Mensch Wulff: Ein Fall von Willensschwäche?

Was heißt es, Mensch zu sein? Fragen wir Christian Wulff. Als Bundespräsident müsse man „die Dinge so im Griff haben, dass einem das eben nicht passiert“, sagte er im Fernsehinterview zu seinem Anruf bei Bild-Chefredakteur Kai Diekmann: „Und trotzdem ist man Mensch, und man macht Fehler“. Darin muss man Wulff uneingeschränkt zustimmen. In der Tat: Menschen machen Fehler, sie schätzen Situationen falsch ein oder handeln schlicht unüberlegt. Der Bundespräsident hat sich für seinen „schweren Fehler“ entschuldigt, das macht ihn besonders menschlich.

Zu denken gibt allerdings seine Begründung. Der Anruf bei Diekmann sei mit seinem „eigenen Amtsverständnis nicht vereinbar“, sagte Wulff: „Denn ich will natürlich besonnen, objektiv, neutral, mit Distanz als Bundespräsident agieren. Und ich möchte vor allem Respekt vor den Grundrechten, auch dem der Presse und Meinungsfreiheit haben (…).“ Zu Recht fragte der Interviewer nach: Wenn Wulff das alles wirklich will, wenn er davon so überzeugt ist – warum dann der fatale „Drohanruf“ in eigener Sache? Wulff rief Diekmann absichtlich an, soviel ist klar. Sein „Fehler“ ist ihm nicht einfach passiert. Daraus lassen sich zwei mögliche Schlüsse ziehen. Entweder der Bundespräsident hat in Wahrheit ein ganz anderes „Amtsverständnis“, als er behauptet – und glaubt tatsächlich, dass es völlig in Ordnung ist, Medien zu drohen. In diesem Fall wäre er schlicht ein Lügner, und sein „Amtsverständnis“ untragbar. Oder aber er handelte eben gegen seine eigene Überzeugung, wie ein Bundespräsident zu agieren hat. Das wäre womöglich ein Fall von Willensschwäche oder Akrasie. Darunter verstehen Philosophen die Disposition, gegen das eigene wohlüberlegte Urteil zu handeln – also gegen das eigene Urteil, was zu tun am besten wäre.

Das altgriechische Wort „Akrasia“ bedeutet eigentlich Mangel an Selbstbeherrschung. Der Unbeherrschte sei „vom Richtigen überzeugt und handelt doch falsch“, sagt Aristoteles in der „Nikomachischen Ethik“(NE 1146b): Zum einen lässt er sich überwältigen von arationalen Wünschen, zum anderen erkennt er nicht, wie die eigenen Überzeugungen auf die jeweilige Situation anzuwenden sind. Unbeherrschtheit ist für Aristoteles daher unvereinbar mit Klugheit. Der Unbeherrschte handle nicht wie ein Wissender, sondern eher „wie ein Schlafender und Betrunkener“ – ähnlich einem Staat, in dem die „vortrefflichsten Gesetze bestehen, aber keiner sie anwendet“ (NE 1152a)

Man kann Wulff zutrauen, dass er prinzipiell zu wohlüberlegten Urteilen fähig ist. Aber womöglich fehlt ihm die praktische Vernunft, danach zu handeln. Dazu gehört die Fähigkeit, eine Situation richtig einzuschätzen. Man kann durchaus nachvollziehen, warum Wulff den Wunsch verspürte, bei Diekmann zu intervenieren. Offenbar war er wütend, weil er sich von der Bild-Zeitung hintergangen fühlte. Vielleicht unterlag er zum Zeitpunkt seines Anrufes sogar einer Art Selbsttäuschung und dachte tatsächlich, er handle als Privatperson. Auch das wäre durchaus menschlich. Aber eben nicht vernünftig.

Der amerikanische Philosoph Donald Davidson hielt Unbeherrschtheit nicht für ein moralisches Problem, sondern für eine Form von Irrationalität. „Das Besondere an der Unbeherrschtheit ist, dass sich der Handelnde selbst nicht verstehen kann: Er erkennt in seinem eigenen absichtlichen Verhalten etwas wesentlich Vernunftwidriges.“ Diese Auffassung teilen bis heute die meisten Philosophen. Es liegt auf der Hand, dass irrationales Handeln in der Politik problematisch ist. Das gilt erst recht für ein Amt, das in besonderem Maße Beherrschtheit oder eben „Besonnenheit“ erfordert. Von einem deutschen Bundespräsidenten muss man nicht viel erwarten. Manche seiner Überzeugungen können sogar falsch sein. Zu verlangen wäre allerdings, dass er im Einklang mit seinen Überzeugungen handelt – statt sich immer wieder dafür zu entschuldigen, dass er etwas getan hat, was er eigentlich gar nicht tun wollte.