Reflexe #10: Vergangenheit und Gegenwart

Ist das Vergangene wirklich vergangen oder ist es immer noch da? Jörg Friedrich bespricht die Thesen der Philosophin Susan Neiman zur Frage, welche Form von Verantwortung aus der persönlichen Vergangenheit folgen könnte. 

Inwiefern tragen wir heute lebenden Verantwortung für das, was unsere Vorfahren getan haben? Gibt es eine Verantwortung für die Vergangenheit, haben Menschen, die geboren wurden, als ein böses Geschehen längst vorbei war, irgendeine Verantwortung für das, was da passiert ist? Das ist eine Frage, die gerade in Deutschland die Gemüter bewegt. „Verantwortung für die Vergangenheit“ heißt auch der Beitrag von Susan Neiman zu dem Sammelband „Alles relativ?“, aus dem ich schon in meiner vorhergehenden Kolumne einen Beitrag besprochen habe. Dort habe ich gesagt, dass es interessant ist, diese beiden Beiträge einmal gedanklich zusammenzuführen. Aber der Reihe nach.

Susan Neiman ist eine jüdische Amerikanerin, die mit kurzen Unterbrechungen seit drei Jahrzehnten in Deutschland arbeitet. In ihrem Beitrag vergleicht sie kenntnisreich den unterschiedlichen Umgang mit der Vergangenheit in Deutschland und in anderen Ländern, insbesondere in den USA. Der Grund dieses Vergleichs ist für einen philosophischen Text ungewöhnlich tagesaktuell: Gerade hat Donald Trump den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf für sich entschieden, gerade haben die Briten den Austritt aus der Europäischen Union beschlossen. Susan Neiman konstatiert überall in der westlichen Welt eine Zunahme rechter, rassistischer und populistischer Einflüsse. Sie kommt jedoch, angesichts der ebenfalls gerade erst erlebten Willkommenskultur in Deutschland, zu der Einschätzung, dass die Dinge in Deutschland anders liegen als in den anderen Ländern. Ihre These lautet: In Deutschland können Rassismus und Fremdenfeindlichkeit nicht im gleichen Maße erstarken, haben autoritäre und populistische Herrscher nicht die gleiche Chance, Einfluss auf die Stimmung der Gesellschaft zu nehmen, weil hier in einem ganz anderen Umfang als anderswo Verantwortung für die Vergangenheit übernommen worden ist.

Kein philosophischer Text

Der Text ist nicht im engeren Sinne ein philosophischer Text, dazu ist er zu wenig reflektiert, dazu befragt er seine eigenen Voraussetzungen und Begrifflichkeiten zu wenig. Er ist eher ein empirisch-zeitdiagnostischer Text, der für konkrete Beobachtungen eine begründende These aufstellt um diese wiederum durch den Rückgriff auf Tatsachen zu begründen. Sie konstatiert für Deutschland eine Kultur der Aufarbeitung von Vergangenheit und der Erinnerung an die vergangenen Geschehnisse, eine immer wieder neu auflebende Auseinandersetzung mit den Untaten deutscher Soldaten, Richter, Beamter usw., die es in anderen Ländern nicht gibt. Sie spricht von Hiroshima, von der Sklaverei, vom Krieg in Vietnam und vermisst nicht nur Debatten darüber in den USA, sondern auch eine Erinnerungskultur, wie sie etwa in Deutschland zur Errichtung des Holocaust-Denkmals in Berlin oder zur Anbringung von Stolpersteinen in deutschen Städten geführt hat.

Auch wenn also Neimans Aufsatz kein philosophischer Text ist, lädt er doch zum philosophischen Weiterdenken ein. Da ist zum einen der Begriff der Verantwortung. In welchem Sinne kann man denn überhaupt Verantwortung für die Vergangenheit haben? Was heißt hier Verantwortung?

