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Vertragen wir uns!

Guten Freunden stehen wir ganz selbstverständlich bei, wenn sie Hilfe brauchen. Selbst dann, wenn wir keine Lust dazu haben. Wir gehen davon aus, dass Freundschaften mit gewissen Verpflichtungen verbunden sind. Wie wäre es, wenn es nicht nur eine moralische Verpflichtung, sondern auch eine juristisch bindende Vereinbarung zwischen Freunden gäbe – einen „Freundschaftsvertrag“? Ein Diskussionsvorschlag von Thomas Vašek (Leseprobe aus HOHE LUFT Nr. 1/2013, erscheint offiziell am 22.11.).

 

6 Kommentare

  1. Gefühle vertragen keinen Imperativ. Das aber wäre ein Vertrag: Er erzwingt ein bestimmtes Verhalten durch Einklagbarkeit (einer Strafe bei Unterlassung).

    Wenn nun aber die Gefühle, die freundschaftlichen, nicht mehr Basis dessen sind, was wir Jemandem tun, dann ist das auch keine Freundschaft mehr. Was tun wir einem Freund?

    Wir besuchen ihn bei Krankheit? „Besuchsdienste“ gibt es auch gegen Geld. Die unterhalten uns, die lesen vor, die helfen im Haushalt, wenn der Kranke das möchte.

    Wir leihen dem Freund Geld? Geld gibt es auch schon gegen Vertrag – von einer Bank.

    Um etwas vertragsgemäß zu bekommen, können wir heute unendlich viele Stelle anlaufen. An Verträgen mangelt es wahrlich nicht. Jeder Download einer App erfordert eigentlich die Lektüre eines dutzendseitigen Vertrags. Jede Fahrkarte im Bus gekauft, geht auch mit einem Vertrag einher. Das BGB regelt Millionen Szenarien, in denen Verträge zustande kommen, ohne dass wir es merken.

    Und nun auch noch ein Freundschaftsvertrag?

    Nein, danke! Wer mag, kann gern seine Freundschaft und die damit einhergehenden Verpflichtungen durch eine Blutsbrüderschaft besiegeln. Am Ende sollte es aber eben eine Frage der Ehre sein, dass man diesen Verpflichtungen folgt – oder eine Frage von Gefühlen.

    Und wer es versäumt, diese Gefühle zu pflegen, die Freundschaft zu pflegen, der sollte nicht darauf hoffen, „in der Not“ auf einen Freund zu bauen.

    Den Wert der Freundschaft in den heutigen Zeiten zu betonen, mag eine gute Idee sein. Sie aber mit einem Vertrag der Jurisdiktion zu unterstellen… Nein, das halte ich für völlig kontraproduktiv. Das Gegenteil sollte geschehen: In Zeiten der Regelungswut unzählicher Institutionen gilt es, die Freundschaft als freiwillige, uneinklagbare, auf Vertrauen beruhende Instanz zu stärken.

  2. Harald Lester Herrmann sagt

    was aber macht das „Gebrannte Kind“? Leider bin ich ein guter Freund und helfe wenn sich Freunde in Not befinden und dass hat bereits allerhand Geld gekostet – zuletzt 10 T Euro, die ich jetzt wiederum gut gebrauchen könnte. Weg. Dennoch stimme ich zu, auf Freunde soll man sich verlassen können und einen Vertrag lehne ich rundweg ab, denn dann gäbe es keine Freundschaft mehr. Nun, ich bin schon 63 Jahre alt und sollte in meinem Leben bereits einige Menschenkenntnis errungen haben. Das einzige was ich wirklich sagen kann ist, wenn mich ein Freund um Hilfe bittet, dann braucht dieser sie auch und wenn er mir die Hilfe nicht danken kann, befindet er sich wohl weiterhin in was immer für einer Notlage und es liegt an mir die Situation zu bewerten. Dann muss ich mir die Frage stellen: Ist der in Not geratene Freund mir wichtig, dass ich am Ende verzichte, etwa auf Rückzahlung der gewährten Summe. Harald Lester Herrmann

