Aktuell, HOHE LUFT, HOHE LUFTpost
Kommentare 2

HOHE LUFTpost – Das Recht, sich selbst zu schädigen

HOHE LUFTpost vom 26.06.2015: Das Recht, sich selbst zu schädigen

Haben Sie schon mal gekifft? Oder Haschkekse genascht? Falls ja, gehören Sie zu den laut Umfragen rund 50 Prozent der Menschen, die schon einmal selbst die Wirkung von Tetrahydrocannabinol erfahren haben. Der Konsum von Cannabis ist also weit verbreitet, aber verboten, und die Stimmen für eine Legalisierung werden lauter. Die Argumente gehen wild durcheinander: politische, ökonomische, medizinische und ethische.

Auch ich bin für die Freigabe von Cannabis. Aber die Argumente anderer Befürworter weise ich zurück. So argumentiert der Jurist Lorenz Böllinger, jeder Mensch habe das Recht, sich selbst zu schädigen. Es folgt in seinen Augen aus dem Grundrecht auf Handlungsfreiheit.

Ich bestreite das. Ja, es gibt das Recht auf Freiheit, es gibt aber auch die Verantwortung jedes Menschen für sich selbst. Wäre Cannabis eine eindeutig schädliche Substanz, dann wäre ich nicht für ihre Freigabe – so wie ich auch gegen die Freigabe von Heroin wäre. Doch ich bin überzeugt, dass es eine Weise des Umgangs mit Cannabis gibt, die nicht schädlich zu nennen ist.

Das Recht ist dazu da, die Menschen zu schützen. Manchmal auch vor sich selbst.

– Tobias Hürter

2 Kommentare

  1. Tobias sagt

    Natürlich hat jeder Mensch das Recht, sich selbst zu schädigen. Genauso, wie er das Recht hat, sich selbst das Leben zu nehmen. Wem hier sofort der Widerspruch auf der Zunge liegt, dem möchte ich eine zwischen uns liegende Differenz des Verständnisses des Begriffes von Recht aufzeigen. Das von mir gemeinte Recht ist ja zunächst kein juristisches, sondern ein dem Menschen a priori, also allein durch die Tatsache seiner Selbstständigkeit und Abgeschlossenheit in sich selbst gegebenes und damit von der (agnostizistisch betrachteten)äußeren Welt eingeräumtes. Ich entscheide, Punkt.

    Entscheidet man übrigens nicht aktiv über sich selbst und seine Meinungen, dann überlässt man sich tatsächlich der Welt. Ich denke, man gibt sich förmlich auf – auch wenn man sich intuitiv nicht so fühlt. Das muss ich erklären: Selbst die Entscheidung, andere entscheiden zu lassen, ist eine zutiefst eigene, wenn auch oft durch sich selbst missverstandene. Entscheidet man sich, sich nicht zu entscheiden, dann hat diese Entscheidung entgegen der spontanen Wahrnehmung eine Kapitulation zum Inhalt; denn wenn ich derart entscheide, dann spüre ich, dass ich mich entschieden habe, aber der Geganstand der Entscheidung hat sich verändert: Ich habe mich nicht für oder gegen den Inhalt der Entscheidung entschieden, sondern gegen das Entscheiden. Was wird passieren? Ein Beispiel: Würde ich mich – im anderen Extremfall – auf die Frage nach Wein oder Wasser für die Entscheidung entscheiden und bliebe allein dort stehen, dann hätte ich wohl ein Problem, weil ich neben den seltsamsten Blicken weder Wein noch Wasser erhalten würde. Das Stehen-Bleiben beim Nicht-Entscheiden hat an sich dieselbe Leere. Folgt man aber der Entscheidung zur Nicht-Entscheidung, dann entlässt man den Gegenstand der Entscheidung in die Welt, wo jemand oder etwas Anderes darüber entscheidet – oder eben nicht. Also räume ich die Möglichkeit ein, dass nicht entschieden wird. Das ist prinzipiell eine Aussage über die eigene Sicht auf den Wert des zu Entscheidenden. Damit wären wir bei den Ursprüngen für zu geringen Widerstand gegen fortwährenden Fremdenhass, Populismus, anhaltende Umweltzerstörung und dergleichen Sinnlosem mehr: zuviele betrachten, was passiert, entscheiden sich aber, sich nicht zu entscheiden, und fühlen sich dabei gut, weil niemand sie dafür kritisiert. Ich finde, das ist auch ein Kind der heute vorherrschenden Meinung, man sage lieber nichts als etwas Falsches.

    Zurück zum Recht. Juristisches Recht ist vor allem dahingehend komplexer, als dass es neben dem Individuum vor allem die Gesellschaft an sich in einem sie organisierenden Blick hat. Die juristische Entscheidung, bestimmte Drogen oder auch Sterbehilfe zu legalisieren, ist – so meine ich zumindest – deshalb so umstritten, weil eben nicht die Möglichkeit besteht, das Ja oder Nein hieb- und stichfest, also unabhängig von Überzeugungen zu begründen. Eine Überzeugung ist Glaube, der irgendwie in der Welt gefestigt wird, weshalb man dann ja von ihm überzeugt ist. Doch das macht Überzeungen nunmal so weich und unzuverlässig: ihr Wesen, das Glaube ist. Man kann durch ein Nein die Menschen vor sich schützen, aber wird das etwas bewirken? Man kann ihnen die Freiheit des Konsums einräumen, aber geraten dann unter Umständen mehr Menschen in den Sog der Sucht und Sinn-Betäubung als durch ein Verbot? Aber wäre das eher schlecht als recht? Im Prinzip führt der Gang durch das Hinterfragbare bis zur Grundlage unserer Gesellschaft: den individuellen Glauben an die eigene Fähigkeit, ihre Komplexität sich selbst einzugestehen, ihre Vorteile einzusehen im Abwägen und Anerkennen gegenüber ihren Nachteilen, und den Willen, sie zu erhalten. Erst danach, im Rückschritt sind zuerst und zumindest für sich selbst längerfristig und tiefer durchdachte Antworten im Sinne von überzeugungen möglich. Davon jedenfalls bin ich momentan überzeugt.

    • Thomas Weller sagt

      Hallo Tobias,

      das grundsätzliche Problem, das ich mit deiner Argumentation habe, steckt in diesem Satz:

      „…, die Menschen zu schützen. Manchmal auch vor sich selbst.“

      Ehrlichgesagt läuft es mir eiskalt über den Rücken, wenn ich so einen Satz lese oder höre.

      Wer will denn bestimmen, wovor ich geschützt werden muss? Und nach welchen Kriterien? – Nur um die Tragweite dessen, was du da mal eben hinwirfst, klarzumachen: Eines der Kriterien, die in Deutschland schon mal gegolten haben, hieß ‚Rassenhygiene‘.

      Der andere Punkt ist: Menschen sind sehr verschieden, und was in des einen Augen gut/schlecht ist, muss es deshalb noch lange nicht faktisch für eine andere Person sein.

      Man muss an der Stelle auch einfach akzeptieren, dass man nicht im Besitz einer absoluten und alleinseligmachenden Wahrheit ist. Auch wenn man die Faust in der Tasche ballt. Auch wenn es weh tut. Man glaubt vielleicht, dass man die besseren Argumente hat, und oft ist das wohl auch so.

      Aber mit Argumenten kommt man oft nicht durch. Aber hey, that’s life. Die Welt ist nun mal keine Wunscherfüllmaschine. Und wir sollten uns wie der Teufel davor hüten, sie zu einer machen zu wollen.

      – Thomas

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.