Links und Rechts

Von Jörg Phil Friedrich

Nach der Legende beginnt die Einordnung politischer Strömungen in rechte und linke mit dem Parlamentarismus irgendwann um die vorige Jahrhundertwende. Da saßen rechts die, die die alte Gesellschaft erhalten wollten, während links die Platz genommen hatten, die meinten, dass die Gesellschaft radikal verändert werden musste. Allerdings hatte die Gesellschaft sich schon verändert, sonst hätten diese Leute nicht friedlich zusammen im Parlament gesessen.

Vergangenheit und Zukunft

Genau genommen ging den Rechten diese Veränderung schon zu weit, während die Linken meinten, dass die Gesellschaft sich noch viel weiter verändern müsste. Deshalb werden die Rechten auch als konservativ bezeichnet, während die Linken die progressiven sind. Beide sind mit der ganz aktuellen Gesellschaftsstruktur unzufrieden. Während die Rechten meinen, dass die Welt früher besser war, und wieder zurück wollen in eine Welt, die sie in der Erinnerung als angenehmer bewahrt haben, wollen die Linken die Welt verändern. Sie haben zwar keine Erfahrung mit dem, was sie als besser betrachten, aber sie sehen Möglichkeiten einer besseren Welt.

Allerdings kann sich die Sache auch umkehren. Wenn sich die Gesellschaft schon mal sehr weit nach links bewegt hat, kann eine Gegenbewegung aus konservativer Richtung auf den ersten Blick progressiv erscheinen. Die Erinnerung an die ideale Gesellschaft der Konservativen ist vielleicht schon verblasst, die Gesellschaft hat schon vieles umgesetzt, was die Linken sich wünschen: Jetzt sind es die Konservativen, die von Möglichkeiten reden, während die Linken das erhalten wollen, was sie aus den vergangenen Jahren noch in Erinnerung haben.

Der Bezug auf die Vergangenheit und auf die Möglichkeiten der Zukunft kann also nicht das einzige Kriterium sein, um Rechts und Links zu bestimmen. Man muss fragen, wo dieser Bezug überhaupt herkommt.

Vertrautes und Unbekanntes

Warum beziehen sich Rechte auf die Vergangenheit, während Linke die Möglichkeiten einer anderen Zukunft preisen? Was schätzen die konservativen Rechten an dem, was man war, warum hingegen lehnen die progressiven Linken diese Vergangenheit ab?

Das, was jemand an der Vergangenheit schätzt, ist die Vertrautheit, das Heimatgefühl, die Identifikation mit dem, wovon man meint, dass man sich darin wohlfühlt. Es ist das Eigene, das, wovon man meint, dass man darin mit seinesgleichen gut aufgehoben war und sich sicher eingerichtet hatte. Die aktuelle Gegenwart zeigt Veränderungen, die diese vertraute Heimat gefährden. Die Befürchtung ist, dass sich die Welt so sehr verändert, dass man damit gar nicht mehr zurechtkommt. Fremde Einflüsse und neue Ideen werden als Gefahr für die Sicherheit des eigenen vertrauten Lebens wahrgenommen. Das ist der Grund, warum die Rechten ihren Sehnsuchtsort in einer idealen Vergangenheit finden, in der sie ohne fremde Einflüsse so leben können, wie sie sich geborgen fühlen.

Anders sieht die Sache aus, wenn die Vergangenheit zwar gut bekannt erscheint, aber überhaupt nicht das Gefühl von Geborgenheit, Sicherheit und Heimat gibt, sondern eher von Unsicherheit, Gefahr und Ausgesetztheit. Wie auch das Wohlgefühl, das die Rechten mit der Vergangenheit verbinden, muss auch das Unwohlsein der Linken nicht mit materiellen Attributen der bloßen Existenz verbunden sein. Es kann auch sein, dass man sich in der aktuellen Gesellschaft nicht beheimatet fühlt, weil man sein Selbst, seine Identität, gerade nicht in dieser Welt finden und erleben kann.

