HOHE LUFT
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Du musst dein Leben surfen!

Auch auf Hawaii kann man die Spiele der deutschen Mannschaft verfolgen – allerdings meist um neun Uhr morgens. In der bekanntesten Sportbar findet sich dann lediglich eine Hand voll Fussballfans ein, die Mehrheit davon Touristen. Das Herz der Einheimischen hingegen schlägt für einen ganz anderen Sport: Wellenreiten. Die Anzahl der Surfer am Strand von Waikiki übersteigt die der Fussballfans schon bei Sonnenaufgang um das dreifache. Doch auch wenn Surfen heute genauso wettbewerbsorientiert ausgeübt wird wie traditionelle Sportarten, ist es doch nur schwer mit diesen zu vergleichen. Der französische Philosoph Gille Deleuze erkannte im Umgang mit Energie die entscheidende Besonderheit des Wellenreitens. Im Ballsport oder der Athletik liefert der Akteur eine ausgehende oder blockierende Kraft. Er schießt den Ball, wirft den Speer oder pariert den Schlag des Gegners. Wellenreiten hingegen lebt vom Eintritt in eine entstehende Bewegung und dem Experimentieren mit dieser Energie. Wenn man Wellenreiten jedoch so charakterisiert, könnte man es durchaus als ein gelebtes Beispiel für Bergsons Philosophie der Intuition begreifen.

Der Lebensphilosoph und Nobelpreisträger Henri-Louis Bergson war nämlich der Ansicht, dass sich uns die Welt normalerweise nur in ihrer unbewegten Form erschließt, weil wir uns ausschließlich auf Analysen des Verstandes verlassen. Dabei entgeht uns jedoch die sogenannte „Dauer“, also der Prozess des Werdens der Dinge selbst. Dieses Werden können wir nicht analytisch erfassen, da unser Geist immer nur das bereits Entstandene erkennt – als blickten wir durch ein Kaleidoskop. Obwohl dessen Teilchen in flüssiger Bewegung ihre Positionen ändern, erfassen wir doch nur die bizarren Muster am Anfang und Ende der Drehung. Genau so ergeht es uns, wenn wir versuchen, die Welt ausschließlich intellektuell zu erfassen. Wir untersuchen ein herausgehobenes Standbild, während uns das eigentliche Geschehen entgeht. Weil das radikale Entstehen nicht geschaut werden kann, muss es erfühlt werden. Deswegen stellt Bergson dem Intellekt die Intuition als eines der wichtigsten Instrumente unserer „Einsicht“ an die Seite. Diese Intuition darf jedoch nicht als antiintellektuelle Esoterik missverstanden werden. Der Surfer etwa befindet sich mitten in der realen Welt des Ozeans.

Fokussiert wartet er auf die richtige Welle, welche sich scheinbar plötzlich und zufällig aus dem Meer erhebt. In Wirklichkeit ist die Welle jedoch ein Produkt komplexer Interaktionen von Wind, Wasser und Meerestiefe, die sich durchaus in mathematischen Graphen darstellen lassen. Diese Graphen repräsentieren nichts anderes als das Werden der Welle. Wenn der Surfer nun die Welle reitet, steigt er ein in das angehende Werden der Welle. Hier ist verloren, wer die Situation theoretisch erfassen will. In der Welle regiert die Intuition. Der Surfer erfühlt die Kräfte des Werdens im Moment ihrer Entstehung. Er fühlt den Sog, die Strudel um seine Finne, das Brechen der Röhre – und reagiert darauf mit Gewichtsverlagerung und Tempovariationen. Der Ritt auf der Welle gelingt nur durch dieses intuitive Erfassen der Dauer – und dem freien Spiel mit ihm. Doch irgendwann wird auch der erfahrenste Surfer ins Wasser stürzen. Er wird fallen, sich zurück aufs Brett ziehen und erneut hinaus paddeln. Sein Verstand analysiert den vorangegangenen Ritt – und korrigiert so die Intuition nachträglich. Nur diese Verbindung von analytischer Reflexion und intuitivem Erfühlen des Werdens lässt einen zum wahren Kern der Dinge vordringen – nicht der einseitige Fokus auf Verstand oder Gespür. Vielleicht würde daher sogar Bergson heute zustimmen, dass ein wirkliches Streben nach Erkenntnis nichts anderes heißt, als das Leben zu surfen.

– Robin Droemer

 

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