Wenn wir sagen: Du trägst die Verantwortung für das Wohl deiner Kinder, oder „Der Fahrer des grünen PKW ist für den Unfall verantwortlich“, oder „Du bist dafür verantwortlich, dass wir pünktlich ankommen“ – dann bedeutet Verantwortung immer eine Aufforderung zum Handeln, das sicherstellt, dass ein bestimmtes Ereignis eintritt oder eben nicht. Wenn etwas passiert, was nicht passieren sollte, dann hat der Schuld, der die Verantwortung für die Ereignisse trug. Verantwortung haben bedeutet, die Geschehnisse zu verschulden, sei es, die gewünschten, oder die, die nicht erwünscht waren.

Zwei Bedeutungen von Verantwortung

In diesem Sinne können wir heute Lebenden nicht für den Holocaust verantwortlich sein, nicht für den Krieg, nicht für die Zerstörung Europas.

Im ersten meiner Beispiele klang aber schon eine etwas andere Bedeutung von Verantwortlich-Sein an. Sagen wir einfach: „Du bist für deine Kinder verantwortlich“, dann bedeutet das schlicht: Du musst dich um sie kümmern. Du musst schauen, wie mit ihnen umgegangen wird, musst dich damit beschäftigen, was sie tun und was sie wollen, und du musst, wenn du meinst, dass es notwendig ist, eingreifen.

In diesem Sinne ist Verantwortung genau das, was Martin Heidegger in Sein und Zeit mit dem Begriff der Sorge, genauer, der Fürsorge bezeichnet hat.

Aber kann man für etwas sorgen, was in der Vergangenheit liegt?

Hier drängt sich der berühmte Satz William Faulkners in die Erinnerung: „Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen“.

Die Anwesenheit der Vergangenheit

Die Vergangenheit ist präsent, sie ist anwesend. Sie existiert in den Erinnerungen, in den Geschichten, in den Biografien. Darin, dass die Nachfahren deutscher Juden in Israel geboren werden, darin, dass jüdische Großeltern ihren Kindern von der Shoa erzählen, ist Vergangenheit anwesend. Darin, dass in europäischen Städten oft kaum Häuser stehen, die älter sind als 70 Jahre, ist Vergangenheit anwesend. Darin, dass ein alter Mann mit Tränen an der Normandie-Küste steht, und in den verwitternden Soldatenfriedhöfen ist Vergangenheit anwesend.

Mit dieser präsenten Vergangenheit müssen wir umgehen, für sie müssen wir sorgen, für sie sind wir verantwortlich.

Susan Neiman hat für dieses Umgehen, für diese Fürsorge Begriffe genannt: „Vergangenheitsaufarbeitung, Vergangenheitsverarbeitung und Vergangenheitsbewältigung“ als Begriffe der Fürsorge scheinen sie alle nicht gut geeignet zu sein, am wenigsten der, den wir am häufigsten benutzen, der der Bewältigung der Vergangenheit.

Aber warum sollten gerade wir für diese Sorge zuständig sein, warum sollten gerade wir Verantwortung für diese Vergangenheit haben. Verschwindet eine solche Sorgepflicht nicht mit denen, die die Vergangenheit verursacht haben? Weil wir Deutsche sind, wie es die Täter waren? Nein.

Susan Neiman gibt uns zu dieser Frage einen Wink, wenn sie mit Bezug auf die Verbrechen der Wehrmacht schreibt: „Jeder Deutsche hatte, wenn er nicht selbst dabei gewesen war, einen Vater, einen Sohn oder einen Bruder, der in der Wehrmacht gedient hatte.“

Unsere heutige Verantwortung für die Vergangenheit resultiert also nicht daraus, dass wir Deutsche sind, sondern daraus, dass es unsere Großeltern waren, die sich an den Verbrechen des Regimes beteiligt haben. Damit kommen wir zu der Verbindung zu meiner Kolumne zum Beitrag von Barbara Bleisch zum Sammelband „Alles relativ?“. Wenn wir beide Aufsätze zusammenlesen, könnten wir zunächst die These formulieren: Verantwortung für die Vergangenheit, auch im gesellschaftlichen Sinne, ist zunächst einmal familiäre Verantwortung. Es ist eine Verantwortung, die aus dem besonderen Vertrauensverhältnis zu unseren Eltern und Großeltern entsteht, aus dem intimen familiären Wissen und aus den alltäglichen Traditionen und Selbstverständlichkeiten, die sich in der Familie herausbilden.

