Philip Rieff (1922–2006) nannte ihn einen »Moralisten«. Freud entwickelte eine universale Theorie des Menschen und eine Vision davon, was ein geglücktes Leben ausmacht. Der Wissenschaftsphilosoph Clark Glymour schreibt Freud »eine Philosophie des Geistes« zu, »die viele Fragen über das Mentale anspricht, die heute die Philosophen beschäftigen, und mit denen Psychologen sich beschäftigen sollten. Freuds Denken über die Fragen der Philosophie des Geistes ist besser als vieles, was in der heutigen Philosophie des Geistes geschieht.«

Was Freud in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts auf seine Theorie des Unbewussten brachte, war alles andere als philosophische Reflexion. Er brauchte Geld. Im Jahr 1886, nach langem, unentschlossenem Studium und frisch zurück aus den Flitterwochen, musste der 30­jährige Dr. Freud seine Frau, bald auch seine Kinder versorgen. Er eröffnete eine neurologische Privatpraxis, in der er überwie­gend Frauen behandelte. Hysterie war die damalige Mode­diagnose, die Patientinnen litten unter Sprachhemmungen, Krämpfen und Halluzinationen.

Seine »Narren« behandelte Freud anfangs nach den damals angesagten Methoden: Elektrotherapie, Massagen, Heilbäder und Hypnose. Die Idee war, die Patientin in jene Situation zurückzuversetzen, die das Leiden ausgelöst hatte, und dadurch ihre aufgestauten Affekte zu entladen. Aber der Heilerfolg hielt sich in Grenzen, schon weil nicht alle Patientinnen sich hypnotisieren ließen. Die Therapiesitzun­gen verwandelten sich allmählich in Gespräche, in denen Freud versuchte, die Erinnerungen der Patientinnen bis zum unheilbringenden Geschehen zurückzuverfolgen.
Freud fiel auf, dass viele seiner Patientinnen berichte­ten, sie seien als Kind sexuell missbraucht worden. »Nun machte ich einen folgenschweren Schritt«, schrieb er später. Er begann, ihr Sexualleben zu erforschen: »Dieses Experi­ment überzeugte mich, dass bei all diesen Kranken schwere Missbräuche der Sexualfunktion bestanden.« Er horchte seine Patientinnen und Patienten nach ihrem Sexualleben aus – ein nach damaligen Sitten unerhörtes Vorgehen.

Das Ich steht im Spannungsfeld zwischen Es und Über-Ich

Freud bemerkte bald, dass die Geschichten, die seine Patienten erzählten, nicht immer stimmten. Nicht dass die Patientinnen bewusst logen. Wie von selbst
schien ihr Gedächtnis manchmal einen Bogen um unlieb­ same Erlebnisse zu machen und die Lücken mit selbst gesponnenen Geschichten zu füllen. Freud war jenen Mecha­nismen des Unbewussten auf der Spur, die bald darauf wich­tige Rollen in seiner Theorie spielen sollten: Verdrängung, Verschiebung, Projektion.
Um den inneren »Zensor« zu überwinden, der nach Freuds Mutmaßung seine Patienten von den Ursprüngen ihrer Leiden fernhielt, entwickelte er die Technik, die seine Anhänger bis heute anwenden: die freie Assoziation. Der Therapeut lässt den Patienten möglichst unbehelligt Gedan­ken an Gedanken reihen. Wo die Rede mit einem Zögern oder einem Versprecher stockt, besteht der Verdacht auf einen unbewussten Widerstand, den die beiden gemeinsam überwinden können, um in die verborgenen Winkel der Seele vorzudringen. In der Erkenntnis liegt die Heilung.
»Rede­Kur« nannte eine Patientin dieses Verfahren. Im Jahr 1896 benutzte Freud dafür erstmals den Begriff »Psychoanalyse«. Er begann, seine Theorie des Unbewussten zu entwickeln, der zufolge der menschliche Geist schicht­weise aufgebaut ist. Da Bewusstsein, auf das sich die meisten Philosophen konzentrieren, ist nur eine von drei Schichten. Darunter liegt das Es, das die Instinkte und Triebe umfasst, die befriedigt werden wollen, vor allem der Sexualtrieb. Das Über­Ich beherbergt das Gewissen, das Freud zufolge aus den sozial erworbenen und verinnerlich­ten Kontrollmechanismen besteht. Das Ich ist der bewusste Teil des Menschen, es steht im Spannungsfeld zwischen Es und Über­Ich und hat die Aufgabe, in deren Konflikten zu vermitteln.

