HOHE LUFT
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Künstler-Radar und Jutebeutel-Kommunikation

Noch bis morgen läuft die Affordable Art Fair in Hamburg. Wir haben die Kunstmesse zum Anlass genommen, über den Sinn von Mode nachzudenken. Dazu haben wir Hobbykulturproduzent Uwe Lewitzky einige Fragen gestellt. Ein Interview über (abnehmende) Individualität, Kommunikation und die Ehrlichkeit, so sein zu dürfen, wie alle sind. Lewitzky ist übrigens auch auf der Affordable Art Fair vertreten.

HOHE LUFT: Sie haben einmal über Ihre Kunst gesagt, dass sie Fakten schafft, die man Leuten unter die Nase reiben kann. Welchen Stellenwert nimmt das Sendungsbewusstsein in der Statement-Fashion ein?
(Anm.: Statement-Fashion = Kleidungsstücke, die ein Statement abgeben – etwa, indem sie eine klare Botschaft transportieren)
Uwe Lewitzky: Leider ist das Sendungsbewusstsein in der Statement-Fashion im Sinne des Strebens nach zur Schau gestellter Individualität deutlich höher als eine spezifische Haltung, die bestenfalls auch eine Kritik gegenüber den Dingen/Zuständen wäre und in einem zweiten Schritt Fakten schafft in Bezug auf den uns umgebenden Un-Sinn. Aber so wie es aussieht, wird der Normcore-Trend der Statement-Fashion ein Ende setzen, wobei meine These ist, dass Normcore der neue Mainstream wird, weil viele langsam dahinter kommen, dass sie gar nichts  Besonderes zu sagen haben und gar nicht so individuell sind und daher auch vorsichtiger sind im Herumtragen von gekauften Aussagen und Distinktionsmerkmalen.

HOHE LUFT: Kommunizieren wir, wenn wir bedruckte Jutebeutel tragen? Zum Beispiel einen mit Aufschrift „Aber Crombie, wo ist Fitch?“
Uwe Lewitzky: Was wir wissen (Paul Watzlawick sei Dank): Der Mensch kann nicht nicht kommunizieren. Was ich persönlich für mich weiß: Die Entfernung zwischen dem, was eine Person kommunizieren möchte, ist riesengroß zu dem, was sie letztendlich für mich kommuniziert, nämlich „Selbstjustiz durch Fehleinkäufe“ (M. Kippenberger).

HOHE LUFT: Die Süddeutsche meint, dass wir Dresscodes knacken können, wenn wir Fragen stellen. Etwa: Welche Botschaft will der Entwerfer vermitteln? Was sagt dieser Trend über unsere Zeit aus? – Aber muss Mode immer einen Grund haben und eine Botschaft vermitteln wollen? Kann sie nicht auch komisch sein, weil sie komisch sein will, sinnentleert, weil sie vielleicht genau das sein will: Ohne Sinn?
Uwe Lewitzky: „Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, wobei letzterer den ersten bestimmt.“ Watzlawick nennt in diesem Zusammenhang drei mögliche Wahrnehmungen eines Statements: die Bestätigung, die Verwerfung und die Entwertung. Das heißt: Jedes Statement kann auch gerne mal in die Hose gehen. Watzlawick bezeichnet das ganz emotionslos als eine „gestörte Kommunikation“, die ja irgendwie symptomatisch für unsere Zeit ist. Als Betreiber der Internetseite mit dem oft missverstandenen Namen www.nichtnachdenken.de kann ich den Aspekt sinnentleerter Komik nicht nur im Bereich der Mode entdecken.

HOHE LUFT: Wie spüren wir Mode auf und wie unterscheiden wir zwischen Fashion-Statements? Verfügen wir über ein Coolness-Radar, das uns intuitiv über den Fashion-Faktor der Aufschrift „I got 99 Pancakes cause a bitch ate one“ aufklärt?
Uwe Lewitzky: Mein sensibles Künstler-Radar spürt bei solchen Aufschriften ganz deutlich eine mittelschwere Unzufriedenheit auf – dank einer an den Haaren herbeigezogenen Verballhornung eines popkulturellen Zitats, die sich aufgrund ihrer Hirnlosigkeit leider in keine Richtung schönreden lässt. Aber hey, wenn sich einer von den anderen Jungs schon das geile T-Shirt mit dem „gibt‘s hier Frühstück oder kannst du das auch nicht?“-Slogan unter den Nagel gerissen hat, dann kauft man sich halt ein anderes, auch wenn das eventuell nicht ganz so „witzig“ ist.

HOHE LUFT: Georg Simmel zufolge vereinigen sich in der Mode zwei widersprüchliche Bedürfnisse: Das Bedürfnis nach Zusammenschluss einerseits und das Bedürfnis nach Absonderung andererseits. Führt der Versuch, über Mode einzigartig zu sein, dazu, dass wir letztlich alle gleich werden?
Uwe Lewitzky: Was dabei vergessen wird ist der finanzielle Aspekt von Mode. Jemandem, der mit einer von Megakünstler Richard Price bedruckten Tasche von Louis Vuitton herumläuft, ist mit einem schnöden bedruckten Jutebeutel nicht beizukommen. Vielmehr verstärkt das den Moment des Zusammenhalts einer kleinen Gruppe von Besserverdienenden auf Kosten all derer, die ökonomisch nicht mithalten können. Aber auch in dieser Beziehung erlöst uns eventuell wieder der kommende Normcore mit seiner Ablehnung des Besonderen in Form von Logo- oder Slogan-Placements. Irgendwie ist es ja auch eine ganz ehrliche Sache, dass wir letztendlich alle gleich aussehen dürfen. Spätestens mit dem Zusammenbruch dieser Gesellschaft, wenn wir dann alle im Rahmen der Grundnahrungsmittelbeschaffung dazu gezwungen sind, das Gesetz ab und zu an einigen Stellen zu übertreten, ist es doch sehr hilfreich, wenn sich die Täterbeschreibung auf Basic-Statements beschränkt und wir nicht anhand eines Dernier-Cri-Accessoires überführt werden.

– Uwe Lewitzky im Interview mit HOHE LUFT-Redakteurin Christina Geyer

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