HOHE LUFT
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Die Wüste und das Nichts

Nichts und Stille. Das ist die Negev-Wüste Israels. Hier liegt Maktesh Ramon, ein natürlicher Krater, geformt in tausenden Jahren Erosion. Wer sich hier rein wagt, macht die erhebende Erfahrung, nichts zu hören außer den eigenen Atem, das Knirschen der Stiefel im Schotter und, mit etwas Glück, ein leises Heulen des Windes. Oder, wie ich, ein fröhliches „Gruezi!“: Denn nach drei Stunden stiller Wanderschaft werde ich überholt. Mein Verfolger ist Schweizer, Informatiker und Wanderprofi – Zip-off Pants und Energieriegel inklusive. Außerdem sind wir Namensvettern. So wird meine Wanderschaft mitten im Nichts vorübergehend eine unterhaltsame Plaudertour. „Mitten im Nichts“ stimmte ja sowieso nicht ganz. Immerhin reiht sich hier Stein an Stein, es gibt Sträucher und ab und zu einen Käfer. Und was sollte das auch bitte schön sein, das Nichts?

Schon die Schreibweise bereitet Probleme: Meine ich nichts oder Nichts? Beides bedeutet etwas anderes – obwohl ja eigentlich nur Seiendes eine Bedeutung haben kann. Deswegen stellen wir uns wohl auch immer etwas vor, wenn wir an das Nichts denken: etwa das Weltall oder eine unendliche weiße Fläche. Das wäre zwar nicht viel, aber doch immerhin nicht nichts. Entweder übersteigt das Nichts also meine Vorstellungskraft oder ich jage ein Phantom. Letzteres ist die Überzeugung des Sprachphilosophen Rudolf Carnap. Seiner Ansicht nach kann man nicht sinnvoll über das Nichts sprechen, weil das Nichts als solches gar nicht existiert. „Ich treffe einen Schweizer mitten im Nichts“ mag ein grammatikalisch korrekter Satz sein. Empirisch verifizierbar ist er aber nicht. Zwar können wir offensichtlich Dinge verneinen. Das Nichts an sich existiert anscheinend jedoch nicht.

Für eine zutiefst unlogische Entität hat das Nichts allerdings eine steile Karriere hinter sich. Immerhin ist mit dem Nihilismus eine ganze Denkrichtung nach ihm benannt, Sartre’s Hauptwerk trägt den Titel Das Sein und das Nichts, und auch im Zen-Buddhismus spielt das Nichts die Hauptrolle. Selbst der christliche Gott schuf die Erde aus dem Nichts (permanentes Nichts wäre ja auch extrem langweilig). Und wer an nichts glaubt, der erwartet am Ende des Lebens wohl trotzdem das Nichts.
Natürlich ist eine Wanderung durch die Wüste keine wirkliche Reise in das Nichts. Dennoch existiert hier weniger Seinedes als anderswo. Man könnte sagen, dass man sich dem Nichts ein wenig annähert. Und das ist durchaus eine philosophische Erfahrung. Denn in meinem Alltag hat mich das Sein fest im Griff. Ich habe keinen Platz für Nichts.

Hier ist das anders. Ich spüre mein Sein, aber ich fühle auch das Nichts. Das ist bedrohlich und beruhigend zugleich. Schließlich weiß ich, das mein Sein irgendwann vorbei sein wird. Darauf kann man sich verlassen. Die Wüste lässt mich dieses Nichts erahnen, und rückt vor dessen Hintergrund mein Sein in ein anderes Licht. Es erscheint mir plötzlich wichtiger und unwichtig zugleich. Wenn mich so ein Nichts erwartet, sollte ich mein Sein mehr wertschätzen, jeden Tag meines Lebens. Andererseits will ich mich nicht von unwichtigen Dingen stressen lassen. Auch sie enden irgendwann im Nichts, und das nimmt ihnen irgendwie die Bedeutsamkeit. Das denke ich, während der Schweizer neben mir seine Teleskop-Wanderstöcke aus Fieberglas geübt in den Boden sticht. Ich merke, dass wir schon lange Schweigen. Nichts und Stille.

– Robin Droemer

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