Es beginnt ganz einfach vielleicht mit dem traditionellen Weihnachtsrezept, das die Urgroßmutter aus der „alten Heimat“ mitgebracht hat. Oder es beginnt mit den vergilbten Fotos des Urgroßvaters in Uniform.

Vor allem aber bildet sich diese Verantwortung auf einer Abwesenheit von Wissen und von Vertrautheit. Oft gibt es eine Lücke in den selbstverständlichen Gewissheiten in der Familie, in der Geschichte unserer direkten Vorfahren. Geraunt wird, dass der Vater des Vaters erst Anfang der 1950er aus der Gefangenschaft wiedergekehrt ist, dass sein Bruder in Polen verschollen ist, dass der Onkel mütterlicherseits ja Glück hatte, weil er in Norwegen war. Die Großmutter deutet derweil dies und das an von der Flucht übers Eis, und dass das kleinste Geschwisterchen die Kälte und den Hunger nicht überstanden hat.

Fürsorge für die Vergangenheit

Wo viel geschwiegen wird an Stellen, an denen eigentlich eine lange Geschichte stehen könnte, und Großeltern erzählen gern Geschichten, da werden Lücken mit historischem Wissen gefüllt und es drängt sich die Vermutung ins Bewusstsein, dass die lieben Omas und Opas etwas verbergen, was doch wichtig auszusprechen wäre. Wir sehen derweil Filme, lernen Fakten in der Schule, gehen in Museen und wissen: Das waren unsere Großeltern.

Die Verantwortung für die Vergangenheit beginnt also mit dem Flicken von Löchern, mit dem ausfüllen von Lücken, mit der Wiederherstellung eines familiären Vertrauensverhältnisses. Mit dem Verstehen des Handelns und des Schweigens der Menschen, die uns die nächsten sind.

Vergangenheit ist nicht vergangen, sondern lebendig, präsent, sie existiert weiter. Verantwortung für die Vergangenheit bedeutet, sie am Leben zu erhalten. Und es geht nicht um die Handlungen einer abstrakten Nation mitten in Europa, es geht um die Vergangenheit unserer ganz persönlichen Vorfahren, auf deren Sediment wir unser eigenes ganz individuelles, persönliches Leben aufbauen. Verantwortung für die Vergangenheit hat nichts mit Kollektivschuld zu tun, hat nichts zu tun mit der Idee, dass wir Deutschen immer noch schuldig sind, weil wir nun mal Deutsche sind.

Warum nicht „Vergeben und Vergessen“?

Aber warum sollten wir diese Vergangenheit am Leben erhalten? Warum nachfragen, warum Lücken schließen, warum Vergessenes und Verdrängtes wieder ans Licht bringen? Könnte man nicht auch den gnädigen Mantel des „Vergeben und Vergessen“ darüber breiten. Können wir nicht akzeptieren, dass Menschen an ihre eigenen Verfehlungen und Schwächen nicht erinnert werden wollen?

Susan Neiman schreibt dazu: „Vergangenheitsaufarbeitung ist eine Art von moralischem Training, das uns helfen kann, komplexe Formen des Bösen ebenso zu erkennen wie einfache.“ Wir können nun ergänzen: Gerade weil es unsere persönlichen Ahnen sind, die das Böse getan haben, Menschen, die uns im Arm und auf dem Schoß hatten, als wir klein waren, hilft uns die Übernahme von Verantwortung für die Vergangenheit auch, unsere eigene Verführbarkeit für das Böse, unsere eigenen Schwächen und Fehlurteile zu erkennen und damit umzugehen zu lernen, so dass wir lernen können, uns in unserem eigenen Leben gegen die Verführung des Bösen zu immunisieren.

Jörg Friedrich lebt in Münster und ist Philosoph und IT-Unternehmer. Er schreibt und spricht vor allem über technik-und wissenschaftsphilosophische Themen und Fragen der praktischen Philosophie (Ethik, politische Philosophie, philosophische Ästhetik). In seiner monatlichen Kolumne »Reflexe« reflektiert er über einen aktuellen philosophischen Ansatz und lädt zum kritischen Weiterdenken ein.