HOHE LUFT
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»Ich mach mir die Welt…

…wie sie mir gefällt.« Singt die schwedische Kindheitsheldin Pippi Langstrumpf und verbreitet damit die frohe Botschaft, dass alles möglich ist, wenn man es nur will. In ihrer Welt wird man durch die Krummelus-Pille niemals erwachsen und zwei mal drei macht vier. Kann man sich einfach hinstellen und seine eigene Welt erfinden?

Dem Konstruktivismus zufolge gibt es die eine, erkennbare Welt überhaupt nicht. Welt und Wirklichkeit werden durch den Menschen konstruiert. Dabei erstellt jedes Individuum seine ganz eigene Weltversion durch die kognitive Verarbeitung und Deutung der Sinneseindrücke. Objektive Wahrheiten, wie sie etwa in den Naturwissenschaften erforscht werden sollen, kann es demnach nicht geben – Wahrheit ist subjektiv. Der amerikanische Philosoph Nelson Goodman (1906 – 1998) vertrat in seinem Buch »Weisen der Welterzeugung« die Theorie, dass selbst sich scheinbar ausschließende Wahrheiten gleichzeitig wahr sein können, je nachdem in welchem Kontext sie geäußert werden. Die Wahrheit einer These hängt somit von der Welt ab, auf die sie referiert. Somit gibt es eine Vielzahl an Welten, die nebeneinander existieren und ihre ganz eigenen Symbolsysteme haben.
Wenn es keine Wahrheit gibt, die für alle verbindlich ist, landet man dann in einem beliebigen Relativismus in dem jeder machen kann, was er will? Ist dann zwei mal drei in der einen Welt vier und in einer anderen sechs?

Besonders von Seite der Naturwissenschaften gibt es erhebliche Einwände gegen den Konstruktivismus, gehört ein universeller Wahrheitsanspruch doch zum Kern ihres Faches. Für mathematische Wahrheiten würden viele geltend machen wollen, dass sie nicht beliebig sind. Zwei mal drei macht in unserem Symbolsystem eben nicht vier und es ist auch schwer eine Welt vorstellbar, in welcher diese Rechnung aufgeht.
Der in Berkeley lehrende Philosoph John Searle beschränkt seinen Konstruktivismus auf die soziale Wirklichkeit. Ein Gebäude wird ihm zufolge eben erst dann zu einer Universität, wenn wir es dafür halten und so benutzen. In diesem Sinne schafft nicht jeder seine eigene Welt, sondern durch Interaktion untereinander wird eine gemeinsame Welt erschaffen, in der sich zusammen leben lässt. Pippi Langstrumpfs Mathematik hätte bei Searle aber keine Chance: Naturwissenschaftliche Erkenntnisse sind für ihn objektiv wahr und ihr Lied ist demnach einfach falsch. Das ist für Pippi aber vermutlich gar kein Problem.

Greta Lührs

VERANSTALTUNGSHINWEIS

Salon Luitpold: Salonlektüren im Cafe Luitpold. Thema:

»Marguerite Duras, Schreiben oder die Kunst des Welterfindens«
Lesung und Gespräch mit der Performancekünstlerin Claudia Fischer, der Schriftstellerin Rabea Edel und dem Verleger Michael Krüger. Moderiert von Nicole Wiedinger.

Dienstag, 14.01.2014
20:00 Uhr
Cafe Luitpold
Brienner Straße 11
80333 München

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