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Was Spaß macht, ist verboten

Rauchen, Alkoholkonsum oder Sex – der unbeschwerte Genuss berauschender Mittel wird uns heute zunehmend madig gemacht. Wir leben in einer Verzichtsgesellschaft, die alle Dinge als schädlich verteufelt, die am meisten Spaß machen. Dieser Ansicht ist zumindest der Wiener Philosoph Robert Pfaller, der auf dem diesjährigen Philosophicum als Referent eingeladen war. Laut Pfaller versagen wir uns den ausschweifenden Exzess und trimmen uns auf Mäßigung und Selbstdisziplin (siehe auch HOHE LUFT 06/13). Doch verlieren wir dadurch mehr als wir gewinnen.

Die Mäßigung galt schon den antiken Philosophen als hohe Tugend. Einer stach allerdings aus der Masse hervor – nämlich der als Hedonist berühmte Epikur (341 v. Chr. – 270 v. Chr.). Er erkannte, dass man es mit allem übertreiben kann, nicht nur mit dem Genussleben sondern auch mit der Mäßigung. Wer sich zu maßlos mäßigt, gelangt in einen Exzess der Mäßigung.
Pfaller meint, dass diese Form der Übertreibung in vielen Fällen eine Rolle spielt. Dadurch, dass Werte wie Gesundheit und Selbstbeherrschung absolut gesetzt werden, verliert man aus den Augen, dass diese Werte eigentlich an der Frage gemessen werden müssen, was ein gutes Leben ist, oder in Pfallers Worten „wofür es sich zu leben lohnt“. Das nackte Leben als bloßer Erhalt hat noch keinen Wert – Erst das lebendige Leben ist auch lebenswert. Pfaller bedient sich für seine Theorie dem psychoanalytischen Modell von Ich und Über-Ich, welche sich im ständigen Widerstreit zwischen Neigung und Vernunft befinden. Er beschreibt das Über-Ich als tyrannische Ermahnungsinstanz, die dem Ich die kindische Unvernunft und den Humor austreibt.
Aber gerade die Momente der Unvernunft und der Leichtigkeit sind laut Pfaller die, für die es sich zu leben lohnt. Pfaller spricht von einer Dopplung der moralisch aufgeladenen Begriffe: Statt die Vernunft absolut zu setzen, sollte man auf vernünftige Weise vernünftig sein, sowie, in Rückgriff auf Epikur, Mäßigung nur maßvoll betreiben. Sonst verkehren sich diese Werte in ihr Gegenteil. Pfallers Forderung: wir müssen mehr genießen um nicht zu narzisstischen Sauertöpfen zu werden, die anderen ihr Glück und ihre Freude am Leben neiden.
Dass Robert Pfaller dieses Prinzip ernst nimmt, konnten wir auf dem Philosophicum live erleben – nicht zuletzt in der abendlichen Philosophenbar.

– Greta Lührs

VERANSTALTUNGSHINWEIS

EGG – Die Philosophie-Show. Wider das Phantasma des Binären
Folge 4: FREUD – Kannibalismus oder Fotosynthese? Die Lust an der Angst

Sonntag, 06.10.2013
20 Uhr
im Golem in Hamburg

4 Kommentare

  1. Ich glaube, das Bild von der Verzichts-Gesellschaft ist eine „optische Täuschung“. Sie nimmt die Bühne der öffentlichen Gesellschaft als das Wirkliche der sozialen Gemeinschaft. In der Öffentlichkeit spielen wir ein Schau-Spiel, dort besetzen wir Rollen und rezitieren gelernte Texte auf an-gemessene Weise. Aber das ist die Ober-Fläche. In der Tiefe der sozialen Gemeinschaften, hinter den geschlossenen Türen des Nicht-Öffentlichen, pulst das wahre sinnliche Leben wie eh und je. Aber man redet nicht mit jedem darüber, wo Schauspiel gefragt ist, fällt man natürlich auch nicht aus der Rolle.

  2. Löffel Stephan sagt

    nur ein einziges Wort das ich dazu zu sagen habe:
    Selbstmord
    Das ist die beste Antwort darauf.

    Das einzige was man auf dieser Welt tun MUSS IST STERBEN. Alles andere ist LUXUS.

  3. Pingback: Was Spaß macht ist verboten | Abschluss WS ‘13 — Kress

  4. Marc Pe. sagt

    Wenn ich mir die Gesellschaft anschaue, dann kann sich ein Großteil der Ermahnten in vielen Bereichen sehr wohl angesprochen fühlen von all den „Verboten“ (die sogenanntem, die in vielen Teilen leider überhaupt keine Verbote sind)- und soll es bitte auch! Der Narzisst ist für mich nämlich vielmehr derjenige Mitmensch, der auf Kosten der Gesellschaft völlig unreflektiert, vom Marketing verführt, häufig eben doch über das „vernünftige“ Maß hinaus konsumiert und damit den Weg ebnet, eben nicht nur für seinen eigenen, als vielmehr den gesamtgemeinschaftlichen Verderb. Aber was solls, denn derzeit ist ja die Wissenschaft leider (oder eben zum Glück) noch nicht in der Lage dazu, dass Leben insoweit zu verlängern, damit entsprechende Erklärungsresistente ihre eigene Suppe auslöffeln können. Hingegen ist entsprechende Gruppe, welche in der Tat die Zügel etwas schleifen lassen könnte, wohl deutlich in der Minderheit – diese möge sich aber natürlich oben Geschriebenes zu Herzen nehmen und ihr Leben anreichern mit etwas mehr Genuss.

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