Freuds Bild erinnert an jenes, das Platon in seinem Dialog »Phaidros« von der Seele zeichnete. Auch bei Platon ist die Seele dreiteilig, ein Gespann mit zwei Pferden und einer Wagenlenkerin. Die Pferde sind die Begierde (entsprechend den Trieben) und der Wille (entsprechend dem Gewissen), die Vernunft (das Ich) versucht, sie zu zügeln.
Seelische Gesundheit bedeutet, dass alle drei Teile der Seele friedlich miteinander leben. Wenn die Triebe unbefrie­digt bleiben oder wenn ihre Befriedigung mit den morali­schen Sanktionen des Über­Ichs kollidiert, muss sich das Ich mit seinen Abwehrmechanismen schützen, um nicht zerris­sen zu werden: Verdrängung (die Konflikte zurück ins Unbe­wusste drücken), Sublimation (die sexuellen Triebe in sozial akzeptable Richtungen umlenken, etwa Wissenschaft, Kunst etc.), Fixierung (das Verharren der Persönlichkeitsentwick­lung an einem Punkt), Regression (die Rückkehr in eine frü­here Entwicklungsphase). Wo die Spannung zwischen den Trieben und dem Über­Ich zu groß wird, brechen die Triebe sich Bahn in Verbrechen, sexueller Gewalt und Kriegen.

Dabei wollte Freud den Menschen nicht nur zeigen, wer sie sind, sondern auch, wie sie so geworden sind. Alle Menschen, auch die vernünftigsten, seien vom Lustprinzip getrieben, das uns schnelle, einfache körperliche und emoti­onale Befriedigung suchen lässt und das uns vor unangeneh­men Dingen wie Arbeit und Disziplin fliehen lässt.

Säuglinge folgen einfach nur dem Lustprinzip, behaup­tete Freud. Aber wenn man später im Leben so weitermacht, gerät man in Schwierigkeiten. Wir müssen uns dem fügen, was Freud »das Realitätsprinzip« nannte. Wenn diese Anpas­sung schiefläuft, kommt das heraus, was Freud »Neurose« nannte. Neurosen sind die Resultate gescheiterter Verhand­lungen mit dem Lustprinzip.

Wenn die Anpassung aber gut läuft, kommt dabei die Mona Lisa heraus. Es geht darum, die destruktive Energie der unbewussten Triebe konstruktiv einzusetzen: Freud vermutete, dass dieser Pro­zess der »Sublimierung« vielen großen Errungenschaften in der Kunst, der Wissenschaft und der Politik zugrunde liegt.

Sherlock Holmes jagt vielleicht Verbrecher, um sich gegen seine eigenen verbrecherischen Triebe zu verteidigen. Ein Politiker, der sich für die Rechte der Armen einsetzt, subli­miert vielleicht seine eigene frühkindliche Gier. Leonardo da Vinci lebte in seinen Erwachsenenjahren sexuell enthaltsam, behauptete Freud, und sublimierte seine Triebe in Kunst und Wissenschaft.

