Ontologischer Faschismus

Das Stichwort auf Martin Heideggers Notizzettel lautet »Rasse«; darunter steht, in der Handschrift des Philosophen, folgender Satz: „Wenn eine Rasse die Berührung mit dem, was allein Beständigkeit hat und geben kann – mit der Welt des Seyns – verloren hat, dann sinken die von ihr gebildeten kollektiven Organismen, welches immer ihre Größe und Macht sei, schicksalhaft in die Welt der Zufälligkeit herab.“

Das Zitat stammt wörtlich aus dem Buch »Erhebung wider die moderne Welt«, das im Jahr 1935 erstmals auf deutsch erschienen ist; nur die Schreibweise «Seyn» hat Heidegger an seine eigene angepasst. Der Autor des Werks ist der italienische Kulturphilosoph und Esoteriker Julius Evola (1898 – 1974) – ein Rassist und Antisemit, der die SS als heldenhaften Eliteorden verehrte, eine faschistische Rassenlehre entwickelte und ein Vorwort zu den »Protokollen der Weisen von Zion«  schrieb. Nach dem Krieg verehrten ihn die italienischen Faschisten, bis heute gilt er extremen Rechten in ganz Europa als Leitfigur, auf ihn beruft sich auch der russische Nationalist Alexander Dugin.

Das bislang unpublizierte Exzerpt, das dem Autor vorliegt, könnte der anhaltenden Heidegger-Debatte eine neue Richtung weisen. Im veröffentlichten Werk des Philosophen taucht der Name Evola nicht auf, und auch die Heidegger-Forschung hat von ihm kaum Notiz genommen. Selbst die italienische Philosophin Donatella di Cesare erwähnt Evola in ihrem 400 Seiten starken Buch zu Heideggers Antisemitismus (»Heidegger, die Juden, die Shoa«, Klostermann) kein einziges Mal. Und doch legen Textvergleiche nahe, dass Heidegger Evola nicht bloß gelesen hat, wie sein Exzerptzettel belegt, sondern ab Mitte der 30er Jahre auch von seinen Ideen beeinflusst war, von der Wissenschafts- und Technikkritik über den Antihumanismus und die Ablehnung des Christentums bis hin zu seinem »geistigen« Rassismus. Die Parallelen reichen womöglich bis in die Tiefenstruktur ihres Denkens: Beide verfolgten das palingenetische Projekt einer geistig-politischen Radikalerneuerung, um den Niedergang der modernen Welt zu überwinden und einen angeblich unverdorbenen »Anfang« neu zu begründen.
(Aus: Thomas Vašek: „Ein Spirituelles Umsturzprogramm“, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 30. 12. 2015)

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