Zweifelnd glauben

»Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube« lässt Goethe seinen Faust ausrufen. Seither steht dieses Zitat für den Zweifel an der Religion und ihrer Lehre wie Auferstehung, Wundervollbringung oder Schöpfungsgeschichte. Die Wahrheit von etwas zu bezweifeln, das sich nicht beweisen lässt, ist doch auch ziemlich naheliegend, oder? Wieso glauben wir trotzdem so vieles, das wir nicht erklären können?

Am 05. Februar widmete sich HOHE LUFT_live dem besonderen Thema »Glaube und Zweifel«. Neben HOHE LUFT Chefredakteur Thomas Vašek war Christoph Störmer, Hauptpastor der St. Petri Kirche in Hamburg, als Diskussionspartner dabei. Obwohl man bei diesem sehr persönlichen Thema eine hitzige Debatte mit gegenseitigen Anschuldigungen und Infragestellung der geistigen Fähigkeiten der Vertreter der Gegenposition erwarten würde, erlebte das Publikum einen unaufgeregten Austausch von verschiedenen Glaubenskonzepten.

Thomas Vašek fehlt nach eigener Aussage die religiöse Musikalität und damit die Empfänglichkeit, religiös zu glauben. Auch mit dem christlichen Offenbarungsglauben tut er sich schwer. Was sagt ein Pastor dazu, für den offenkundig etwas Wahres am christlichen Glauben dran sein muss?
Für Christoph Störmer ist blinder Offenbarungsglaube nicht die richtige Art und Weise, die Bibel und das Christentum zu verstehen. Er spricht sich deutlich gegen jeden Fundamentalismus aus. Auch die biblischen Verse müsse man als Bilder und Geschichten verstehen, die Menschen aufgeschrieben haben und die uns etwas mitteilen können. Glaube entspringt seiner Ansicht nach in der Suche nach Resonanz und Berührungspunkten mit anderen. Dass Menschen sich nach Orientierung sehnen, sehe man in den verschiedensten Dingen, die Menschen tun um sich zu besinnen und zu sich selbst zu kommen. Da ist es beinahe egal, ob man Yoga macht, meditiert, eine Kerze anzündet oder betet. Wer glaubt, vertraut auf etwas und macht sich so verletzlich. Darum gehört eine große Portion Mut dazu, sich einem Glauben zu öffnen.

Zu Bedenken gibt Thomas Vašek, dass es dennoch einen großen Unterschied gibt in dem Glauben an die Naturgesetze oder an sich selbst und dem religiösen Glauben, der zwingenderweise einen Gott miteinschließt. Glauben tun wir alle viele Dinge, wie dass morgen die Sonne scheint oder, dass ein Stein nach unten fällt. Ohne irgendetwas zu glauben – also für wahr zu halten – könnte kein Mensch leben und handeln. Religiöser Glauben hat eine andere Natur. Man glaubt eben an Gott.
Christoph Störmer meint, dass Glaube und Zweifel unzertrennlich zusammengehören. Obwohl mit dem Glauben natürlich ein gewisser Wahrheitsanspruch einhergeht, ist er sich sicher, dass es keine Gottesbeweise gibt. Ohne Zweifel verfällt man in einen toten Dogmatismus und der bedeutet das Ende jeder fruchtbaren Auseinandersetzung. Diese Haltung ist sicherlich auch für jeden Philosophen wichtig. Am Ende des Tages glaubt dennoch immer noch jeder an das woran er glauben möchte. Oder eben auch nicht. Christoph Störmer will niemanden missionieren, gibt uns aber noch mit auf den Heimweg: »Meine Kirche ist immer offen«.

– Greta Lührs