HOHE LUFT
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Die Diskussion um Lebensformen ist keine der sexuellen Ausrichtung

Als Reaktion auf den Leitartikel „Lebensformen darf man kritisieren“ der nächsten Ausgabe von HOHE LUFT (erscheint am 20.03.) haben unsere Textchefin Andrea Walter, Volontärin Greta Lührs und Redakteurin Christina Geyer einen Text verfasst, der als Gegenstandpunkt zu verstehen ist.

Der Titel des Leitartikels von Thomas Vašek und Tobias Hürter ist zugleich auch deren zentrale These: „Lebensformen darf man kritisieren“. Soweit so gut. Das ist eine These, die man vertreten kann. Wo aber liegt dann das Problem?

Das Problem ist, dass homosexuelle Lebensformen als Aufhänger für diese These herangezogen werden. Das ist aus folgenden Gründen problematisch:
Zuallererst geht es am Anfang des Artikels um Hitzlspergers Coming-Out und um den Hype, der um dieses Ereignis gemacht wird. Anstatt zu fragen, warum es innerhalb unserer Gesellschaft immer noch eine so große Überwindung darstellt, sich zur Homosexualität zu bekennen, fragen die Autoren, ob man homosexuelle Lebensformen akzeptieren und gutheißen muss. Eine Frage, die sich rund um Hitzlsperger und sein Outing überhaupt nicht stellt, da es in seinem Fall nicht um irgendeinen Lebensentwurf, sondern schlichtweg um seine sexuelle Orientierung und deren gesellschaftliche Ächtung geht – insbesondere in Szenen mit gesetzten Geschlechterrollen wie der des Profifußballers.

Weiterhin bestehen die Autoren auf einer Differenzierung von Homosexualität als Orientierung und den daraus resultierenden Lebensentwürfen – die ganz verschieden ausfallen können (dass es nicht eine determinierte homosexuelle Lebensform gibt, ist für die Autoren offensichtlich). Diese Differenzierung ist unserer Meinung nach nicht wirklich haltbar, wenn im weiteren Verlauf von „homosexuellen Lebensformen“ gesprochen wird. Wir haben uns gefragt, was eine genuin homosexuelle Lebensform sein könnte – und finden eine Broschüre zum Umgang mit Vielfalt, herausgegeben vom Ministerium für Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie des Landes Nordrhein-Westfalen. Darin heißt es: „Lebensformen werden gewählt, Gefühle und sexuelle Orientierung nicht. ‚Lebensform‘ ist die Art und Weise, wie eine Person ihr Leben führen möchte. […] Es handelt sich um eine sehr individuelle Angelegenheit, die nicht immer verallgemeinert oder auf eine Gruppe von Menschen übertragen werden kann.“  Weiterhin steht dort: „In der EU haben Lesben und Schwule verschiedene Lebensformen entwickelt. Für einige ist der Aspekt der Diskriminierung ausschlaggebend.“

Daraus erst resultieren etwa Symbole, die die Gesellschaft dann als „homosexuelle Symbole“ und Ausdruck einer „homosexuellen Lebensform“ wahrnehmen. Ausgangspunkt dabei ist jedoch erst eine vorangegangene Ausgrenzung. Wir finden: Klar kann man Lebensformen kritisieren, es macht jedoch wenig Sinn, nach der Kritisierbarkeit von „homosexuellen Lebensformen“ zu fragen. Oder was genau wäre dann eine „heterosexuelle Lebensform“, wenn wir davon ausgehen, dass Lebensformen frei gewählt werden?!

Laut dem Leitartikel darf niemand aufgrund seiner sexuellen Orientierung diskriminiert werden – es geht also nicht um eine Kritik an Homosexualität. Aber es wird zugleich die Frage aufgeworfen: Muss man darum auch Lebensformen, die aus der sexuellen Orientierung heraus entstehen, gutheißen? Aber was ist an dieser Stelle gemeint – die gleichgeschlechtliche Ehe oder Queerfamilies?

