HOHE LUFT
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Es lebt!

Mit einer eindrucksvollen Computeranimation haben amerikanische Astronomen vor kurzem erstmals demonstriert, dass sich die Milchstraße und rund hunderttausend weitere Galaxien zu einem gigantischen Gebilde zusammenfügen. Ihre Entdeckung, einen Galaxie-Superhaufen, haben die Forscher Laniakea getauft (hawaiisch für „unermesslicher Himmel“).

Die digitale Modellierung von Laniakea erinnert in verblüffender Weise an die mikroskopische Aufnahme einer Lebensform. Wie Adern durchziehen Materieströme den Körper dieses unvorstellbar großen Sternenwesens; eine Zone, die von den Forschern als „großer Attraktor“ bezeichnet wird, versetzt die Galaxien in eine ständige Fließbewegung, nicht anders als ein Herz, das für einen kontinuierlichen Blutstrom sorgt. Mit ihrem Leib aus lichten Fäden sieht Laniakea aus wie ein engelhaftes Pantoffeltierchen.

Für die alten Griechen war das Wort „κόσμος“ (kósmos) – das sich auch als „Schmuck“ ins Deutsche übersetzen lässt – zunächst eine Metapher für die Geordnetheit der Welt. Kosmos war das Gegenteil von Chaos. So wie ein Schmuckstück nur das Produkt der absichtsvollen Gestaltung eines Kunsthandwerkers sein kann, so wies nach dem Verständnis der antiken Naturphilosophen auch das Weltganze die Spuren einer planvollen Durchdachtheit auf. Wenn man Laniakea betrachtet, so fühlt man sich geneigt, den Kosmologen von ehedem Recht zu geben – was wir hier vor uns haben, ist nicht der chaotische Trümmerhaufen einer „Big Bang“ genannten Explosion, sondern ein gestalthaftes und in höchstem Maße organisiertes Sternenaggregat, das wegen des Zusammenwirkens seiner Teile fast wie ein Organismus anmutet.

In Platons naturphilosophischem Dialog „Timaios“ heißt es, der Kosmos sei beseelt. So wie ein einzelner Menschenkörper von der ihm innewohnenden Seele geformt und belebt wird, so wird auch der Kosmos von der Weltseele geordnet und erhalten. Atome verbinden sich zu Molekülen, biologische Zellen gruppieren sich zu Organismen und Galaxien verschmelzen zu Super-Clustern. Alles hat seine Ordnung, alles baut aufeinander auf. Dass wir Modernen in Laniakea nur im übertragenen Sinne etwas Lebendiges erblicken können – ist das vielleicht der Grund, weshalb bei uns Menschen, anders als bei den Zellen und den Sternen, alles aus den Fugen gerät?

– Danilo Flores

1 Kommentare

  1. E-Peter Knopf sagt

    Manches muss aus den Fugen geraten, um auf wundersame Weise wieder zusammengesetzt zu werden.

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