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„Wenn ich mal groß bin, werde ich Philosoph.“

Unter den Berufswünschen von Kleinkindern belegt „Philosoph“ wohl eher einen der hinteren Plätze. Ist ja auch logisch: Philosophen tragen keine Uniform, und sie fahren auch nicht Bagger. Im Normalfall jedenfalls nicht. Aber was ist schon der Normalfall? Es ist ja nicht einmal eindeutig, wen man heutzutage als Philosoph betitelt. Die Antwort auf die Frage nach dem Beruf Philosoph sucht man traditionell an den Universitäten. Denn Philosophie zählt zu den klassischen Studienfächern. Allerdings werden nur die wenigsten Philosophiestudenten auch gleich als Philosophen bezeichnet. Nach dem Abschluss ergreifen sie die verschiedensten Berufe, und nur ein paar von ihnen versuchen ihr Glück in der Wissenschaft. Als Professoren lehren sie dann Philosophie und veröffentlichen fleißig neue Forschungsergebnisse. Aber ist der Beruf des Philosophie-Professors identisch mit dem des Philosophen?

Heutzutage begegnet man der Bezeichnung „Philosoph“ hauptsächlich im Fernsehen, Radio oder der Zeitung. Dauertalkshowgäste wie Richard David Precht oder Peter Sloterdijk sind zwar auch als Professoren tätig, werden aber trotzdem nur als Philosophen vorgestellt. Der Grund dafür ist sicherlich ihre Medienpräsenz. Im Gegensatz zu anderen Philosophie-Wissenschaftlern erreichen sie ein großes und breit gefächertes Publikum anstelle von kleinen Fachzirkeln. Philosophen wie Precht und Sloterdijk äußern sich so, dass man ihnen ohne großes Vorwissen folgen kann. Manch einer wirft ihnen deswegen Simplifizierung vor. Andere hingegen begrüßen es als einen Weg aus dem Elfenbeinturm. Unabhängig von der jeweiligen Bewertung zeigt sich hier jedoch das zentrale Kriterium eines modernen Philosophenbegriffs: Öffentlichkeit. Wer es wagt, sich einem größeren Publikum zu öffnen, wird dafür mit dem Titel des Philosophen geehrt.

Dabei war schon in der Antike nicht etwa die Lesestube das Revier des Philosophen, sondern der Marktplatz. Viele seiner bekannten Dialoge führte der Ur-Philosoph Sokrates auf der Agora von Athen. Hier konnte ihm jeder lauschen, der gerade vorbei kam. Wer es tat, hörte keine verschlüsselten Fachdiskussionen. Vielmehr hinterfragte Sokrates das vermeintliche Wissen seiner Gesprächspartner so, dass ihm seine Zuhörer möglichst unabhängig vom Bildungsstand folgen konnten.

Natürlich ist weder Sloterdijk noch Precht ein moderner Sokrates. Diese Behauptung wäre vermessen. Aber auch sie versuchen, Philosophie einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Mithilfe der Philosophie bereichern sie gesellschaftliche Diskurse, was nicht zuletzt dazu beiträgt, die Philosophie lebendig zu halten. Zwar ist und bleibt die Philosophie vordergründig eine Wissenschaft. Allerdings schottet sie sich nicht vom Rest der Welt ab. Manche Wissenschaftler verlassen den geschützten akademischen Raum und bauen Brücken in den Alltag, womit sie sich den Titel des Philosophen verdienen. Für diese Tätigkeit hätten sie eigentlich einen Orden verdient. Damit ließe sich dann auch der Status des Philosophen in Spielplatzdiskussion enorm steigern.

 

3 Kommentare

  1. Axel Katt sagt

    Ich sehe nicht die Öffentlichkeit als zentrales Kriterium eines Philosophens.

    Denn verdient sich der Philosophie-Professor wirklich erst dann den Titel des Philosophens, wenn er sich der Öffentlichkeit in Fernsehen, Radio oder einer Zeitschrift mitteilt?
    Steht nicht auch der Hörsaal einer jeden interessierten Person offen, so wie die Agora jedem Bürger offen gestanden hat?

    Gruß
    Axel

    • Robin_Droemer sagt

      Lieber Axel,
      Ich denke, es gibt einen Unterschied zwischen Öffentlichkeit des Hörsaals und der Öffentlichkeit des Philosophen.
      Du hast recht: Hörsaal und Seminarraum stehen prinzipiell jedermann offen. Doch sie sind nicht auf jedermann ausgerichtet. Sie haben ein sehr spezielles Zielpublikum. Es werden bestimmte Kenntnisse vorausgesetzt, die Sprache ist meist sehr anspruchsvoll und voller Fachtermini. Das hat seine Berechtigung, denn hier wird Wissenschaft betrieben. Prinzipiell steht der akademische Diskurs also jedem offen, aber de facto richtet er sich an eine kleine Interessengruppe. Er ist sozusagen passiv öffentlich.
      Der Philosoph hingegen richtet sich an breites Publikum. Er will Philosophie für gegenwärtige politische und gesellschaftliche Fragen fruchtbar machen. Dafür muss er sich in seinen Büchern und öffentlichen Auftritten dem entsprechend verständlich ausdrücken. Man muss ihm auch ohne Vorkenntnisse folgen können, wenn seine Worte Gehör finden sollen.
      Der Philosoph sucht also aktiv die Öffentlichkeit.

  2. Maikrophon sagt

    Sehr schön, sehr schön. Wichtig finde ich zu erwähnen welche Stellung „DIE“ großen Philosophen bis vor einer gewissen Zeit innehatten. Sie verknüpften wissenschaftliche Disziplinen und schalteten sich öffentlich in Debatten ein. Von den Vorsokratikern, über Montaigne, Marx bis hin zu Nietzsche und Humboldt, waren viele Philosophen Darstellungskünstler und starke Rhetoriker. Sie versuchten sich in allen möglichen Arbeitsgebieten und waren quasi Allgemeingelehrte. Das Problem heutzutage ist das durch die rasante Akkumulierung von Wissen dies kaum noch möglich ist. Sagt Precht Liebe, sage ich Quantenphysik, sagt Sloterdijk Wissen könnte jemand anderes Geomorphologie sagen. Es ist quasi nicht mehr möglich auch nur einen umfassenden Überblick zu haben. Daraus erschließt sich meiner Meinung nach ein Dilemma für den Philosophen, als auch die Philosophie so wie sie sich selbst, und auch wir sie lange verstanden haben. Auf der anderen Seite ist es eine Chance für eine Neuausrichtung, darum finde ich es nicht schlecht wenn Precht (der hübsche, geschniegelte Klugscheißer-Philosoph, wie er einmal in der Bildzeitung genannt wurde) und andere sich in das Geschehen, sei es Politik, Wirtschaft etc. einmischen. Prechts Bücher lassen zwar ein wissenschaftliches Arbeiten missen, dies ist jedoch auch nicht ihr Anspruch. Ich finde es gut wenn Leute Precht lesen, sich das Literaturverzeichnis angucken und daraufhin weiter eintauchen in die Welt der Philosophie. Es ist auch sehr amüsant wenn man in einem Seminar über Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft sitzt und jemand neben einem fragt: Immanuel wer? Ich glaube das die alten Philosophen in ihren Gräbern würden, sähen sie wer oder was heutzutage als Philosoph tituliert wird, allerdings muss man nicht krampfhaft an solch einem hochgestochenen, idealistischen Bild festhalten. Im Grunde genommen sind wir heute in der Situation das fast jeder sich als Philosoph versuchen kann. Und war nicht das Platons Wunsch als er seine Academia gründete? =)

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