Die Vieldeutigkeit von „Identität“

An dieser Stelle muss kurz über die Doppeldeutigkeit des Begriffs „Identität“ gesprochen werden. Ich kann mich einerseits mit etwas identifizieren, etwa mit einer Gegend, einer Menschengruppe, einer Idee einer guten Welt. Andererseits kann ich meine eigene Identität daraus bestimmen, dass ich selbst mich mit mir wohl fühle. Beide Identitätsbegriffe gehören zusammen. Im besten Fall kann ich mich nämlich mit einer Welt identifizieren, die am besten zu mir selbst passt. Diese Welt kann eine vergangene sein, die ich bereits erlebt habe, es kann die Gegenwart sein, es kann aber auch eine mögliche, noch nicht erlebte Welt sein.

Allerdings ist es für einen Menschen immer schwierig, die eigene Identität überhaupt zu bestimmen, ohne sich mit etwas in der Welt zu identifizieren. Dazu gehört zum Einen die Kraft und die Zeit zur ausgiebigen Reflexion eigener Wünsche und Erlebnisse, zum anderen ist es aber ganz ohne Erfahrung oder Erzählung kaum möglich, überhaupt eine Vorstellung einer eigenen Identität zu entwickeln. Sowohl in den eigenen Erfahrungen als auch in Erzählungen von möglichen Welten und Erfahrungen erlebt der Mensch aber die Identitäten anderer Menschen, somit ist wohl jede Identifikation als Ich-Selbst immer eine Identifikation mit Anderen, mit den Ideen, die andere gehabt haben, mit einer Welt, die andere entworfen und gestaltet haben.

Dazu kommt, dass der Mensch sich gerade in seiner Ablehnung der Welt oder der gesellschaftlichen Strukturen, mit denen er sich nicht identifiziert, mit anderen Menschen einig sein kann. Er identifiziert sich also mit einer Gruppe von Menschen, deren Mitglieder sich mit den bestehenden Verhältnissen gerade nicht identifizieren. In der Gemeinschaft dieser Gruppe fühlt er sich zuhause, hat er seine Heimat.

Das ist auch der Moment, in dem der Populismus ins politische Spiel kommt. Wenn die Identifikation nicht mehr vorrangig durch Übereinstimmung in der Sache erzeugt wird, sondern aus dem Wunsch heraus, sich eben mit einer Gruppe zu identifizieren, zu der man sich hingezogen fühlt und mit der man gern eins sein möchte, dann hört man nicht mehr auf Argumente im Einzelnen und prüft nicht mehr deren Überzeugungskraft, sondern man erfreut sich an Stimmungen in der Gruppe. Das ist der Nährboden für den Populismus, in dem die Gruppenidentität vor allem durch charismatische Führer, erhebende Gruppenerlebnisse und Abgrenzung zu anderen, die als Gefahr für das Gruppenerleben gesehen werden, erzeugt wird. Der Populismus braucht deshalb nicht nur den äußeren Feind, sondern auch den Ausschluss des Störenfrieds, der die schöne populistische Idee der Gemeinsamkeit zerstören könnte.

Bewährtes und Kontrollverlust

Diese komplexe Bestimmung von Identität müssen wir im Blick behalten, wenn wir die Identifikation von Rechten und Linken verstehen wollen. Rechte, so können wir dann sagen, identifizieren sich mit Gruppen von Menschen, die für die Bewahrung von Vertrautem oder die Rückkehr zu Bewährtem eintreten, weil sie in diesem Vertrauten und Bewährten ihre Selbst-Identifikation am besten mit der Struktur der Gesellschaft zusammenbringen können. Sie lehnen Störungen und Verschiebungen durch Neues und Fremdes ab. Da sie solche Veränderungen als Kontrollverlust über ihre Identität erleben, sind sie für mehr Kontrolle der Einhaltung bestehender Strukturen. Da sie im Alten bewährten ihre eigene Rolle und der von ihresgleichen am besten erleben und verstehen können, halten sie an diesen Rollenbildern fest und vor allem lehnen sie die Entstehung völlig neuer Rollen und Identitäten, die nicht zu ihrem Rollen- und Identitätsverständnis passen, ab.

Linke hingegen wollen solche neuen Rollen und Identitäten gerade möglich machen, weil sie die bestehende, alte Gesellschaft als beengend empfinden. Sie wollen Kontrolle einschränken, um ihre eigene Identität entwickeln und etablieren zu können. Sie begrüßen Neues und Fremdes, weil sie darin Optionen für die Ausbildung neuer Identitäten und Rollen sehen.

