Europa, HOHE LUFT, Politik
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Fassade hier, Fassade dort

Fassade hier, Fassade dort

Europa steckt tief in der Krise. Kann die Philosophie den Alten Kontinent retten? Sie versucht es zumindest. Zwei der angesehensten deutschen Philosophen, Jürgen Habermas und Julian Nida-Rümelin, haben gemeinsam mit dem Ökonomen Peter Bofinger einen Text in der FAZ veröffentlicht, in dem sie einen Rettungsplan für Europa skizzieren. Beschwerliche Lektüre, aus der sich eine knappe Devise ziehen lässt: alles oder nichts! Entweder Europa kehrt zurück zu Nationalstaaterei samt D-Mark, Franc und Lire, oder wir machen jetzt mal richtig Ernst mit der europäischen Einigung. Die drei Denker sind natürlich für zweiteres. Sie wollen die politische Einheit tiefer in den Verfassungen verankert sehen. Dazu fordern sie ein Plebiszit, um aus der »marktkonformen Fassadendemokratie« eine echte Demokratie zu formen. So könne sich der Kontinent vom ökonomischen Kummerkind zum politischen Avantgardisten machen.

Kann der geballte akademische Intellekt die europäische Einheit retten? Der amerikanische Historiker Perry Anderson bezweifelt es. In einem Essay in der Zeitschrift New Left Review greift er den »europäischen Narzissmus« von Habermas & Co. an. Anderson wirft ihnen vor, sich beim Nachdenken über Europa in einen selbstgefälligen Diskurs verstiegen zu haben, der mit der politischen und sozialen Wirklichkeit außerhalb der Academia nur noch wenig zu tun hat. Als Fallbeispiel nimmt er das jüngste Habermas’sche Buch über Europa: »Zur Verfassung Europas«. In dessen 60-seitigem Hauptstück über »Die Krise der Europäischen Union im Lichte einer Konstitutionalisierung des Völkerrechts« hat Anderson rund hundert Referenzen gezählt. Drei Viertel davon verweisen auf deutsche Autoren, davon wiederum die Hälfte auf drei Kollegen, mit denen Habermas eng zusammenarbeitet, oder auf Habermas selbst. Der Rest, fand Anderson, sei ausschließlich angloamerikanisch, dominiert von dem britischen Habermas-Jünger und Gaddafi-Freund David Held.

Habermas, dekoriert mit so vielen europäischen Preisen wie Orden an der Brust eines Breschnjew-Generals, sei offenbar Opfer seiner eigenen Eminenz geworden: Er lebe in einer geistigen Welt, in der es nur noch ihn und seine Bewunderer gibt, ohne eine Ahnung vom wirklichen kulturellen und politischen Leben in Europa.

Kurzum: Anderson sieht bei Jürgen Habermas so viel Fassade, wie dieser der europäischen Demokratie zuspricht. Er hat wohl recht mit der Fassade. Aber das bedeutet nicht, dass nicht auch Habermas recht hat mit seinem Plädoyer für mehr Europa. Es gibt Fassaden, hinter die zu schauen sich lohnt, statt nur an ihnen zu rütteln.

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  1. Ich kenne mich leider mit Habermas nicht aus, aber warum richten wir unseren Blick nicht öfter mal nach Süden, wenn es um Perspektiven für Europa geht? Zu fremd, zu unzivilisiert, zu wenig intellektuell?
    „Noch immer ist der Süden in den Augen des Nordens Synonym für eine zurückgebliebene Gesellschaft, für Armut, Abweichung, Unterdrückung und Aberglaube, meint Franco Cassano, Soziologieprofessor an der Universität Bari. Für ihn wäre eine Aufwertung der südlichen Kulturen allerdings eine Möglichkeit, den Westen aus einer Lebensweise herauszuführen, die geprägt ist von krank machender Beschleunigung, Umweltzerstörung und Ökonomisierung aller menschlichen Beziehungen. Vor allem im südlichen Mittelmeer seien Spuren eines alten Kultursystems, in dem sich seit Jahrhunderten verschiedene Kulturen gegenseitig beeinflussen, noch vorhanden. Es sei eine Kultur der Langsamkeit, der Weisheit, des sozialen Miteinanders und des kulturellen Kompromisses. Im Hinblick auf den wirtschaftlichen Vorsprung des Nordens fragt er, wie Länder, die nicht von der religiösen Ethik des Protestantismus geprägt sind, einen Prozess der Rationalisierung ankurbeln sollen.“ (Ausschnitt aus dem Artikel „Südliche Gedanken“ für il Deutsch-Italia).
    Das Buch von Fanco Cassano heißt „Il pensiero meridiano“ und liegt leider nicht in deutscher Übersetzung vor.

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