Freud wollte den Menschen zeigen, wer sie wirklich sind

Die Theorie der Sublimierung ist der hoffnungs­vollste Teil der Freud’schen Lehre. Sie zeigt uns, dass es manchmal besser ist, nicht zu kriegen, was man will. Statt mit jedem Menschen zu schlafen, der uns gefällt, kümmern wir uns um den Garten, erforschen Ele­mentarteilchen und laufen Marathon. So hilft uns die Idee des Unbewussten, einen Sinn für die verborgenen Leitmotive unserer Biografien zu entwickeln. Liegen die Ziele, die je­mand sich zu setzen vorgibt, wirklich in der Richtung, in die er strebt? Glaubt jemand sozial engagiert und hilfsbereit zu leben und übersieht dabei den Eigennutz?

Freud unterzog das Fundament des menschlichen Gewissens einer schonungslosen Prüfung. Bis ins 19. Jahr­ hundert galt unser Sinn für richtig und falsch, gut und schlecht als sakrosankt, gegründet in Gott oder in der Ver­nunft. Freud stellte fest, dass das Gewissen oft widersprüch­lich ist, irrational und manchmal schlicht verrückt. Er war überzeugt, dass es nicht unsere Triebe sind, die uns krank machen, sondern ein schlechtes Verhältnis zwischen den Trieben und dem Gewissen. Ein Über­Ich, das wie ein Rott­weiler die Begierden und Lustgefühle bewacht, ist keine Gewähr für ein glückliches Leben, sondern ein Hindernis.

Die Psychoanalyse ist heute in vieler Hinsicht nicht mehr das, was Freud einst konzipierte. Seine Schüler, An­hänger und Kritiker bügelten viele methodische Schwächen und fragwürdige Vorurteile aus. Doch die Grundannahmen sind die gleichen geblieben: Der Schlüssel zu Glück und seelischer Gesundheit liegt in der Selbsterkenntnis. Nicht nur für Kranke, sondern für alle.

Freud wollte die Menschen erkennen lassen, wer sie eigentlich sind. »Die Psychoanalyse begann als eine Thera­pie«, sagte er in einer Vorlesung, »aber nicht als Therapie wollte ich sie Ihrem Interesse empfehlen, sondern wegen ihres Wahrheitsgehalts, wegen der Aufschlüsse, die sie uns gibt über das, was dem Menschen am nächsten geht, sein eigenes Wesen.«

Ähnlich wie Immanuel Kant (1724–1804) war Freud über­ zeugt, dass Erkenntnis die Welt verbessert. Man kann Freud einen Aufklärer nennen. Aber anders als die Aufklärer des 18. Jahrhunderts, anders auch als Sokrates und Platon, sah Freud den Weg zu einem geglückten Leben nicht darin, der Vernunft zur Herrschaft zu verhelfen. Er glaubte, dass der richtige Weg darin liegt, mit seinen dunklen, unvernünftigen Seiten Frieden zu schließen.

Im Unterschied zu strengen Moralisten wie Kant und Søren Kierkegaard (1813–1855) berücksichtigte Freud, dass Menschen nicht nur mit physischen, sondern auch mit psychischen Beschränkungen geboren sind. Ethischen Idealen nachzueifern, die sie ohnehin nie erreichen können (»Liebt eure Feinde«), macht sie unglücklich.
Um Freuds Missfallen an der Philosophie zu verste­hen, muss man sein Verständnis der Philosophie kennen. Für ihn war Philosophie metaphysische Spekulation, eine witzlose intellektuelle Übung aus früheren Jahrhunderten. In einem Brief an einen Freund bekannte Freud: »Ich weiß wohl, in welchem Ausmaß mich diese Denkweise von dem deutschen kulturellen Leben entfremdet.« An der Methode störte er sich also, nicht am Thema. »Die Philosophie ist der Wissenschaft nicht gegensätzlich«, sagte er, »sie gebärdet sich selbst wie eine Wissenschaft, arbeitet zum Teil mit den gleichen Methoden, entfernt sich aber von ihr, indem sie an der Illusion festhält, ein lückenloses und zusammenhängen­ des Weltbild liefern zu können, das doch bei jedem neuen Fortschritt unseres Wissens zusammenbrechen muss. Methodisch geht sie darin irre, dass sie den Erkenntniswert unserer logischen Operationen überschätzt. Aber die Philo­sophie hat keinen unmittelbaren Einfluss auf die große Menge von Menschen, sie ist das Interesse einer geringen Anzahl selbst von der dünnen Oberschicht der Intellektuel­len, für alle anderen kaum fassbar.«

