Im Zweifel für den Zweifel?

Im Fackelschein eines olympischen Feuers und unter den wachsamen Augen einer bronzenen Platon-Büste fand am 27.08. in der Modern Life School wieder einmal HOHE LUFT_live statt. Das Gespräch zwischen HOHE LUFT Chefredakteur Thomas Vašek und der Philosophin Heidi Salaverría drehte sich dieses Mal um das Thema „Zweifel“. Geboten wurde dem zahlreich erschienenen Publikum ein mitreißender und streckenweise überaus leidenschaftlich geführter Disput, der auch von Beiträgen der Zuschauer bereichert wurde.

Salaverría trug so etwas wie eine Apologie des Zweifels vor, während Vašek im Akt des Zweifelns eher eine Büchse der Pandora sah. Die konträren Ansichten der Diskutierenden über Wert und Unwert des Zweifels stießen in einem lebendigen Streitgespräch aufeinander, das einmal mehr vor Augen führte, dass Philosophie mehr ist als das stille Lesen von Texten.

Zunächst verwies Salaverría auf die historischen Dimensionen des Zweifels. Seit dem Mittelalter sei dieser negativ konnotiert, da vor dem Hintergrund eines christlichen Weltbildes die Grandiosität von Gottes Schöpfung in keiner Weise in Frage gestellt werden durfte. Der Zweifel war Gotteslästerung. Doch avancierte er in der Neuzeit durch Descartes zum brauchbaren Instrument der Selbstvergewisserung. Wie Salaverría ausführte, rehabilitierte der französische Philosoph den Zweifel, indem er ihn zum notwendigen Vorstadium bei der Erlangung verlässlichen Wissens erklärte.

Das Wort Zweifel, so die wie gedruckt sprechende Diskutantin, lasse sich etymologisch auf das mittelhochdeutsche zwîvel zurückführen, was so viel bedeutet wie „doppelt, zweifach, gespalten“. Man zweifelt erst, sobald man vor zwei (oder mehreren) Handlungsoptionen steht. Nun kreidete Salaverría aber die zeitgenössische „Entweder-Oder-Egal“-Mentalität an, die uns quasi mit gezogener Pistole zur sofortigen Entscheidung auch in den gewichtigsten Fragen nötige. Es bestehe ein gesellschaftlicher Zwang zur unverzüglichen Positionierung, zu allem müsse man wie auf Knopfdruck eine Meinung haben. Entweder man sei dafür oder dagegen – wer sich phlegmatisch verhalte, der stimme im Grunde nur einem der Standpunkte zu, ohne jedoch dafür Verantwortung übernehmen zu wollen. Insofern gebe es heutzutage keinen Platz mehr für die kontemplative Betrachtung eines zu beurteilenden Sachverhalts, sich zweifelnd einer Stellungnahme zu enthalten sei verpönt.

Doch gerade im Zwielicht des Zweifels gewännen die Dinge mitunter an Kontur. Der Zweifelnde sei ein Suchender, ein Getriebener, jemand, den es zu neuen Ufern zieht. Eine geradezu amouröse Neigung zum Unbekannten treibe denjenigen an, der sich nicht von falschen Gewissheiten einlullen lasse. Der Zweifel habe ein nicht zu verleugnendes kreatives Moment, er dürfe in seiner Funktion als Steigbügelhalter des Neuen nicht verkannt, sondern müsse vielmehr kultiviert werden. Als Beispiel für einen solchen produktiven Zweifel führte Salaverría an, was Kant über das Zustandekommen von ästhetischen Urteilen gesagt hat. Wenn wir uns über ein Kunstwerk eine eigene Meinung bildeten, so gingen die Kriterien, anhand deren wir die Güte einer Sache beurteilen, in einen freien Aggregatszustand über und es käme zu einer spontanen Neuordnung unserer inneren Bewertungsschemata.

Aber spätestens an diesem Punkt wurde das Räuspern Vašeks vernehmlich lauter. Das alles klänge schön und gut – aber sei der Zweifel nicht etwas, das es prinzipiell zu überwinden gälte? Wer verharre schon gerne im peinigenden Zustand der Ungewissheit. Der Zweifel dürfe nicht zum Selbstzweck werden. Sich im Unentschiedenen zu suhlen, führe zur Lebensuntauglichkeit. Was einen voranbringt, sei die Entscheidung, also die Neutralisierung des Zweifels. Auch aus dem Publikum wurde Kritik an der Verklärung des Zweifelhaften laut. Ein Gast bemerkte, dass gewohnheitsmäßiger Zweifel schnell zur selbstbezogenen Grübelei entarte. Ein anderer Zuhörer wies daraufhin, ob denn im Moment des Todes der nagende Zweifel daran, ob man ein erfülltes Leben hatte, immer noch so reizvoll sei oder ob das große Finale der eigenen Existenz nicht vielmehr in einer rückhaltlosen Bejahung des zurückliegenden Lebens münden sollte. Mag sein, dass der Zweifler – siehe Hamlet – cooler ist als ein solider Typ, der mit sich selbst im Reinen ist. Die Selbstgewissheit von letzterem sollte man ihm jedoch nicht unbedingt als Selbstgefälligkeit auslegen. Manche Dinge, insistierte Vašek, ließen sich einfach nicht sinnvoll in Frage stellen. Zweifel, dass dies eine gelungene Veranstaltung war, bestanden jedenfalls keine.

 – Danilo Flores

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