HOHE LUFT
Kommentare 2

»Zorn verschwindet nicht dadurch, dass man ihn gut kennt«

HOHE LUFT_live zur Philosophie als Selbstpraxis

Der dritte HOHE LUFT_live Abend in diesem Jahr widmete sich ganz dem wahren Leben. Statt analytisch-theoretischer Exegese stand dieses Mal die Philosophie als Selbstpraxis im Vordergrund. Dazu war der Kölner Philosoph, Filmemacher und Musiker Theo Roos zu Gast und sprach mit HOHE LUFT Chefredakteur Thomas Vašek in der vollbelegten modern life school über die Bedeutung der Philosophie als Lebenskunst für den Alltag. 

Was Theo Roos an der universitär geprägten Philosophie vermisst, ist die praktische Umsetzung. Zwischen dem, was Philosophieprofessoren lehren und der Art und Weise, wie sie tatsächlich leben, sieht er eine ziemlich große Diskrepanz, die zu Fragen führt wie »was hat Philosophie mit mir selbst zu tun?« Nach einigen Erfahrungen mit Meditation, Yoga und anderen Formen der Selbstbeobachtung, fand Roos auch in der antiken Philosophie viele Berührungspunkte mit diesem Thema. Für die hellenistischen Philosophen war Philosophie untrennbar mit der Frage nach dem guten Leben verknüpft. Sokrates etwa hielt die Selbstsorge als selbstreflexive Praktik für essentiell um ein gutes, glückliches Leben zu führen.

Für Roos sind weite Teile der Philosophie inzwischen zu intellektualisiert. Sachlichkeit, Logik und Rationalität, akribische Begriffsanalyse – all das hilft im Alltag nicht, seine Probleme in den Griff zu bekommen. »Zorn verschwindet nicht dadurch, dass man ihn gut kennt«, meint Roos. Was wirklich hilft, ist Selbstbeobachtung – und Reflexion. Den hohen Wert der philosophischen Praxis führt er in seinem Buch »Philosophische Vitamine« weiter aus.

Thomas Vašek ist auch der Ansicht, dass Philosophie etwas mit dem wirklichen Leben zu tun hat. Er meint »wenn Philosophie keinen Nutzen für den Alltag hat, ist sie nutzlos«. Sich selbst zu hinterfragen ist für ihn eine Form der Selbstkontrolle, die wir unserer eigenen Selbstachtung schulden. Dies sieht er auch bei den Griechen als maßgebliches Moment der Lebenskunst. Dennoch glaubt er, dass das Rationale nicht zu unterschätzen ist. Gerade wenn im Kopf Chaos herrscht, kann kühle, analytische Klarheit hilfreich sein. Zudem dürfe man sich die alten Griechen nicht uneingeschränkt zum Vorbild nehmen. Schließlich konnten sie sich den ganzen Tag mit sich selbst befassen, während die Sklaven die ganze Arbeit verrichteten. Heute muss sich die Selbstsorge also einem ganz anderen Lebensstil anpassen als damals.
Das Publikum wollte dann natürlich wissen, wie philosophische Selbstpraxis konkret funktioniert. Welche Übungen können mein Leben bereichern? Theo Roos rät dazu, einfach ab und an innezuhalten und den Tag revuepassieren zu lassen. Auch Meditationsübungen sind hilfreich. Das gute alte Tagebuch eignet sich ebenfalls sehr gut zur Selbstreflexion.

Welche Bedeutung hat Philosophie in Ihrem Alltag? Ist Philosophie nur auf Selbstpraxis beschränkt? Wir sind gespannt auf Ihre Meinung.

Das nächste Mal findet HOHE LUFT_live am 02.04. statt. 

2 Kommentare

  1. Es ist bedauerlich, dass selbst die Philosophie vom Ruf nach praktischer Lebensanwendbarkeit nicht verschont bleibt. Ein Ruf der möglicherweise dem Zeitgeist geschuldet ist, demnach nur dasjenige Wert hat, was nützlich ist. Fast reflexartig wird in diesem Zusammenhang auf die Antike hingewiesen. In ihr, so wird diagnostiziert, hätte die Philosophie noch den Charakter einer Lebensschule besessen, während sie heute über weite Strecken zu sachlich, zu logisch, zu rational, ja zu lebensfern sei. Nun: Es ist unbestritten, dass sich einige Denker der Antike insofern der Lebenspraxis zuwandten, als sie die Frage zu beantworten suchten, wie zu leben gut sei. Doch Lebenspraxis und das Nachdenken über selbige sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Während es in dem einen Fall um konkrete Handlungsvollzüge geht, geht es in dem anderen Fall um eine theoretische Beschäftigung mit dem Leben. Das sollte man nicht vergessen. Wenn also überhaupt, dann war die überwiegende Mehrheit der antiken Philosophen am Leben wohl nicht im Sinne einer Lebenspraxis interessiert, sondern im Sinne seines Verstehens. Wie die gesamte Philosophie überhaupt ein Bemühen um Verständnis ist. Ich frage mich ganz grundsätzlich, woher dieser unaufhörliche, penetrante und kaum noch auszuhaltende Schrei nach Praxis rührt. Warum ist es nicht wenigstens in der Philosophie genug, den Versuch zu unternehmen, die Welt bzw. uns selbst als einen Teil davon denkend zu verstehen und mithin ein theoretisches, also logisch organisiertes, Gesamtbild des Wirklichen zu entwerfen, ohne gleich ständig therapieren, heilen oder verändern zu wollen? Es mag hinreichend gute Werkzeuge geben, um das je eigene Leben praktisch zu gestalten. Meditation, Yoga oder Selbstreflexion wurden schon genannt. Die Philosophie aber ist kein solches Werkzeug.

    Bernd Waß, Academia Philosophia

  2. Es ist immer zu unterscheiden zwischen Profession und (ganzer) Mensch. Krasses Beispiel: Der Physiker wird als solcher die Grundlagen für die Atombombe entwickeln, als Mensch wird er sich fragen, ob das auch gut ist und wie man dann damit umgehen soll. Es gab ja in der Philosophie bekanntlich auch Ethiker, die selbst ein eher unmoralisches Leben führten, oder an der Uni Pädagogen, deren Ziel es vorwiegend war, mit ihren Studentinnen ins Bett zu gehen. Es ist zwischen Profession und Mensch zu unterscheiden – die Kluft sollte allerdings auch nicht allzu groß werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.