Der Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit an die Psychoanalyse hält sich bis heute

Wenn er also kein Philosoph sein wollte, was dann? Ganz entschieden war Freud nicht. Einer­seits legte er lebenslang Wert darauf, sich »Neu­rologe« zu nennen. Andererseits bekannte er: »Ich bin gar kein Mann der Wissenschaft, kein Beobachter, kein Experimentator, kein Denker. Ich bin ein Conquistadorentalent, ein Abenteurer mit der Neugierde, der Kühnheit und der Zähig­keit eines solchen.« Die Krankengeschichten, die er schrieb, seien »wie Novellen zu lesen«, sie »entbehrten des ernsten Gepräges der Wissenschaftlichkeit«.

Unwissenschaftlichkeit, das ist der Vorwurf, der von damals bis heute immer wieder gegen Freud erhoben wird. Was Patienten und Probanden von ihrem Innenleben berich­ten, sei keine zulässige Quelle wissenschaftlicher Erkenntnis, erklärte der amerikanische Psychologe John B. Watson im Jahr 1913. Die Psychologie dürfe sich nur noch mit dem äußerlichen Verhalten von Menschen beschäftigen. Daraus entstand die psychologische Schule des Behaviorismus, die das Fach jahrzehntelang dominierte und von der Psychoana­lyse spaltete. Auch von Seiten der Philosophie wurde gegen die Psychoanalyse immer wieder der Vorwurf der Scheinwis­senschaft erhoben, allen voran von Karl Popper (1902–1994) und Adolf Grünbaum (1923–2018).

So leitete Freud die Trennung von Philosophie und Psychologie ein – und seine Psychoanalyse landete in der Kluft dazwischen. Für Freuds philosophischen Lehrer Brentano war die Psychologie noch die Grundwissenschaft schlechthin. Der amerikanische Philosoph William James (1842–1910) war einer der Begründer der modernen Psycho­logie. Er lehnte lange alle Spekulationen über das Unbe­wusste ab. Als er aber einen Vortrag Freuds über die Bedeu­tung von Träumen hörte, ließ er sich davon überzeugen, dass eine medizinische Erforschung des Unbewussten mög­lich ist. »Die Zukunft der Psychologie gehört Ihrem Werk«, sagte James zu Freud.

Wie lässt sich in einer Gesellschaft, die nur mit Trieb­ verzicht funktioniert, ein glückliches, gelassenes, gelunge­nes Leben führen? Das war die Schlüsselfrage, die Freud stellte. Die Antwort, die er gab, war die sokratische: Gnothiseauton – erkenne dich selbst! Im Gegensatz zu Sokrates & Co. vertrat Freud jedoch die Überzeugung, dass zu Selbst­erkenntnis mehr gehört als intellektuelle Selbsterforschung. Sie verlangt auch die Kenntnis der eigenen Triebe und Gefühle – auch der unbewussten. Freud zeigte, welch schwierige Aufgabe das ist, denn Menschen neigen dazu, sich selbst auszutricksen.

Das Unbewusste trifft eine Vorauswahl der Fakten, die das Bewusstsein zur Kenntnis nehmen kann. Es bestimmt, was wir fühlen und wahrnehmen. Darin hat die Psychologie der letzten Jahrzehnte Freud bestätigt, auch wenn er in vielen Details falsch lag. »Wir sind nicht Herr im eigenen Haus«, mit diesem berühmten Satz erschütterte Freud die philosophische Tradition des Primats der Vernunft, die sich von Sokrates über Descartes bis zu Kant zog. Er verglich sein Werk mit der Landgewinnung in den Niederlanden.