Die so gewonnenen Begriffe von Rechts und Links machen verständlich, warum sie sich so selbstverständlich auf Bereiche außerhalb des Ökonomischen anwenden lassen, aus dem sie, einer anderen Legende nach, ursprünglich gekommen sind. Es ist möglich, dass die Rechten das kapitalistische Wirtschaftssystem verteidigen, während die Linken es ablehnen, weil die Kapitalisten die Rechten sind, die von diesem System profitieren, während wir die Arbeiter als die Linken ansehen können, die von diesem System ausgebeutet werden. Aber das muss nicht zu jedem Zeitpunkt so sein und es wäre nur entscheidend, wenn wir die ökonomische Sphäre ganz marxistisch als Basis aller anderen gesellschaftlichen Sphären ansehen würden, die dann einen Überbau bilden. Nach unserem Verständnis sind Feministinnen und LGBT-Aktivisten genauso links wie etwa Umweltaktivisten, während wir die Autolobby, Leugner des Klimawandels und die Vertreter so genannter klassischer Geschlechterrollen auf der rechten Seite einordnen können.

Die Mitte im Spektrum

Ist es sinnvoll, eine solche eindimensionale Unterscheidung zu treffen? Für sie spricht, dass die intuitive Einordnung von politischen Standpunkten recht gut zu der Unterscheidung passt, die hier dargestellt ist. Und sie bildet auch das Spannungsfeld zwischen Veränderung und Bewahrung, zwischen Unübersichtlichkeit und künstlicher Kontrolle einfacher Strukturen ab.

Zwischen Links und Rechts gibt es auch etwas, die Mitte der Gesellschaft. Hier ist man mit der Gesellschaft, wie sie ist, recht zufrieden, akzeptiert aber, dass es Gründe gibt, sie zu verändern, sieht auch ein, dass man mit solchen Veränderungen vorsichtig und behutsam sein muss. Da unser Handeln die Welt verändert, müssen wir auch unseren Umgang mit der Welt ändern. Da wir aber nie alle Konsequenzen dieser Veränderungen absehen können, müssen wir vorsichtig sein. Da wir es grundsätzlich akzeptieren, dass jeder Mensch sein eigenes Glück in seiner je eigenen Identität finden möchte, akzeptieren wir, dass neue Identitäten die alten Rollenmuster durchbrechen. Wir wissen aber auch, dass Rollenmuster zur Stabilisierung der vertrauten Welt notwendig sind, und wollen auch deshalb vorsichtig sein.

Zwischen den Extremen

So, wie es die Mitte gibt, gibt es auch die Extremen. Die Rechtsextremen akzeptieren nur die eigene Identität und werten alles Fremde ab. Sie wollen es nicht nur in Schranken weisen, sondern machen es prinzipiell verächtlich, weil sie in allem Fremden ihr eigenes bedroht sehen. Sie gehen am Ende so weit, alles auf fremdes oder eigenes zu reduzieren und jegliches, was sie als fremd identifizieren, außer Welt schaffen zu wollen.

Auf der anderen Seite suchen die Linksextremen die Veränderung um ihrer selbst Willen. Sie halten jedes Vertraute für feindlich, weil es sie beschränken könnte. Sie suchen keine stabile bessere Welt, sondern das Chaos. Sie wollen das Vertraute schlicht deshalb zerstören, weil es vertraut ist, was an die Stelle des vertrauten gesetzt werden könnte, interessiert sie nicht, weil sie, sobald das Neue vertraut sein würde, auch dieses wieder bekämpfen würden.

In der Mitte der Gesellschaft muss man verstehen, dass man sowohl die Linken als auch die Rechten braucht, denn in den Sehnsüchten der Linken nach der Veränderung erkennt die Mitte zum einen die Gefahren des Beharrens als auch die Möglichkeiten des Neuen, so, wie in den Sorgen der Rechten die Gefahren der Veränderung und die Unwägbarkeiten des Unbekannten aufscheinen. Notwendig ist, beide Seiten zu akzeptieren und mit beiden im Gespräch zu bleiben.