  3. Im Grunde ist diese Problematik keine sonderlich neue, sondern eine Variation des bekannten Gesellschaftsvertrages – jedenfalls begreife ich es so. Und ich kann mich lediglich meinen Vorschreibern anschließen und auf die Rechtsgeschichte im Allgemeinen verweisen: dort, wo die Gesellschaft noch verhältnismäßig homogen konstituiert ist und das noch unverschriftlichte Sittenrecht verinnerlicht, d.h. besonders durch Vorleben und Schiedspruch tatsächlich und tagtäglich lebt, bedarf es keiner Verschriftlichung, keiner expliziten Ausformulierung von Verträgen. Erst durch eine recht heterogene Gesellschaft, in der das eigentliche und überlieferte Sittenrecht an Wert verliert, da die Menschen sozusagen einander entfremden oder tatsächlich fremd sind, einander und in ihrer Sprache (in der auch emotional Bedeutung der einzelnen Begriffe) nicht mehr verstehen, das Sittenrecht an Normierungs- und Gestaltungsgewalt verliert, es dort wird es zwingend notwendig, das Sittenrecht zu verschriftlichen und Gesetze zu formulieren, Gesetze zu setzen.

    Besser, als die Verschriftlichung eines fälschlicherweise sog. Freundschaftsvertrages, wäre meines Erachtens der umgekehrte Weg: wenn die tatsächliche und tatsächlich gelebte Freundschaft wieder Grundlage des Gesellschafts- und auch eines Staatsvertrages würde. D.h. man wählte nicht aus einem reinen Formalismus heraus („blind“) Parteien und Kandidaten, deren Interesse gegenwärtig in den weitaus selteneren Fällen dem Gemeinwohl dienen dürften, sondern zunächst einen solchen Repräsentanten, der das freundschaftliche Vertrauen genießt und dieses freilich auch verdient. Hierbei sind freilich noch außer Betrachtung derartige Entsendungen auf nicht-lokaler Ebene, sowie die Fachkompetenzfrage. Ich hoffe allerdings, dass zumindest der Grundgedanke ausreichend schlüssig von mir dargestellt werden konnte.

    Vielen Dank und mit den besten Wünschen, MR.

    Nachtrag: Alles Vorangegangene gilt freilich nicht nur für Männer, sondern gleichsam für Frauen, wenn auch nicht explizit formuliert.

    • Korrektur:

      Im ersten Absatz, Satzabschluß muss es richtig heißen „[…] erst dort wird es zwingend notwendig, das Sittenrecht zu verschriftlichen und Gesetze zu formulieren, Gesetze zu setzen.“

  4. Ich kann den Text von Ralf Westphal nur „bejahen“
    Freunschaft mit einen Regelwerk erzwingen oder einrahmen bewirkt das Gegenteil von dem was es erreichen soll.

    Eine witzige Idee für einen Film wäre es aber. Man stelle sind Kinder im Alter von ca 7-8 Jahren vor, die ihre freundschaft aus Sankastenzeiten im Alter von 14 Jahren dann vertraglich, noch unter beisein der Eltern reglen müssen. Dann nochmal ab 18 Jahren

  5. marlowe sagt

    Wenn ich Vasek richtig verstanden habe, dann unterscheidet er die Freundschaft als Idee und die „Praxis der Freundschaft“. Der Freundschaftsvertrag zielt auf die Praxis. Er soll ihr mehr Verbindlichkeit einhauchen und bindet sie so auch an die „öffentliche Sphäre“ an. Ich glaube nicht, dass die Verbindlichkeit vertraglich gestärkt werden kann. Was für Geschäftsbeziehungen, ja vielleicht sogar für die Ehe/Partnerschaft gilt, geht meiner Ansicht nach am Wesen der Freundschaft vorbei. Freundschaft hält die Asymmetrie der gegenseitigen Bedürfnisse/Ansprüche aus. Man ist sich zugetan und denkt -Gott sei Dank- nicht über den Ausgleich von Ansprüchen nach. Freundschaft ist außerdem (reine) Gegenwart und auch darum der Vertragssphäre, die immer die Zukunft im Blick hat, entzogen.

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