HOHE LUFT
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Kunst meets Öffentlichkeit

„Kunst im öffentlichen Raum kann andere Atmosphären schaffen, die gewohnten Kleinigkeiten des Alltags umstellen und Ideen weiter tragen. Es sind die sozialen Kräfte, die bei den Interventionen das Verständnis der Themen auslösen“, sagt Matthias Ulrich, Kurator der Schirnkunsthalle in Frankfurt, gegenüber dem Kunstmagazin art. Kunst im öffentlichen Raum meint die Erschließung städtischer Räume und findet meist in sogenannter „Street Art“ oder „Urban Art“ ihren Ausdruck. Hannah Arendt schreibt in ihrem Werk „Vita Activa oder Vom tätigen Leben“ von einem „Zwischen“, einem Raum, der durch „Handeln und Sprechen“ etabliert wird. Ein solcher Raum muss gemäß Arendt öffentlich sein, da erst die Öffentlichkeit das Selbst sichtbar machen kann. Das muss konsequenterweise auch auf Kunst zutreffen – oder kann sich Kunst auch dann noch Kunst nennen, wenn sie auf dem Dachboden verstaubt? Wohl eher nicht. Vielmehr scheint die Öffentlichkeit ein zentrales Moment von Kunst zu sein: Sie gibt sich somit, im Licht der Öffentlichkeit, ihren Betrachtern preis.

Koppelt man Kunst nun an öffentliche Räume, so verändert sich der Charakter von Öffentlichkeit – der Raum wird gewissermaßen umgewidmet, umgeschrieben und kann in diesem Sinn als Heterotopie verstanden werden. Der Neologismus Heterotopie wurde vom Philosophen Michel Foucault (1926-1984) geprägt – er meint damit „wirkliche Orte, die in die Einrichtung der Gesellschaft hineingezeichnet sind, sozusagen Gegenplatzierungen, tatsächlich realisierte Utopien, gewissermaßen Orte außerhalb aller Orte, wiewohl sie tatsächlich geortet werden können“. Ein gelungenes Beispiel für eine solche Heterotopie ist die  Messe STROKE ART FAIR  (30.04.-04.05.2014) in München, die junge, spannende und vor allem bezahlbare Kunst präsentiert. Die STROKE nutzt dafür öffentlichen Raum – genauer: Die Praterinsel in München. Dabei verschmelzen öffentlicher Raum und Kunst zu einem Gesamt(kunst)werk, zu urbanem Lifestyle. Überlebensgroße Figuren lehnen an Bäumen, während Wände von Sprayern live vor Ort bemalt werden. Heuer gibt es sogar ein Tattoo-Studio auf der Praterinsel – für alle, die Kunst im wahrsten Sinne des Wortes hautnah erleben wollen.

Öffentlicher Raum wird genutzt, um etwas zu präsentieren, wobei das Zu-Präsentierende selbst auf den Raum angewiesen ist, der es nämlich erst zu dem macht, was es ist. Das heißt: Öffentlicher Raum und Kunst bedingen sich wechselseitig und ergeben erst in Kombination das endgültige Ergebnis. Und damit wird die STROKE Art Fair auch „eine Art junge Protestaktion gegen den klassischen Kunstmarkt, der mit seinen Höchstpreisen eine Welt schafft, die nur einer handvoll Menschen zugänglich ist.“ (Kultur-Port)
Raiko Schwalbe, der gemeinsam mit seinem Bruder Marco Schwalbe die STROKE Art Fair ins Leben gerufen hat, bestätigt das auf der Webseite der Schwestern-Messe ARTMUC (29.05.-01.06.2014), die ebenfalls in München stattfindet: „Im Gegensatz zu vielen anderen Messen geht uns nicht um eine möglichst schnelle Gewinnmaximierung. Die Teilnehmergebühren für die ARTMUC sind daher keine absurden Beträge. Andere Veranstaltungen auf ähnlichem Niveau kassieren gern mal das Zehnfache.“

Was in dem Fall aus der Verbindung von öffentlichem Raum und Kunst resultiert, ist eine Plattform, die sich durch Erlebnis, Gestaltung und Statement auszeichnet. Pop-Art trifft auf Live-Acts, Graffitis auf schreiend bunte Bilder. Kultur-Port prophezeit: „Es ist zu erwarten, dass das Einheitsschwarz der sonst üblichen Kustmessengänger auch bunter Neonkleidung und auffälligen Turnschuhen weichen muss.“ – und vielleicht ist das das größte Verdienst der STROKE: Sie weicht gängige Assoziationen zur Kunst auf und schreibt sich Understatement auf die Fahnen. Überteuerte Farbkleckse auf weißer Leinwand sucht man hier vergeblich – und das ist auch gut so.

– Christina Geyer

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