HOHE LUFT
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Monolog im Dunkeln

Meine Hand ist nicht mehr da. Ich berühre sie zwar, ich rieche das Mückenspray, doch Sehen kann ich sie nicht. Dunkelheit umgibt mich, dabei zeigt das Handy zeigt gerade mal acht Uhr abends. Schuld ist die fehlende Lichtverschmutzung: Ich befinde mich in einem Baumhaus, mitten im Laotischen Dschungel. Die nächste Holzhüttensiedlung ist eine Stunde entfernt, die nächste Strasse oder Stadt doppelt so weit. Ein perfekter Ort zum Philosophieren. Denn Dunkelheit nimmt mir die gewohnte Orientierungshilfe. Wenn ich erkältet bin, kann ich nichts schmecken und nichts riechen, mit Handschuhen fühle ich nicht mehr und meine Ohrstöpsel machen mich fast taub. Aber auf meinen Sehsinn verzichte ich hingegen nur ungern. Was sagt das über mich aus?

Wir gehen wie selbstverständlich davon aus, dass der Mensch fünf Sinne besitzt – auch wenn mancher sich auf seinen sechsten Sinn verlässt. Tatsächlich ist sogar sechs wohl noch zu bescheiden. Was wir Tastsinn nennen lässt sich etwa in mindestens zwei Sinne unterteilen: Wir können nicht nur Oberflächen erfühlen, sondern auch heiß und kalt unterscheiden. Wer zu tief ins Glas schaut, beeinträchtigt damit seinen Gleichgewichtssinn. Auch unser Schmerzempfinden wird heute als eigener Sinn gezählt. Wie viele Sinne wir haben, ist also alles andere als selbstverständlich. Manche Forscher gehen sogar von 21 Sinnen aus. Und da sich unsere Sinne ohne Frage im Laufe der Evolution gebildet haben, ist es nicht per se ausgeschlossen, dass sich uns im Laufe der Zeit noch weitere Sinne eröffnen (oder verschliessen) werden.

Doch ob fünf oder 21: Mein Sehsinn ist mir momentan der wichtigste. Es ist zwar kein richtiger Supersinn, wie etwa beim Hund die Nase oder beim Adler das Auge, aber trotzdem mein Haupt-Sinn. Das Primat des Sehvermögens ist jedoch nicht universell, sondern vielmehr eine Norm des Abendlands. Schon Heraklit ist sich sicher, dass die Augen „genauere Zeugen“ als die Ohren seien, und auch Kant nennt den Sehsinns den „edelsten“ von allen. Bis heute basiert unsere (philosophische) Sprache im beträchtlichen Ausmaß auf Wörtern, die auf den Sehsinn referrien. Platon etwa nannte das, was er als die wirkliche Wirklichkeit empfand die „Idee“ – was Urbild, Erscheinung oder Aussehen bedeutet. Kant wiederum spricht in diesem Sinne von der reinen „Anschauung“. Noch heute wollen wir Einsicht in diese Ideen erlangen. Dazu formen wir aus unseren Gedanken Theorien ( =“die Schau“), bis wir zu einer Erkenntnis gelangen. Und wer die nicht erlangt, hat’s eben nicht „geblickt„.

Natürlich spielen auch die anderen Sinne eine Rolle in der abendländischen Philosophie. Doch innerhalb dieser Sinnordnung steht das Sehvermögen eindeutig im Vordergrund. Der Philosoph und Sinologe Rolf Elberfeld weist darauf hin, dass diese Gewichtung in verschiedenen Kulturen unterschiedlich ausfällt – und uns dies weit mehr beeinflusst, als man zunächst annehmen mag. So erwähnt Elberfeld beispielsweise die Yogacara-Schule des Buddhismus, die eine Theorie des Erfahrungswissen aufstellt, in welcher der Geruch als Interpretationsansatz dient. Unsere Eindrücke und Erfahrungen lagern sich demnach im Körper ab wie Gerüche in Kleidungsstücken. Wir sind von unserem Erfahrungsmuster „durchduftet“. Dass sich diese Gewichtung von Sinnen in Sprache und Kultur niederschlägt, verändert unsere Weisen der Welterschliessung . Der, dessen Sprache und Kultur den Geruch in den Vordergrund stellt, wird sich der Welt wahrscheinlich anders nähern als derjenige, der auf das visuelle fixiert ist. Er wird andere Dinge für wichtig erachten, sich selbst anders definieren. Und er wird vielleicht auch anders philosophieren. Anstatt beispielsweise in der Ontologie den Gegenstand ins Zentrum zu rücken, könnte die Atmosphäre eine bedeutendere Rolle spielen. Solch eine Orientierung ist natürlich nicht zwingend, wird dem Individuum aber durch seine Kultur „nahegelegt“, wie Elberfeld sagt.

Unsere Sinne sind also nicht nur gegeben, sondern auch erlernt. Sie sind ein sozial geprägtes Modell, mit dem wir die Welt interpretieren. Die Nacht im Dschungel hat mir das noch einmal verdeutlicht. Meines persönlichen Supersinns beraubt, stellt sich mir die Welt ganz anders dar – nämlich hauptsächlich akustisch. Jemand, der daran gewohnt ist, sich auf sein Gehör zu verlassen, wäre wohl nicht halb so verloren wie ich. Philosophie heißt, das Gewohnte zu bezweifeln. Manchmal muss man erst im Urwald schlafen, um zu merken, was das eigentlich bedeutet.

– Robin Droemer

 

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