Nur die Extremen müssen als solche benannt und gleichermaßen in die Schranken gewiesen werden. Dabei muss man auch akzeptieren, dass die Linken sich von den Linksextremen und die Rechten sich von den Rechtsextremen nicht genauso abgrenzen können, wie es die Mitte kann. Auch um das zu verstehen, ist das Modell des eindimensionalen Spektrums hilfreich. Wenn ich aus der Position der Mitte die Rechten und Linken toleriere und akzeptiere, kann ich nicht von diesen verlangen, dass sie ihre jeweiligen Extreme genauso ablehnen wie ich. Vor allem kann ich diese Abgrenzung nicht zur Voraussetzung für den Dialog und die Zusammenarbeit machen. Ich muss immer mit denen die Zusammenarbeit suchen, die mir im politischen Spektrum nahe sind, und verstehen, dass diese wiederum auch anderen näher sind, als ich es bin.

Rechts oder Links – wer ist gefährlicher?

Das Modell des politischen Spektrums, das ich hier zu entwickeln versucht habe, zeichnet ein ausgewogenes Bild zwischen Rechts und Links. Auf beiden Seiten gibt es einen Übergang zur Mitte, auf beiden Seiten gibt es Populisten, und an den Rändern gibt es auf beiden Seiten einen Übergang zum Extremismus.

Ob jemand lieber mit den fortschrittlichen Veränderern sympathisiert oder eher mit denen, die Altes bewahren oder sogar wiederherstellen wollen, hängt vielleicht von grundsätzlichen Einstellungen zur Welt, vielleicht auch von individuellen Standpunkten zu verschiedenen politischen Themen, am Ende wohl auch von der persönlichen Lebenssituation ab. Was da richtig und falsch ist, kann in einem philosophischen Text nicht entschieden werden – und deshalb halte ich mich da bewusst zurück.

In unserem heutigen politischen Diskussionsklima wird „Rechts“ oft mit dem identifiziert, was hier mit „rechtsextrem“ gekennzeichnet wurde. Kaum jemand, der nicht extrem ist, lässt sich gern als „Rechter“ bezeichnen, auch wenn er sich für konservativ hält. Die Begriffe sind in der Diskussion moralisch verzerrt und vielleicht lässt sich das theoretische Modell des politischen Spektrums aus diesem einfachen Grund nicht mehr in den Begriffen Rechts und Links fassen. Das würde aber nichts daran ändern, dass es sich um ein brauchbares Modell handelt.

Wenn man die Gefahr für die Gesellschaft beurteilen möchte, die von den extremistischen Rändern des Spektrums ausgeht, dann bleibt das ausgewogene Modell erhalten: Sowohl die rechten als auch die linken Extremisten möchten die Gesellschaft so radikal erschüttern, dass etwas entsteht, was aus aktueller Perspektive die Grundlagen eines funktionierenden Systems gefährdet, ohne dass wir sicher sein können, was daraus entsteht. Beide sind also gleichermaßen gefährlich.

Braucht die Gesellschaft die Extreme?

Allerdings kann man doch aus theoretischer Perspektive eine Aussage treffen, ob eine Gesellschaft vielleicht so etwas wie einen extremen Impuls aus der einen oder anderen Richtung braucht. Jede Gesellschaft muss auf Veränderungen reagieren, die sie nicht „in der Hand hat“. Die Bedingungen unserer Existenz ändern sich fortwährend. Andererseits gibt es eine Neigung, diese Veränderungen zu ignorieren und in ihrem Ausmaß so lange wie möglich zu unterschätzen. Zugleich entstehen in jeder stabilen Gesellschaft Machtstrukturen, die von denen, die die Macht haben, erhalten und reproduziert werden. Beides zusammen fördert die Tendenz, notwendige Veränderungen zu lange hinauszuzögern. Zudem haben diejenigen, die von etablierten Machtstrukturen unterdrückt werden, von Natur aus weniger Möglichkeiten, ihre Interessen innerhalb des bestehenden Systems ausreichend zu artikulieren, als diejenigen, die die Macht haben.

Demzufolge braucht eine Gesellschaft eher Impulse von Links als von Rechts – Links und Rechts hier in dem oben entwickelten allgemeinen Sinn verstanden, der sich nicht nur aufs klassisch ökonomische Feld, sondern auf alle gesellschaftlichen Felder, in denen Machtstrukturen etabliert sind, bezieht.