HOHE LUFT
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Moral, Freiheit und Uhrwerk Orange

Selbstoptimierung ist in aller Munde. Quer durch die Feuilletons liest man von dem neuen Trend, die eigene Leistung zu erhöhen – ob mittels Schrittzähler, psychoaktiver Substanzen oder Apps zur Messung des Schlafs. Neu im Bereich der Selbstoptimierung ist das sogenannte Moral Enhancement, das darauf abzielt, die moralische Integrität durch die Einnahme von Medikamenten zu erhöhen. So ist beispielsweise erwiesen, dass die sogenannten SSRI (Serotonin Wiederaufnahmehemmer) aus der Gruppe der Psychopharmaka das Mitgefühl stärken. Allerdings stellt sich die Frage, ob dem Angebot an dergleichen Mitteln eine entsprechende Nachfrage gegenübersteht. Neben Wachmachern wie Modafinil und Ritalin sehen Pillen, die uns moralischer werden lassen, ziemlich altbacken aus. Damit stellt sich eine weitere Frage: Wenn wir schon kein ausgeprägtes Interesse an einer moralischen Optimierung zu haben scheinen, haben wir vielleicht die Pflicht dazu? Und: Wenn wir dieser Pflicht nicht nachkommen, hat vielleicht der Staat das Recht, uns diese Pflicht aufzuerlegen? Intuitiv würden wir einen solchen Eingriff vermutlich kategorisch ablehnen. Nur: Würden wir das auch tun, wenn die Intervention nicht auf die Verbesserung der Moral abzielt, sondern auf die Verhütung von Gewalt als Folge mangelnder Moral?

Denken wir an Alex aus Stanley Kubricks Film Uhrwerk Orange: Er vergewaltigt Frauen, verprügelt Stadtstreicher und schreckt auch vor dem Tod seiner Opfer nicht zurück. Alex hat „Bock auf ein wenig Ultrabrutale“, er labt sich an seinen Gewaltexzessen und bereut nichts von dem, was er verbricht. Als ihm wegen Mord eine 14-jährige Gefängnisstrafe droht, lässt er sich auf eine Aversionstherapie ein, deren Ziel die Resozialisierung von Kriminellen ist. Der Innenminister persönlich segnet Alex‘ Teilnahme ab. Über mehrere Stunden täglich werden Alex nun brutale Filmsequenzen vorgeführt, während ihm zugleich ein Serum verabreicht wird, das starke Übelkeit hervorruft. Die Therapie schlägt an: Der Gedanke an Gewaltausübung ist für Alex unerträglich geworden. Er gilt als geheilt und wird entlassen.

Mit einem Schlag ist Alex gut geworden – und doch ist er gebrochen. Er wollte im Grunde nie besser oder gar gut werden, seine Einwilligung in die Therapie hatte nur einen Zweck: der drohenden Gefängnisstrafe zu entgehen. Eine moralische Läuterung hat deshalb gar nicht erst stattgefunden: Alex‘ Verhaltensänderung geht einzig auf die erduldete Konditionierung zurück, die ihm darüber hinaus auch noch genommen hat, was ihn im Kern ausmacht: Das Böse. Das Böse ist gewissermaßen der Preis, den wir für die Freiheit zahlen. Da Alex die Wahl genommen wurde, zwischen Gut und Böse zu entscheiden, hat man ihn auch seiner Freiheit beraubt: „Kann ein Mensch nicht wählen, ist er nicht mehr Mensch“, schreibt Anthony Burgess in seinem Buch „Uhrwerk Orange“, das als Vorlage für den Film diente.

Mit Blick auf Moral Enhancement lehrt uns Uhrwerk Orange vor allem eines: Wird moralische Optimierung zur Pflicht erhoben, verlieren wir die Freiheit, selbst darüber zu entscheiden – der Zwang, selbst wenn es ein Zwang zum Guten ist, unterminiert die freie Wahl. Alex‘ Schicksal führt uns zweifelsohne vor Augen, wie gefährlich Freiheit sein kann, sein Ende als entmenschlichtes Wesen zeigt jedoch, dass es noch weitaus gefährlicher ist, dem Menschen seine Freiheit zu nehmen. Er ist dann nämlich gar kein Mensch mehr, sondern nur noch ein mechanisches Objekt. Um nicht zu sagen: ein Uhrwerk.

– Christina Geyer

Veranstaltungshinweis:
Tagung für praktische Philosophie, 13. + 14.11.2014
– u.A. mit einem Vortrag von Birgit Beck zu Moral Enhancemennt am 14.11. von 17:30-19:00.
Hier geht es zum Programm.

2 Kommentare

  1. kartar Althoff sagt

    Das eigentliche Problem liegt für mich nicht in dem Konflikt dass eine erzwungene Moral uns der Freiheit beraubt, sondern in der Moral selbst.
    Moral kann letztlich kein Mittel sein um das Schlechte am Mensch sein zu überwinden . Den Moral kommt gar nicht ohne das Böse aus! Ohne das Böse könnten wir uns nämlich gar nicht für das Gute entscheiden. Moral ist als Konzept zur weltverbesserung absurd. Es ist wie der Versuch den Tod überlisten zu wollen indem man das Überleben zum Zweck und Ziel des Lebens macht, in Einzelfällen kann es helfen aber es ist letztlich immer zum Scheitern verurteilt. Es ist ein ganz anderer Fokus nötig um das zu stärken was das Leben lebenswert macht als die Wahl zwischen Gut und Böse.

  2. Janquar sagt

    Diesen Kommentar teile ich nicht. Das ist deine Sichtweise zu definieren das es Gutes nur mit Bösen gibt. Vielleicht gibt es auch eine Linie die man lebt und von dieser Linie prägen sich in alle Richtungen Alternativen ab die man eben als Gut oder Böse definieren mag. Bei der Version, das Gut nur mit Bösem existiert, ist ja schon klar vordefiniert was Gut und Schlecht ist. Das kann nicht der richtigte Ansatz sein, alles was es gibt so fest einzustampfen.

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