Das Meer ist das Unbewusste, das wir nie ganz trockenlegen werden. Aber wir sind ihm nicht ausgeliefert. Wir können ihm ein paar Hektar Land abringen, um darauf zu leben.
Die philosophische Bedeutung des Freud’schen Den­kens wird besonders deutlich in dessen Wirkung auf Jacques Lacan (1901–1981), den bedeutendsten französischen Psychoanalytiker des 20. Jahrhunderts. Sein wichtigster Beitrag zum Menschenbild der Psychoanalyse war das Konzept des Spiegelstadiums (stade du miroir), in dem ein Mensch sein Ich entwickelt. Im Alter von rund einem Jahr macht jeder Mensch eine Erfahrung, die kein Hund oder Huhn je machen wird: Er erkennt sich zum ersten Mal im Spiegel.

Es ist eine verstörende Erfahrung, denn von außen sieht er ganz anders aus, als er sich innerlich fühlt. Innen dieser unaufhörliche Wirbel von Gefühlen, Gedanken, Begier­ den, Ängsten und Fantasien, außen dieses vergleichsweise starre Gesicht.

In den sozialen Netzwerken gedeiht der Narzissmus

Unser Leben lang versuchen wir, diese Kluft zu überbrücken. Damit ist die Tragik unseres Daseins vorgezeichnet, glaubte Lacan. Wir würden so gern verstanden werden von unseren Mitmenschen, aber da liegt diese entsetzliche Kluft zwischen innen und außen, und wir haben nur das Gestammel unserer Worte, um sie zu überbrücken. Was die anderen von uns mit­ kriegen, ist nicht mehr als eine Karikatur unserer selbst.

Eine Folge ist, dass wir die ganze Zeit darum bemüht sind, diese Karikatur von uns selbst zu pflegen, in der Hoffnung, dass die anderen uns doch noch ver­stehen werden, wenn wir uns nur genug herausputzen. Ver­gesst es, sagt Lacan. Findet euch damit ab, nie ganz verstanden zu werden. Nicht mal von euren Lebenspartnern. »Es gibt kein sexuelles Verhältnis«, ist ein berühmter Satz von Lacan. Nicht mal beim Sex kommen wir uns wirklich nahe.

Mit Lacan wurde die Entfremdung von sich selbst, die Freud bei seinen Patienten diagnostizierte, zum Grundzug mensch­licher Existenz schlechthin. Wir sind uns fremd, weil wir Menschen sind. Andere Philosophen variierten dieses Thema. Herbert Marcuse (1898–1979) schlug die Brücke von der Freud’schen zur Marx’schen Entfremdung. Erich Fromm (1900–1980) gründete seine Lebensphilosophie auf der Psychoanalyse, Paul Ricœur (1913–2005) seine Philo­sophie der Sprache. Jürgen Habermas’ Gesellschaftstheorie war auch inspiriert von Freud.
Wie würde Freud die Gesellschaft des frühen 21. Jahr­hunderts analysieren? Er würde vielleicht einen Aufsatz über »soziale Medien und narzisstische Grundstruktur« schreiben. »Die der Außenwelt entzogene Libido ist dem Ich zu­ geführt worden«, erklärte Freud einst den Narzissmus. Es klingt wie eine Diagnose unserer Zeit. Auf Instagram, Tinder & Co. gedeiht der Narzissmus. Die verarmte Kommunika­tion und die Flut der Selfies machen das Leben zu einem ewi­gen Spiegelstadium à la Lacan. In solch einer Zeit ist es kein Fehler, sich an die Freud’sche Vision dessen zu erinnern, was zu einem gelungenen Leben gehört: die Fähigkeit, zu lieben und zu arbeiten. Die Fähigkeit also, sich für etwas anderes als sich selbst zu engagieren. Das ist ein kluges und pragmatisches Ideal – ob man es nun Philosophie nennen mag oder nicht.


Illustration: Daniel Puiggròs Coll

Der Artikel stammt aus der Ausgabe 2/2019:

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