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Sterbehilfe auf schottisch

In Deutschland wird neu über Sterbehilfe diskutiert. Die Regierungspartei CDU arbeitet an einem Gesetzentwurf, der die organisierte Hilfe beim Suizid unter Strafe stellen soll. Es ist ein Thema, das die Gemüter spaltet. Die einen verlangen, souverän über ihr Ende bestimmen zu dürfen. Die anderen sehen das Leben im Alter entwertet, wenn die Schwelle, es planvoll zu beenden, zu niedrig ist. Hilfreich bei der Orientierung ist ein Blick in andere Länder, in denen ähnliche Diskussionen im Gange sind. Der französische Präsident François Hollande plant eine Liberalisierung der Sterbehilfe. In Belgien, Luxemburg und den Niederlanden sind seit einigen Jahren Gesetze in Kraft, die sogar aktive Sterbehilfe gestatten, von Händen des behandelnden Arztes, sofern er gewisse Sorgfaltskriterien beachtet. Besonders interessant, aber hierzulande wenig beachtet, ist die aktuelle Diskussion in Schottland.

Die unabhängige schottische Abgeordnete Margo MacDonald, die an Parkinson erkrankt ist, hat einen Gesetzentwurf ins Parlament eingebracht, der darauf zielt »Menschen mit tödlichen oder lebensverkürzenden oder progredienten Krankheiten, die ihr eigenes Leben zu beenden wünschen, zu ermöglichen, dabei Unterstützung zu erhalten«. Man beachte, dass hier nicht die Rede davon ist, dass der Zustand dieser Menschen unerträglich sei, oder dass ihr Leben nicht mehr wertvoll sei. Sondern allein vom souveränen Wunsch der Betroffenen, ihr Leben zu beenden. Der Entwurf erlaubt Sterbehilfe nur bei eindeutiger und informierter Zustimmung. Das schließt zum Beispiel Fälle von schwerer Depression aus, bei denen solch eine Zustimmung meist nicht möglich ist. Der Journalist Kevin McKenna hat in der Zeitung »The Obverser« eine erbitterte Replik auf den Entwurf geschrieben. »Schottlands Todesengel« nannte er MacDonald und warf ihr »Todesbesessenheit« vor. Und was sind seine Argumente? Vor allem dies: MacDonalds Gesetzentwurf sei »ein Angriff auf die Menschenwürde«. Alte Menschen hätten ein Recht auf gute Palliativpflege, statt sie zu ermutigen, sich selbst zu entsorgen.

Da hat McKenna recht. Aber er hat nicht recht darin, dass dies ein Argument gegen die Möglichkeit von Sterbehilfe ist. Wenn ich mir für mein eigenes Alter etwas wünschen dürfte, dann wäre es sowohl eine gute Pflege als auch die Möglichkeit, Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen, wenn ich diesen Wunsch habe. Es ist aus meiner heutigen Sicht eher unwahrscheinlich, dass ich sie in Anspruch nehme. Aber auch eine Möglichkeit, die nicht in Anspruch genommen wird, kann von Bedeutung sein.

Es wäre tragisch, wenn die Diskussion – ob in Schottland oder in Deutschland – auf ein Entweder-oder hinausliefe: Wenn jene, die sich für bessere Pflege einsetzen, glauben, sie müssten deshalb gegen Sterbehilfe sein; und umgekehrt jene, die für eine Liberalisierung von Sterbehilfe sind, glauben, sie hätten allein damit die Frage eines guten Umgangs mit schwer kranken alten Menschen erledigt. Die beste Antwort ist vielleicht ein Sowohl-als-auch.

Tobias Hürter

2 Kommentare

    • Uwe Kaiser sagt

      Die Ironie ist ja, und man kann dabei Ehrenberg im Hinterkopf haben, dass die Tendenz in die Richtung geht, über alles jederzeit souverän bestimmen zu können, was dann aber auch zu einem Müssen wird. Das gilt allerdings dort nicht, wo Selbstbestimmung sich tatsächlich auf sein Sterben erstreckt, dort endet jede souveräne Entscheidung.

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