Etwas in Verbindung mit dem Stempel „homosexuell“ gutzuheißen funktioniert unseres Erachtens nicht und verhindert eine sachliche Diskussion um verschiedene Lebensentwürfe. Wenn wir davon ausgehen, dass jeder freie Hand hat, was Liebesbeziehungen oder auch erotische Beziehungen anbelangt: Was bleibt dann als Diskussionsgrundlage für Lebensformen übrig? Lebensformen sind laut Rahel Jaeggi durch eine Reihe sozialer Praktiken geprägt. Beispielsweise ist die Kernfamilie, wie sie in unserer Kultur maßgeblich auftritt, eine gewisse Lebensform. Wenn man Lebensformen kritisieren darf, dann darf man also die gutbürgerliche Familie genauso kritisieren wie eine Regenbogenfamilie oder den Single-Status. Lebensformen können durchaus Gegenstand einer öffentlichen Debatte sein.

Allerdings leuchtet es in diesem Zusammenhang kaum ein, als Beispiel für eine noch zu diskutierende Lebensform – etwa das staatliche Siegel für eine gleichgeschlechtliche Ehe anzuführen: Da die Ehe als Lebensform von der Gesellschaft bereits seit Langem anerkannt ist und die sexuelle Orientierung – darin ist man sich einig – nicht diskriminiert werden darf, gibt es eigentlich keinen haltbaren Grund, Homosexuellen die gleichgeschlechtliche Ehe zu verwehren – auch, wenn gewisse Parteien das noch immer tun. An dieser Stelle geht es ja gerade nicht um verschiedene Lebensformen, sondern um Gleichberechtigung.

Obendrein wird, wenn der Aufhänger des Leitartikels ist, dass homosexuelle Lebensformen „auch“ kritisierbar seien, eine neutrale Ausgangsposition eingenommen, die so in der Realität gar nicht gegeben ist. Es macht de facto einen großen Unterschied, ob eine Minderheit, die seit Jahrzehnten für mehr Anerkennung und Toleranz, für die Gleichstellung ihrer Lebensentwürfe sowie für ihre sexuelle Selbstbestimmung kämpft, ständig für ihre „abweichende“ Lebensform kritisiert wird, oder ob Kritik an bestehenden Normen wie der traditionellen Familie oder der heterosexuellen Partnerschaft geübt wird.

Zu sagen, man dürfe beide Lebensformen kritisieren, ist dann zwar wahr, verkennt aber ganz offenbar die Machtverhältnisse, die in unserer Gesellschaft vorherrschen und die bestimmen, wer an wem wie herumkritisieren darf und mit welcher gesellschaftlichen Wirkung. Um also eine gleichberechtigte Diskussion über verschiedene Lebensformen in der Öffentlichkeit zu führen, muss der Fokus auf der sozialen Praktik liegen und zwar nur auf dieser – losgelöst von der sexuellen Orientierung.

Dann können wir Fragen stellen wie: Was ist eine Familie? Was soll sie heute leisten? Welche Art des Aufwachsens ist gut für Kinder und inwiefern ist der Staat berechtigt, dies zu beurteilen? Hier geht es um Konzepte, ja, um Entwürfe, die dann für jedes Paar gleichermaßen gelten sollten. Wir sollten uns nicht an einer „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen“-Rhetorik festbeißen, sondern Diskussionen auf Augenhöhe suchen – ungeachtet der sexuellen Gesinnung. Dann ändert sich nämlich auch konsequenterweise die Conclusio von Vašek und Hürter: Aus „Wirklich angekommen sind Homosexuelle erst, wenn über ihre Lebensformen auch kritisch diskutiert wird“ wird dann ein integratives „Lebensformen können kritisch diskutiert werden“ – ganz gleich, ob die Lebensform nun Homosexuelle, Bisexuelle, Transsexuelle oder Heterosexuelle betrifft.

Andrea Walter, Greta Lührs & Christina Geyer

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